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Interview "Wenn du den Ball hast, muß der andere die Panik haben"

13.06.2004 ·  Der französische Stürmerstar Thierry Henry vor dem Spiel gegen England über die Kunst und die Lust, Tore zu schießen

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Thierry Henry ist ein schönes Beispiel dafür, daß ein Stürmer nicht allein nach der Zahl seiner Tore bewertet wird. Nicht, daß es ihm daran mangelte: Elf Tore schoß er allein im vergangenen Jahr im französischen Nationaltrikot; mit dreißig Treffern in der Premier League für den englischen Meister Arsenal London gewann er in dieser Saison den "Goldenen Schuh" des europäischen Torschützenkönigs.

Doch noch mehr als mit Zahlen begeistert der 26jährige Franzose mit dem Tempo, dem Spaß und dem Stil seines Spiels. Vielen gilt Henry anstelle seines Landsmannes Zinedine Zidane, mit dem ihn Bescheidenheit, gute Manieren und eine tiefe Leidenschaft für das Spiel verbinden, als der beste Fußballer der Welt. Bixente Lizarazu, mit dem er Welt- und Europameister wurde, nennt ihn "ein wandelndes Lehrbuch in der Kunst des Angriffsspiels".

Und der englische Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson, dessen Team diesen Sonntag auf Titelverteidiger Frankreich trifft, nennt Henry den Spieler, auf den er sich bei der EM "wie jeder Fußballfan" am meisten freue: "Er kommt aus einer anderen Welt."

Monsieur Henry, ist Toreschießen eine Kunst? So wie Malen und Singen?

Ich weiß nicht, ob man das vergleichen kann. Aber gewiß: Ich betrachte Fußball als eine Kunst. Ich versuche ständig, Dinge zu erfinden. Ich will nie langweilig sein.

Man kann aber auch langweilig gewinnen.

Schon, aber wenn ich selber ein Spiel anschaue, dann möchte ich schöne Dinge sehen. Ich will nicht vorsichtigen, destruktiven Fußball sehen. Ich will Fußball als Kunst erleben.

Welche Teile dieser Kunst mußten Sie lernen?

Alles. Ich mußte lernen, den Ball gut anzudrehen, ihn gut zu kontrollieren, mit meinem schwächeren Fuß zu schießen und so weiter.

Nur Ihre Schnelligkeit haben Sie von Natur aus.

Auch die muß man lernen. Je schneller du bist, desto schwieriger ist es, den Ball zu kontrollieren. Du mußt mit dem Ball schnell sein. Ihn gut annehmen, mitnehmen, nicht dreimal berühren, wenn du ihn nur einmal berühren mußt. So gewinnst du Zeit, erst so wirst du wirklich schnell. Das mußte ich lernen.

Auch die Schnelligkeit im Denken?

Man muß als Stürmer Dinge sehen, die andere nicht sehen. Selbst wenn wir in der Verteidigung sind, denke ich immer darüber nach, wo wir angreifen können.

Heißt das, Sie haben eine Idee von einem Angriff, bevor Ihr Team überhaupt den Ball hat?

Ein einfaches Beispiel: Wenn wir auf unserer rechten Seite angegriffen werden und ich stehe auf der linken, dann werde ich allein sein, isoliert, wenn wir den Ball gewonnen haben. Also verlagere ich mich, sorge dafür, daß ich gut stehe für den Gegenangriff. Wenn der Ball dann kommt, sehe ich das ganze Spiel schon vor mir. Ich sehe die Laufwege, die Paßwege, die Ballannahme, den möglichen Abschluß, alles. Im modernen Spiel geht alles so schnell, zu schnell. Also mußt du dem Spiel im Kopf voraus sein. Du mußt Zeit gewinnen, dann gewinnst du das Spiel.

Spielen wir die Situation durch: Ihr Mitspieler gewinnt den Ball ...

... und ich bewege mich möglichst schon in diesem Moment in einen freien Raum, weg vom Verteidiger ...

... und nun kommt der Ball zu Ihnen. Wie sieht in diesem Sekundenbruchteil Ihr Denkmuster aus?

Ich habe in diesem Augenblick ein inneres Bild: Wo sind meine Mitspieler, wo sind die gegnerischen Verteidiger, bevor der Ball bei mir ankommt. Mein Kopf ist unten, ich schaue bei der Annahme auf den Ball, aber ich weiß, ohne schauen zu müssen, wo sie sind. Bei manchen Mitspielern bei Arsenal, wie Freddie Ljungberg oder Robert Pires, weiß ich meistens instinktiv, wie sie sich bewegen. Manchmal muß man trotzdem gucken - ich tue es schon, bevor ich den Ball habe. Das ist es, was die Zuschauer immer überrascht. Wenn wir verteidigen, sehen sie nur auf den Ball, sie sehen nicht, was ich tue. Und dann, wenn ich den Ball bekomme und ihn zum Beispiel direkt, ohne Blickkontakt, einem Mitspieler in den Lauf weiterleite, sind sie baff: Wie konntest du das wissen, du hast doch gar nicht hingeguckt? Ich habe halt schon vorher hingeguckt.

Am Ende solcher Kombinationen sieht es dann manchmal ziemlich einfach aus, das Tor zu machen.

Aber das ist gerade die Kunst: Es so einfach zu machen, so einfach aussehen zu lassen. Fast jeder hat als Kind im Park Fußball gespielt, und fast jeder glaubt, er kann den Ball passen und schießen, aber so einfach ist das nicht. Das ist ganz schön kompliziert, was wir tun, und nur wenn es gelingt, sieht es einfach aus.

Ist in dieser französischen Fußballphilosophie, wie sie bei Arsenal unter Arsène Wenger, aber auch in der Equipe Tricolore gepflegt wird, die Paßfolge, die zum Tor führt, wichtiger als das Tor selber?

Zumindest ist es nicht mein Ziel, ein spektakuläres, ein artistisches Tor zu schießen; wir veranstalten keine Extra-Show. Der Grund dafür ist: Ich habe großen Respekt vor dem Fußballspiel. Und das heißt für mich: Respekt vor dem Timing des Passes. Nehmen wir als Beispiel den Konterangriff. Dabei kommt es beim Paß manchmal auf fünf Zentimeter an, ob eine Torchance entsteht oder nicht - fünf Zentimeter zu weit in den Rücken, mein Partner muß abstoppen, der Vorteil ist weg.

Angenommen, der Paß kommt perfekt zu Ihnen, Sie laufen allein auf den Torwart zu: Sind Sie sich in dieser Situation bewußt, mit welchem Torwart Sie es zu tun haben?

Es ist mir egal, wer Torwart ist. Ich denke nicht darüber nach. Ich sage mir immer: Ich habe den Ball. Der andere sollte beunruhigt sein. Ich habe gelernt: Wenn du den Ball hast, entspanne dich. Der andere muß die Panik haben.

Ist es mit Verteidigern dasselbe?

Genauso. Es ist nicht so, daß ich mich nicht darum schere, wer gegen mich spielt. Aber es hat keinen Einfluß auf mich. Ich habe den Ball, wovor soll ich Angst haben? Als Stürmer darfst du keine Angst haben. Es gibt gute Verteidiger, gegen die ich gut spiele, es gibt schlechte, gegen die ich schlecht spiele, aber meine Einstellung ist immer dieselbe, und es ist die, die jeder gute Stürmer braucht: Bleib cool.

Haben Sie auch die Coolness lernen müssen?

Ich war früher sogar zu cool. Das war eines von meinen Problemen. Zu locker, zu nonchalant. Aber mittlerweile habe ich die richtige Balance gefunden.

Haben Sie wirklich nie Angst auf dem Platz?

Nie. Wovor denn? Es ist ein Spiel. Die Leute vergessen oft die wahre Bedeutung des Wortes: Fußball spielen. Es geht heute um viel Geld, Fußball wurde mein Beruf, und ich fühle mich als Glückspilz, daß ich mit einer Sache Geld verdiene, die ich liebe. Aber ich sehe Fußball nie als Geschäft, als Gelderwerb; ich sehe ihn immer so wie als kleiner Junge, als mein Vater mit mir im Garten spielte. Noch heute gehe ich genauso fröhlich auf den Rasen: um zu spielen, nichts weiter.

Gerd Müller schoß 365 Tore in der Bundesliga, nur ein Gegenspieler hatte ihn im Griff: Karl-Heinz Körbel von Eintracht Frankfurt. Haben Sie auch einen Körbel?

Nein, das ist ja eine verrückte Geschichte. Aber so denke ich gar nicht, so etwas lasse ich gar nicht in meinen Kopf. Bei allem Respekt für die Torhüter und die Verteidiger: Wenn du weiterkommen, besser werden willst, darfst du nur auf dich selber schauen. Wenn ich ein Tor verpasse, werde ich nie sagen: super gehalten. Ich werde immer sagen: Du hättest besser schießen müssen. Wenn ich nach dem Spiel nach Hause fahre, denke ich über diese Szenen nach: Du hättest ihn mehr anschneiden, früher schießen, besser plazieren müssen.

Sie haben dann nicht Ihre Tore im Kopf?

