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Interview „Wir wollen kein trojanisches Pferd im Garten“

31.07.2005 ·  Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen spricht im Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das schwere erste Jahr nach dem Aufstieg und die Rivalität mit dem FSV Mainz 05.

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Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen spricht im Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das schwere erste Jahr nach dem Aufstieg und die Rivalität mit dem FSV Mainz 05.

Eigentlich ist es doch gar nicht so schwer, als Aufsteiger in der Bundesliga zu bleiben.

Das sehe ich unterschiedlich. Mit Blick auf das letzte Jahr haben Sie recht, da haben alle drei Aufsteiger den Klassenerhalt geschafft. Trotzdem, im ersten Jahr bleibt es am schwierigsten, die Klasse zu halten, auch wenn die Fußball-Mundart sagt, das zweite Jahr würde noch schwieriger. Ich glaube, das gilt nicht für die Eintracht. Wenn wir uns in der kommenden Saison etablieren sollten, haben wir durch unseren Standortvorteil mit neuem Stadion und der Tradition genug Möglichkeiten, weiter in die Mannschaft zu investieren. Vom Potential liegen wir sogar in der vorderen Hälfte der Bundesliga. Mit jedem Jahr mehr in der Bundesliga können wir uns weiter festigen.

Haben Sie dafür ein gutes Konzept und den richtigen Trainer?

Fußball ist keine Mathematik, und gute Trainer werden durch gute Ergebnisse gemacht. Uwe Rapolder ist vor Bielefeld in Mannheim wegen Erfolglosigkeit entlassen worden und hat heute Erfolg. Jürgen Klopp hat als Neuling heute Erfolg und wird möglicherweise morgen schon ganz anders bewertet. Ich habe schon oft erlebt, daß dieser Begriff des guten Trainers durch eine andere Konstellation schlagartig umgewandelt wurde. Der Geschichte mit den guten und schlechten Trainern, der stehe ich skeptisch gegenüber.

Und wie sehen Sie Ihren Trainer Friedhelm Funkel?

Ich bin davon überzeugt, daß Funkel wie im letzten Jahr mit Ruhe und Augenmaß eine Mannschaft zusammenzimmert, die den Klassenerhalt schafft. Das zählt und nicht Sätze wie "Das Training war noch nie so gut" oder "Die Harmonie und Kameradschaft waren noch nie so gut" oder "Wir haben noch nie so hart trainiert". Darauf habe ich keine Lust.

Verleiht Ihnen außer Funkels Routine noch etwas Vertrauen in die Zukunft?

Wir haben hier in der Region ein großes Potential an Fußballspielern. Wir haben aus dem Verein sechs, sieben Spieler zu Lizenzspielern gemacht. Wir haben mit Preuß und Jones zwei weitere Spieler, die aus unserer Jugend kommen. Wir haben ein großes Einzugsgebiet und sind klar die Nummer eins im Rhein-Main-Gebiet. Und mit dem Stadion haben wir einen klaren Vorteil.

Würden Sie sagen, daß Sie mit diesen Voraussetzungen, die besser sind als bei vielen anderen Vereinen, schon sehr viel falsch machen müßten, um sich nicht in der Bundesliga zu etablieren?

Das ist eine richtige Formulierung.

Und wohin führt der Weg? Schnell ins internationale Geschäft?

Wir müssen uns in der Bundesliga etablieren. Ich könnte Ihnen meine Sicht geben, weshalb ein Champions-League-Platz in absehbarer Zeit unrealistisch ist. Aber der Phantasie der Fans sollte man keine Grenzen setzen.

Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, dann muß ein Verein wie Eintracht Frankfurt zum Beispiel Mainz 05 locker überrunden?

In einer Zehn-Jahres-Wertung würden wir sicherlich besser abschneiden als Mainz. Aber wenn es danach geht, könnte man die Tabelle von vornherein festlegen, also München Meister, Schalker Zweiter und so weiter.

Dahin geht doch der Trend.

Tendenziell ja, aber es gibt noch die Unwägbarkeit des Sports. Trotzdem könnte ich natürlich sieben Vereine nennen, von denen fünf unter den ersten sechs stehen am Ende der Saison. Es gibt keine Überraschungen im eigentlichen Sinne mehr, und es kommt keiner mehr überraschend in die Champions League. Das ist vorbei. Vieles ist klar vorgegeben: Die Schalker müssen unterhalb des Bayern-Reviers fischen, die Bremer oder Stuttgarter unterhalb des Schalker Reviers, dann kommen noch ein paar andere - und dann wir irgendwann.

