12.04.2010 · Die weibliche Fußball-Mannschaft von Iran darf nicht an den Olympischen Jugendspielen teilnehmen, weil die jungen Frauen aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen müssen. Die Funktionäre machen sie ein zweites Mal zu Opfern.
Von Evi SimeoniDie Mädchen fragt niemand. Sie sind zwischen vierzehn und achtzehn Jahren alt, leben in Iran und möchten Fußball spielen. Doch das ist schwer. Die Diktatur in ihrem Land verlangt, dass sie ihren Sport im Geheimen ausüben, üblicherweise in geschlossenen Hallen, streng abgeschirmt von Männern und unerbittlich kontrolliert von Sittenwächterinnen. Sie verlangt auch von ihnen, dass sie dazu unzweckmäßige Kleidung, den Hijab, tragen: zu weite Trikots und labberige Trainingshosen, die Arme und Beine ganz verhüllen. Der Kopf muss mit einem Kopftuch bedeckt sein, unter dem kein Haar hervorschauen darf. Das rutschgefährdete Tuch wird gehalten von einem Stirnband.
Die Spielerinnen hören nicht besonders gut unter ihrem Tuch, die Kommunikation innerhalb der Mannschaft ist erschwert, die Pfiffe des Schiedsrichters allerdings nehmen sie ohne Probleme wahr. Eigentlich könnten sie an einem ordentlichen Fußballspiel teilnehmen in diesem Aufzug, die Kleidung behindert die Gegnerinnen nicht, höchstens sie selbst. Doch das dürfen sie nicht.
Der Internationale Fußballverband (Fifa) lässt es nicht zu. Nach neun Monaten Hin und Her hat die Fifa in dieser Woche dem Fußballverband von Iran (IFF) mitgeteilt, dass man seine weibliche Mannschaft nicht an den Olympischen Jugendspielen im August in Singapur teilnehmen lässt, weil die Mädchen aus religiösen Gründen nicht ohne Kopftuch antreten dürfen. Die Verhandlungen sind gescheitert, beide Seiten pochen auf die Buchstaben ihrer Gesetze, ob nun Scharia oder internationales Fußball-Reglement. Nur die Mädchen fragt niemand.
Kritik aus feministischen Kreisen
„Die Frage ist: Wer ist hier das Opfer?“, sagt Ayat Najafi, ein Film- und Theaterregisseur aus Teheran, der zusammen mit den Berliner Geschwistern Assmann einen aufsehenerregenden Dokumentarfilm über Frauenfußball in Iran gedreht hat. Es ging um ein Spiel vor vier Jahren in Teheran zwischen einer Berliner Mannschaft und einem Team aus couragierten iranischen Frauen, die wegen des Kopftuch-Verbots der Fifa noch nie eine internationale Begegnung hatten bestreiten können; es endete 2:2.
Die Berlinerinnen trugen auch den Hijab, was ihnen Kritik aus feministischen Kreisen einbrachte. Andererseits hätten sie ohne die vorgeschriebene Kleidung in Teheran überhaupt nicht spielen dürfen. Die Begegnung mit den Iranerinnen, die in ihrem Sport ein Stück Befreiung von den Einschränkungen ihres Lebens sehen, wäre nicht möglich geworden.
Zementiertes Kopftuch-Verbot
„Die Opfer“, sagt Najafi, „sind die iranischen Frauen. Sie haben nicht selbst entscheiden können, das Kopftuch zu tragen.“ Wenn sie Fußball im Hijab spielten, sagt er, bedeute dies trotz allem eine Auflehnung gegen das repressive Frauenbild der Mächtigen. Najafi lebt in Berlin und ist Gegner des iranischen Regimes. „Ich bin natürlich gegen das Kopftuch“, sagt er. Doch man müsse abwägen. „Es ist schwierig.“ Gerade habe er zum Beispiel in einer iranischen Zeitung gelesen, dass in dem Land nun überlegt werde, die Bekleidung zu verändern, um sie mit den Fifa-Bedingungen konform zu machen. Also eine Lockerung? Die Ausrüstungsregel 4 des Fifa-Reglements sieht allerdings überhaupt keine Kopfbedeckung vor.
Das Kopftuch-Verbot zementierten die erzkonservativen Regelhüter vom International Football Association Board (IFAB) bereits im März 2007, nachdem ein Schiedsrichter ein muslimisches Mädchen in Kanada von einem Spiel ausgeschlossen hatte, weil es den Hijab trug. Der IFAB besteht aus Repräsentanten der vier britischen Verbände plus vier weiteren Fifa-Mitgliedern und wird von der Fifa als höchste Regel-Instanz anerkannt. Im Oktober 2009 bestätigte der IFAB seine frühere Entscheidung.
Fairplay und Co. wichtiger als Siege
Im Regelwerk heißt es, Spieler müssten Hemd, Hose, Strümpfe, Schienbeinschoner und Schuhe tragen. Kopftücher kommen in dieser Aufzählung nicht vor. Daraus schlossen die Herren in einer Buchstabentreue, die auch einer Gruppe von Religionsfanatikern gut anstünde, dass der Hijab verboten sei. Der Brite Brian Barwick, 2007 am ersten Richterspruch beteiligt, erklärte damals lebensfern, aber bindend: „Es ist absolut richtig, sensibel gegenüber den Gedanken und Philosophien der Leute zu sein. Genauso gut aber muss es ein Regelwerk geben, an das man sich hält, und wir ziehen es vor, uns an die Regel 4 zu halten.“
Es sind Mädchen und junge Frauen. Sie wollen an den Olympischen Jugendspielen teilnehmen, dem Lieblingsprojekt von Jacques Rogge, dem belgischen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Mit diesen Spielen erheben die Olympier einen hohen pädagogischen Anspruch: Sie sollen den Jugendlichen die olympischen Werte nahebringen und ihnen die Erfahrung vermitteln, dass Fairplay, Toleranz, Miteinander und der Austausch der Kulturen wichtiger sind als Siege.
