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Interview Netzer: „Der Abstand zur Weltelite hat sich vergrößert“

21.12.2003 ·  Chefkritiker Günter Netzer im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung - über die Nationalelf, Michael Ballack und den Ärger mit der Deutschen Fußball-Liga.

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Der frühere Nationalspieler Günter Netzer ist heute einer der Geschäftsführer des Fernsehrechtevermarkters Infront und preisgekrönter Fußballkommentator bei der ARD.

Was ist Ihr Lieblingsschimpfwort?

Ich habe keins.

Wie wär's mit "Schwachsinn" oder "Scheißdreck"?

Die gehören nicht dazu.

Dabei ist das doch ganz unverstellte Fußballsprache.

Im Alltag bin ich es auch gewohnt, eine deftige Sprache zu sprechen. In der Öffentlichkeit, wenn ich als Vertreter von der ARD oder Infront auftrete, benutze ich allerdings ein anderes Vokabular wie unter Freunden.

Ein großer Teil des Publikums und viele Politiker bis hin zu Bundeskanzler Schröder sind Rudi Völler nach seinem wütenden Ausbruch nach dem Länderspiel auf Island trotz dieser Äußerungen beigesprungen - wurde es da nicht ein bißchen einsam um Sie?

Nein, das Gefühl hatte ich nicht. Ich weiß, was Gerhard Delling und ich gesagt haben, ich weiß, was passiert ist. Ich habe bis heute keinen anderen Eindruck von diesen Dingen.

Können Sie Völlers damaligen Ausbruch mittlerweile akzeptieren, angeblich sollen Sie sich ja wieder versöhnt haben?

Wir haben uns ausgesprochen, damit ist das Thema aus der Welt. Für die Wortwahl hatte er sich ja schon vorher entschuldigt. Wir haben in dem Gespräch unsere gegenseitigen Positionen klargemacht. Und keiner verlangt vom anderen, daß er seine Meinung oder Haltung ändern soll. Rudis Haltung war und ist die, die ich an ihm schon lange kenne: Er nimmt seine Mannschaft immer in Schutz. Er läßt dabei auch persönliche Dinge außer acht. Die Mannschaft ist ein Teil seiner Familie. Und jeder, der versucht, in diese Familie Unfrieden zu bringen, der bekommt was ab. Was meine Position betrifft: Ich werde meinen Stil beibehalten, der nicht beleidigend ist und den Fußball nicht vernichtet. Ich will den Zuschauern weiter meine Sicht der Dinge erläutern. Darüber muß man fachlich nicht immer einer Meinung sein - und Rudi Völler kann auch immer seine Meinung über uns sagen, wenn ihm etwas nicht gefällt.

Ihr Partner Gerhard Delling, so heißt es bei der ARD, sei seit dieser Zeit ein bißchen angeschlagen.

Es ist mehr sein Beruf als meiner.

Sind Sie nicht auch ein bißchen zurückhaltender, vorsichtiger geworden? Ihre Kritik nach der Lehrstunde gegen Frankreich war zum Beispiel viel harmloser, als viele das erwartet haben.

Da haben Sie völlig recht. Dafür nehme ich auch Kritik entgegen. Aber die Defizite, die in diesem Spiel aufgetreten sind, waren so offensichtlich, daß sie wirklich allen klar wurden. Da habe ich es nicht für notwendig gehalten, auf meine früheren Kritikpunkte zu verweisen, nach dem Motto: "Seht her, ich bin der große Meister, ich habe es doch immer gesagt." Dieses Urteil, wie ich die Dinge seit langer Zeit sehe und davor warne, überlasse ich dem Zuschauer. In diesem Moment auch noch draufzuschlagen, das erschien mir - erlauben Sie das Wort - zu primitiv.

Was erwarten Sie denn nun von der Europameisterschaft - ein schnelles, bitteres Ende?

Das kann durchaus passieren. In dieser Gruppe mit Holland und Tschechien kann es ein vorzeitiges Ende geben. Damit muß man rechnen. Es gilt, das Schlimmste zu verhindern. Dazu ist die deutsche Mannschaft auch in der Lage. Ich habe ihr bei der WM 2002 nicht viel zugetraut, schon gar nicht das Finale. Und wer sagt, daß sie nicht auch bei diesem Turnier ihren eigenen Weg findet, und Dinge leistet, die ich von ihr nicht erwarte?

Halten Sie das für wahrscheinlich?

Man kann es nicht ausschließen. Aber wenn man die Leistungen seit der WM zugrunde legt, wo sich der Abstand zur Weltelite vergrößert hat, kann man davon nicht ausgehen. Die deutschen Tugenden, ich bekomme das Wort kaum noch über die Lippen, lassen immer noch unmögliche Dinge möglich werden. Ich sage zwar schon seit langer Zeit, daß mir die Nationalmannschaft oft nicht gefällt. Aber sie sind immer noch schwer zu schlagen. Solange das nicht außer Kraft gesetzt wird, also daß sie schlecht und leicht zu schlagen sind, sind Erfolge möglich.

Rudi Völler und einige beim DFB stoßen sich daran, daß Sie im Duett mit Delling nicht mehr den puren Analytiker geben, sondern den Unterhalter im Stil von Kienzle und Hauser.

Diejenigen, die so etwas behaupten, haben wohl nicht richtig zugeschaut. Wenn Gerhard Delling und ich wie Kienzle und Hauser aufgetreten sind, ging es meistens um mich. Er hat mich auf die Schippe genommen oder ich mich selbst. Der Fußball bedeutet mir zuviel, um Scherze über ihn zu machen, ihn zu veralbern, ihm keinen Respekt entgegenzubringen. Deswegen werden in dieser Weise keine Scherze betrieben.

Kaum hatte sich die Sache mit Völler etwas beruhigt, gerieten Sie wegen Ihrer Kolumne in "Sport-Bild" mit Michael Ballack aneinander. Motto: Alte DDR-Schule, dem fehlt was zur Führungsfigur. Ziemlich ungeschickt für einen Medienprofi.

Das kann man so sagen. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß man glaubt, ich würde Bürger, die aus der ehemaligen DDR stammen, beleidigen oder abqualifizieren. Das ist absurd. Aber: Es ist passiert. Das ist das einzige, was mir leid tut. Bei der Beurteilung von Ballack habe ich jedoch nichts wegzunehmen oder hinzuzufügen.

Und wie sieht das Urteil aus?

Ballack ist einer der besten Mittelfeldspieler Europas. Er hat eine Schußtechnik wie kaum ein anderer. Er ist torgefährlich, er ist der kopfballstärkste Mittelfeldspieler. Aber im Zusammenhang mit mir wird immer wieder die Frage nach der Nummer zehn früherer Zeiten gestellt. Daß er ein Dirigent ist, spreche ich ihm ab. Er besitzt nicht die Mentalität dafür, er hat dafür nicht den Charakter. Wenn ich von Charakter spreche, meine ich immer den Fußball-Charakter. Nur wenn man mir Böses will, kann man da etwas anderes hineininterpretieren. Und so ist mir das auch bei meiner Äußerung über die DDR geschehen, und ich bedauere es, daß an dieser Diskussion auch Leute teilgenommen habe, die ich bisher sehr geschätzt habe. Aber Ballack fehlen in seinem Fußball-Charakter gewisse Dinge. Er hat die Führungsmentalität nicht verinnerlicht. Er sollte sich bemerkbar machen, wenn es am schwierigsten ist für die Mannschaft. Aber in diesen Situationen nimmt er zuwenig Einfluß auf das Spiel. Diese Qualität hat er nicht, daher kann man ihm gewisse Aufgaben nicht übertragen.

Wer Ihnen Böses wollte, könnte auch sagen: Der Trubel um Ihre Person hat Spuren hinterlassen. Aus dem Boulevard sind Sie ausgestiegen, bei der ARD sind Sie in der Sportschau in der Hinrunde nicht zum Einsatz gekommen, wie das mal überlegt wurde.

Die ARD hat nicht die Absicht, mich vom Sender zu nehmen. Das läuft so gut, die brauchen mich nicht.

Glauben Sie?

Besser kann es für die ARD nicht laufen. Und der Ausstieg bei "Sport-Bild" hat nach sechs Jahren mit der Geschichte Ballack unmittelbar nichts zu tun. Der Vertrag ist ausgelaufen.

In der Fernsehwerbung für einen Investmenttrust sagen Sie: "Muß ich denn hier alles machen" - und an jedem Computer sitzt ein Netzer. Beschreibt das die Wirklichkeit nicht recht gut für einen Kommentator der ARD, der im Hauptberuf für eine Firma arbeitet, die dem Sender die Bundesligarechte verkauft hat, die WM-Rechte noch verkaufen will, und sich von der ARD immer wieder anhören muß, daß sein Hauptarbeitgeber Infront dafür "Mondpreise" verlange?

Um Himmels willen - ich bin doch Herr meiner Sinne und habe sehenden Auges Aufgaben angenommen, die ich machen kann. Das scheint eine Interessenkollision auf allen Ebenen zu sein. Das ist es aber in der Realität nicht, weil ich keine meiner Positionen für eine andere ausnutze. Ich kann das sehr genau trennen, und alle sind damit erstklassig gefahren.

Ihre Fähigkeit, Interessengegensätze auszublenden, ist erstaunlich, schon wie bei Franz Beckenbauer.

Ich denke, ich muß mehr Geschäftsmann sein als Franz Beckenbauer. Ich sitze hier doch jeden Tag im Büro, bin ständig deswegen unterwegs. Er hat dagegen Sponsorenverträge und Sponsorenerwartungen zu erfüllen.

Also zum Geschäft: Die Zeiten für Infront werden härter. Die DFL sagt: Entweder zieht Infront die Option bis zum 31. Dezember für zwei weitere Spielzeiten für Beträge von 295 und 300 Millionen Euro, oder die Bundesliga verkauft ihre Spiel selbst an Fernsehsender, mit Ausnahme der ARD, die ja ohnehin einen gültigen Vertrag besitzt. Wie stellt sich Infront zu dieser neuen Entwicklung?

Ehrlich gesagt gibt es da schon eine persönliche Enttäuschung über die Darstellung der DFL. Denn sie entspricht schlicht und einfach nicht den Tatsachen. Durch die geplanten Regelungen der EU-Kommission sollen viele Rechte im Bereich Neue Medien von den Vereinen selbst vermarktet werden. Im Klartext: Die ursprünglich eingeräumte Option können wir dann nicht mehr wahrnehmen, weil uns die DFL nicht mehr das gesamte Rechtepaket einräumen kann. Deswegen ist es doch nur logisch und im übrigen auch vertraglich vorgesehen, daß dies eine Reduzierung des Preises mit sich bringt. Man kann sich also nicht wie die DFL auf den Standpunkt stellen und zieht die Option oder eben nicht.

Sie bieten 272 beziehungsweise 277 Millionen für die beiden kommenden Spielzeiten, das sind 46 Millionen Euro weniger. Ist das eine Verhandlungsbasis?

Diese nackten Zahlen sind in dieser Form nicht richtig. Wir haben ein Angebot unterbreitet, das verschiedene Komponenten auch mit Blick auf geleistete Vorauszahlungen enthält. Da es aber die Liga ist, die uns trotz bestehender Optionen nicht mehr das komplette Rechtepaket einräumen kann, wäre es eigentlich naheliegend gewesen, daß uns die Liga ein Angebot über die Bewertung des bestehenden Rechtepaketes macht. Darauf warten wir bis heute.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.12.2003, Nr. 51 / Seite 19
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