Sie könnten versuchen, die festen Strukturen aufzubrechen, mehr zu investieren, mehr Risiko zu gehen als andere.

Ich bekomme keine Kredite, wenn ich sie als Eintracht Frankfurt bei den Banken erwünsche.

Die Eintracht ist nicht kreditwürdig? Warum bekommen Sie kein Geld, das Schalke bekommt?

Sie unterliegen ganz klaren Kriterien, wenn sie heute einen Kredit aufnehmen. Die erfüllen wir nicht. Wir haben möglicherweise aus der Vergangenheit gewisse Einschätzungen, mit denen wir leben müssen. Die Schalker treten Sicherheiten ab, zum Beispiel 25 Prozent der Zuschauereinnahmen. Ich schließe nicht aus, daß uns solche Finanzkonstruktionen auch gelingen würden und wir dreißig Millionen Euro generieren könnten. Aber man würde den zukünftigen Vorständen und Verantwortlichen ein trojanisches Pferd in den Garten stellen. Das kommt für mich nicht in Frage.

Können Sie sich das leisten in diesem Geschäft?
Der Druck und die Erwartungshaltung nehmen immer mehr zu. Der Kampf wird immer gnadenloser. Im Augenblick sind wir in Frankfurt in einer selbstzufriedenen Phase, weil wir aus der Tiefe kommen. Wenn wir uns in der Bundesliga etablieren sollten, dann würden sich alle freuen, aber es würde auch Druck vom Umfeld aufgebaut werden. Dann hieße es, die Eintracht müsse investieren, sonst werde sie langweilig. Stars müßten her. Das sind immer die gleichen Mechanismen, die darauf abzielen, verantwortliche Leute zu Handlungen zu zwingen, die unrealistisch sind. Immer führt das am Ende zu schlechten Verhältnissen in den Vereinen.

Das klingt fatalistisch.

Überhaupt nicht. Jeder Verein muß erkennen können, wo seine Möglichkeiten liegen. Unsere Aufgabe ist, das in Gesprächen mit den handelnden Personen aufzuzeigen. Das ist meine Pflicht.

Bei Ihrer abwehrenden Haltung wären Sie als Fußballspieler sicher Verteidiger.

Nein, überhaupt nicht. Ich wäre ein ganz normaler Mitläufer im Mittelfeld, der aber sehr wohl um alle Dinge, die rechts und links um ihn herum passieren, Bescheid wüßte. Mein Ratschlag ist, daß wir in unserem Rahmen vernünftig handeln und uns peu a peu weiterentwickeln. Wir dürfen nicht immer unter Marketinggesichtspunkten Ziele vorgaukeln, die unrealistisch sind.

Die Eintracht als Musterknabe?

Nein. Wir machen Fehler wie alle anderen auch. Allein die Tatsache, daß wir uns im Klub anderthalb Jahre nicht untereinander verprügelt haben, wird doch schon als Erfolg gefeiert. Was ist daran Besonderes? Nichts.

Kommen wir zur Rivalität mit den Mainzern. Haben Sie inzwischen verdaut, daß der Klub sogar in Ihrem Revier aufspielt?

Das kann mir nicht gefallen. Was meinen Sie, wenn Mainz jetzt hier gegen Bayern München und Schalke 04 spielt, dann werden unsere Kunden aus der Rhein-Main-Region kannibalisiert. Das ist für mich Konkurrenz, die bei mir im eigenen Stadion spielt.

Sie können ja nichts dagegen machen.

Nein, ein Ausschluß ist in unseren Verträgen mit den Stadionbetreibern nicht vorgesehen. Aber wer hat damit gerechnet, daß Mainz überhaupt auf die Idee kommt, hier Bundesligaspiele austragen zu wollen, und in den Uefa-Cup kommt.

Also ist es eine Genugtuung für Sie, wenn Mainz am Ende hinter der Eintracht steht oder vielleicht sogar absteigt?

Nein, für mich geht es nur um unseren Klassenerhalt. Es wäre mir sogar recht, wenn die drinnen bleiben und uns das Stadion füllen. Wir müssen drei Mannschaften hinter uns lassen, egal, wer das ist.

Das Gespräch führten Michael Ashelm, Uwe Marx und Ralf Weitbrecht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.07.2005, Nr. 30 / Seite R8
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