Nein, das ist lustig, ich erinnere mich immer an die Sachen, die ich nicht gut gemacht habe. Erinnern Sie sich zum Beispiel an das Spiel mit Frankreich gegen Deutschland, das 3:0 in Gelsenkirchen?

Nur sehr ungern. So wie in der zweiten Halbzeit ist wohl im eigenen Stadion noch kaum eine deutsche Nationalelf demontiert worden. Sie schossen das 1:0 und legten Trezeguet das 2:0 auf, nachdem Sie Wörns stehenließen.

Nach dem Spiel schwärmten alle davon, wie ich das 2:0 vorbereitet hätte. Aber ich mußte immer nur an die vertane Chance denken, als wir eine Zwei-zu-eins-Überzahlsituation hatten und ich den Ball im Strafraum zu Trezeguet spielen wollte - es war ein schlechter Paß, ein Verteidiger kam dazwischen. Ich dachte nur: In einem anderen, knapperen Spiel hätte das vielleicht die entscheidende Siegchance sein können, und du hast sie vermasselt.

Dabei heißt doch die bewährte Psycho-Formel im Sport: Positiv denken.

Ich finde: Wenn du besser werden willst, mußt du über das nachdenken, was du falsch gemacht hast.

Reden wir mal über eine Ihrer wenigen Schwächen. Sie machen viele Tore mit Köpfchen, aber nur ganz wenige mit dem Kopf: gerade mal zwei von den 151 Toren, die Sie für Arsenal erzielt haben.

Dafür habe ich allein letztes Jahr fünf Kopfballtore für Frankreich gemacht. Dort spielen wir anders als bei Arsenal, es kommen viel mehr hohe Flanken. Bei Arsenal haben wir eine andere Spielanlage, wir halten den Ball flach und schnell. Kaum Kopfballgelegenheiten. Außerdem bin ich kein echter Strafraumspieler. Ich kurve überall herum, links, rechts, im Rückraum. Sehr oft bin ich es, der den letzten Paß spielt oder die Flanke schlägt.

Ist es derselbe Spaß, ein Tor vorzubereiten wie eins zu schießen?

Aber ja, und wie. Ich liebe es. Da sind wir wieder beim Spiel in Gelsenkirchen, beim 2:0, als ich den Ball zu Trezeguet paßte. Für mich gibt es keine schönere Art, einem anderen eine Freude zu bereiten, als ihm einen Torerfolg zu ermöglichen. Ich hätte es auch selber schießen können. Aber ein Tor ist von noch größerer Schönheit, wenn du weißt, du hättest es selber machen können, aber du gibst den Ball einem anderen.

Geben und nehmen für den guten Geist im Team?

Es ist wichtig, daß jeder im Team Selbstvertrauen gewinnt. Für mich war es wichtig, daß David ein Tor machte; ich hatte schon eins. Ich finde, man muß seinen Mitspielern manchmal etwas zurückgeben.

Sie haben diese Saison eine Reihe von Traumtoren erzielt, das vielleicht großartigste beim 5:1-Sieg bei Inter Mailand, als Sie den Ball in der eigenen Hälfte annahmen und mit sieben Ballberührungen im Tor unterbrachten. Manche Leute sagen, das einzige, was Sie noch lernen müßten, sei, die ganz einfachen Tore zu machen.

Diese Saison habe ich doch eine Reihe von echten Stürmertoren gemacht, einfach im Strafraum sein, im richtigen Moment. Aber manche Leute haben immer etwas auszusetzen. Die letzten drei Saisons habe ich zusammen mehr als hundert Tore für Arsenal gemacht, und immer noch haben sie was zu meckern: Ich hätte nicht genug hiervon, nicht genug davon. Aber ich bin ganz zufrieden.

Wenn Sie sich etwas dazuwünschen könnten, etwas, das ein anderer Stürmer hat?

Nein, nichts von den heutigen Spielern. Wen ich bewunderte, das war Marco van Basten. Er hatte alles. Konnte Tore machen, Tore vorbereiten, war elegant. Und er hatte am Ball diese ganz spezielle Arroganz, die nur die ganz großen Spieler ausstrahlen. Das ist die Sache, die ich bei van Basten gelernt habe: Wenn er den Ball hatte, dann war es sein Ball. Du kannst alles tun mit dem Ball, wenn du ihn hast. Warum hektisch werden, Angst haben? Für viele Spieler ist es die größte Angstsituation, wenn sie den Ball haben, sie haben Panik, ihn zu verlieren, etwas Falsches zu machen. Die großen Spieler nehmen den Ball, bringen ihn unter Kontrolle, studieren die Möglichkeiten. Und dabei sind sie ganz entspannt. So wie ich.

Das Gespräch führte Christian Eichler.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2004, Nr. 134 / Seite 31
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