29.05.2005 · Freundlich, ehrlich und selbstbewußt: So stellen sich Oliver Bierhoff und der Trainerstab das neue Gesicht der Fußball-Nationalelf für das WM-Turnier 2006 in Deutschland vor.
Freundlich, ehrlich und selbstbewußt: So stellen sich Oliver Bierhoff und der Trainerstab das neue Gesicht der Fußball-Nationalelf für das WM-Turnier 2006 in Deutschland vor.
Wie sieht aus Sicht des Teammanagers der ideale deutsche WM-Spieler aus?
Das Gesamtbild der Mannschaft ist mir sehr wichtig. Wir haben das Ziel, daß der deutsche Fan zu Beginn der WM 2006 sagt: Ich drücke den Jungs die Daumen. Nicht, weil das die Nationalmannschaft oder Deutschland ist, sondern weil das tolle Jungs sind.
Verzeichnen Sie hierbei schon erste Erfolge?
Da hat ein Wandel stattgefunden. Bei der EM waren die Spieler für viele Fans noch die Millionäre, die es verdient hatten, nach Hause zu fahren. Jetzt haben wir einige interessante junge Spieler im Kader. Etwa Per Mertesacker, der hat Abitur und macht jetzt Zivildienst. Wir möchten den Fans die Spieler als Menschen näherbringen und der Mannschaft als Gesamtes ein Gesicht geben. Wenn in der Vergangenheit Erfolg da war, wurde es alleine Rudi Völler, Oliver Kahn und Michael Ballack zugeschrieben. Der Rest ist weggefallen. Wir möchten die Mannschaft als Ganzes zeigen, die sich voll auf ihren Job auf dem Fußballplatz konzentriert - und sich dazu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewußt ist. Die Nationalmannschaft muß für Dinge stehen, die über den Platz hinausgehen. Sie muß mit ihren Partnern und Helfern einen freundlichen Umgang pflegen, Ausstrahlung haben, Freude bei den Fans auslösen und eine positive Einstellung zum Job zeigen.
Ziemlich glatt.
Das bedeutet nicht, daß ein Nationalspieler nicht auch mal verärgert sein kann und Kritik übt. Es geht darum, daß eine positive Grundeinstellung, Disziplin und Ehrlichkeit als Mannschaft herübergebracht werden. Spieler sollen nicht zu Gott und der Welt ihre Kommentare abgeben. Aber es sollte schon ein Bewußtsein vorhanden sein, gewisse gesellschaftliche, politische Standpunkte zu vertreten.
Welche zum Beispiel?
Sich überzeugend gegen Randale bei Fußballspielen einzusetzen.
Überfordern diese hohen Erwartungen nicht den einen oder anderen jungen Spieler?
Wir müssen sehen, welchen Spieler wir wo einsetzen können. Wir müssen ein Raster haben, verschiedene Bereiche besetzen. Glaubwürdigkeit ist hier wichtig, sonst wirkt das aufgesetzt.
Was wollen Sie damit erreichen?
Die Persönlichkeitsbildung von Spielern ist vernachlässigt worden. Bisher wurde darauf geachtet, daß er fit ist und es ihm gutgeht. Doch ein Spieler auf dem Platz kann nur wachsen, wenn er auch als Person wächst. Dann kann er im Spiel auf höchstem Niveau mehr Verantwortung übernehmen und bessere Entscheidungen treffen.
Wie vermitteln Sie Ihre Ziele den Spielern?
Dem Spieler muß gezeigt werden, daß er Teil eines Gesamtprojekts ist. Er soll verstehen, warum er etwas macht und welchen Nutzen er daraus ziehen kann. Ob Interviews, Sponsorenaktivitäten, Aktionen mit Fans - alles hat einen Sinn, weshalb wir das machen. Ich denke, niemand kann etwas dagegen haben, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, damit er in seiner Fußballkarriere wächst und auch danach fest im Leben steht.
Klingt das für Fußballprofis nicht zu theoretisch?
Wir werden das nicht bei allen schaffen, aber man muß Anreize setzen.
Ein Beispiel?
Zur Asien-Reise haben die Spieler ein Buch bekommen. Von Napoleon Hill: "Denke nach und werde reich." Reich ist hier nicht finanziell zu sehen. Ein amerikanischer Bestseller, in dem es darum geht, was erfolgreiche Menschen ausmacht. Es war das erste Buch, das ich auf diesem Gebiet gelesen habe, was mir den Anstoß gab, andere Bücher zu lesen, um für mich einen Weg zu finden.
Sind junge Spieler zu unselbständig?
Bei vielen herrscht Angst, etwas Falsches zu machen oder zu sagen oder auf etwas festgenagelt zu werden. Hinter der tollen Fassade von Profis verbirgt sich oft viel Unsicherheit.
Sie galten als Spieler auch nicht gerade als Typ für die knalligen Worte.
Ich war immer gegen provokative Aussagen. Aber man muß auch seine Meinung abgeben. Und das geht bei uns in der Nationalmannschaft. Wir verhängen keinen Maulkorb. Wir wollen Spieler, die etwas zu sagen haben. Gerade in Deutschland ist das aber schwer. Da heißt es meistens: Wenn ich keine Leistung gebracht habe, muß ich mich wegducken. Doch wir brauchen Selbstvertrauen, Lockerheit, Elan.
Gehört zur Offenheit auch, daß Sie nun das Innenleben der Nationalelf einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen wollen?
Wir werden die Tore nicht ganz öffnen. Aber wir denken zum Beispiel über eine WM-Dokumentation fürs Fernsehen oder fürs Kino nach. In Frankreich gab es das bei der WM 1998 mit großem Erfolg. Wir werden jetzt beim Confederations Cup testen, ob das stört, wenn uns permanent ein Kameramann begleitet. Wir wissen, daß wir davon keinen sportlichen Nutzen haben werden. Es könnte sogar schaden.
Und was ist die Idee?
Es ist toll, den Weg einer Mannschaft während des wichtigsten Turniers zu dokumentieren. Den Menschen draußen bewußt zu machen, was hinter den Kulissen passiert. Viele haben ganz falsche Vorstellungen über die Abläufe, welcher Druck wirklich auf den Spielern lastet, wie sie Situationen unter höchster Anspannung erleben. Das kann durch eine sehr emotionale Dokumentation rübergebracht werden. Außerdem: Wir leben von der Öffentlichkeit, deshalb müssen wir sie bedienen. Wenn ein Michael Schumacher bis zwei Minuten vor dem Start noch Interviews geben kann, dann kann den Spielern auch etwas mehr zugemutet werden.
Gibt es schon Reaktionen der Spieler?
Eher positiv. Aber dem einen oder anderen jungen Spieler fehlt noch die Vorstellung, was die mitlaufende Kamera, diese Arbeit, bedeuten kann.
Wo sind noch die Bedenken bei dem Projekt?
Die entscheidende Frage ist: Ist ein Kameramann bei der Mannschaft ein Störfaktor oder nicht? Von den Spielern bis zu Jürgen Klinsmann darf deshalb in der Gruppe keiner gehemmt sein. Wenn Jürgen das Gefühl hat, er müßte brüllen, und er brüllt nicht, weil die Kamera läuft, dann geht's nicht. Das kann derzeit noch keiner einschätzen. Aber wenn wir es bei der WM machen, dann richtig. Mit emotionalen Bildern und Nahaufnahmen.
Das Gespräch führte Michael Ashelm.