IOC versus Fifa
Doch im konkreten interkulturellen Toleranzfall verschanzt sich das IOC hinter den Formalien: Die technische Gestaltung der Fußballwettbewerbe bei den Jugendspielen obliege der Fifa, heißt es in einem dürren Statement aus Lausanne. Und deren Entscheidung entspreche den Regeln. Die Nachfrage, ob das IOC tatenlos zusehen will, wie die Fifa die Ansprüche des IOC an die Jugendspiele konterkariert, wurde nicht beantwortet. Immerhin macht Vizepräsident Thomas Bach, der betont, an dem Vorgang nicht beteiligt zu sein, einen Vorschlag zur Güte: „Über die Regeln der Fifa kann sich das IOC zwar nicht hinwegsetzen“, sagt der Rechtsanwalt aus Tauberbischofsheim.
„Aus meiner Sicht sollte man aber überlegen, ob man die Mannschaft nicht einlädt, zumindest an den anderen Programmen der Olympischen Jugendspiele teilzunehmen. Gerade wegen des Anspruchs der Spiele, über den reinen Sport hinauszugehen.“ Neben den hochklassigen Wettkämpfen wird es in Singapur auch ein Kultur- und Bildungsprogramm und andere gemeinschaftliche Sportaktivitäten geben.
Desinteresse oder Angst vor Konflikten?
Auch die Fifa mauert in ihrem unterirdischen Hauptquartier in Zürich. In der Medienabteilung heißt es, Generalsekretär Jérôme Valcke, der den endgültigen Absagebrief an den iranischen Verband schrieb, habe keine Zeit, sich zu dem Thema zu äußern. Auch nicht nach der Rückkehr von seiner aktuellen Reise nach Südafrika. Schließlich gebe es täglich unzählige Interview-Anfragen an die Fifa, denen könne nicht so einfach entsprochen werden. Außerdem stehe jetzt die Weltmeisterschafts-Endrunde in Südafrika vor der Tür. Und tatsächlich beginnt diese ja schon am 11. Juni.
Desinteresse oder Angst vor Konflikten? Bahram Afsharzadeh, der Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees von Iran (NOK), hat die Ablehnung als Verletzung der muslimischen Rechte bezeichnet. Seine Organisation hat Protestbriefe an das IOC, die Fifa und drei weitere Dachorganisationen des Sports verschickt. Nach Medienberichten hat er außerdem muslimische Länder in aller Welt zur Solidarität aufgerufen. Politisch brisante Resonanz auf diesen Aufruf ist wegen der isolierten Rolle Irans allerdings nicht zu erwarten.
In Peking im Hijab am Start
Immerhin kann sich das NOK darauf berufen, dass andere Sportarten traditionelle muslimische Frauenkleidung längst akzeptiert haben, solange sie praktikabel bleibt. Mehrere Sportlerinnen waren zum Beispiel bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking im Hijab am Start. Offenbar sah das IOC das Kopftuch nicht als politische oder religiöse Manifestation, wie sie die olympische Charta verbieten würde. Die Sprinterin Ruqaya Al-Ghasara aus Bahrein, Asienmeisterin von 2006 über 100 Meter, trug bei der olympischen Eröffnungsfeier neben ihrem Kopftuch sogar die Flagge ihres Landes ins Stadion.
Ayat Najafi bleibt hin und her gerissen. Die iranische Diktatur müsse erkennen, sagt er, dass die Regeln im Rest der Welt gegen sie seien. Ein Nachgeben der Fifa könne so aussehen, als unterstütze sie die Diktatur. Andererseits lehnt er es ab, dass man die Unterdrückten leiden lässt mit Hinweis auf die Symbole ihrer Unterdrückung. Ein Blick auf ein freieres Leben, ein Stück Begegnung und Entfaltung wird den jungen Frauen aus Iran nun verwehrt, ironischerweise, obwohl ihr Land bereit ist, für ihre Teilnahme in Singapur zu kämpfen.
Fußball ist Politik, Politik ist Fußball
Und das in einer Phase, in der der iranische Fußball politischer ist denn je. Vor der umstrittenen Wahl im vergangenen Jahr sei den Iranern der Fußball noch wichtiger gewesen als die Politik, sagt Najafi. Nun sei es umgekehrt. Er verweist auf das Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel im Juni 2009 zwischen seinem Heimatland und Südkorea (1:1). Dazu liefen einige iranische Spieler mit grünen Armbändern auf, in der Erkennungsfarbe des Oppositionellen Mussawi. Unter anderem beteiligten sich der Frankfurter Mehdi Mahdavikia und der ehemalige Bayern-Spieler Ali Karimi an dieser Aktion. Fußball ist Politik, Politik ist Fußball. Die iranische Frauenmannschaft wird wohl nicht in Singapur spielen. Thailand rückt nach.
Kaum eine andere Religion knechtet die Frauen wie der Islam ...,
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 12.04.2010, 17:42 Uhr
Langsam reicht's, liebe FAZ!
günter ganivet (F451)
- 12.04.2010, 23:04 Uhr
Toleranz
Nobert Huck (rob8725)
- 12.04.2010, 23:29 Uhr
Iranische Fußballfrauen
Andreas Loizidis (AndreasLoizidis)
- 13.04.2010, 00:02 Uhr
Anspruch und Wirklichkeit
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 13.04.2010, 00:25 Uhr
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |