Der Start in die Bundesliga ist gelungen. Zwar wurde Rafael van der Vaart nach 70 Minuten und durchwachsener Leistung ausgewechselt, doch sein Hamburger SV gewann 3:0 gegen Nürnberg. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht der Neuzugang von Ajax Amsterdam über holländische Klischees, den „großen“ HSV und das Leben im Wohnwagen.
Wie betont man Ihren Namen eigentlich richtig?
Richtig ist VAN DER Vaart, also am Anfang und in der Mitte betont. Aber in Deutschland sagen Sie VAN der Vaart, in Holland auch van der VAART. Das macht mir nichts aus.
Was dachten Sie von Hamburg, als Sie vom Angebot hörten?
Erst mal gar nichts, ich kannte die Stadt nicht. Dann kam ich mit meiner Frau zum Spiel gegen Gladbach. Ich sprach mit den Verantwortlichen. Es war toll, das Stadion, die Stimmung, die Gespräche. In Holland fragte man mich: Was willst du in Hamburg? Hamburg ist nicht so toll, es regnet immer, und man kann nichts machen, der Klub ist auch nicht so toll. Aber als ich kam, war ich begeistert. Hier gibt es alles, die Alster, den Hafen, Geschäfte, Restaurants. Ich dachte allerdings, Hamburg sei viel kleiner. Wir haben ein Appartement in Eppendorf, ein tolles Viertel. Ich kann es kaum erwarten, wenn wir am 15. August endlich die Schlüssel bekommen und einziehen. Ich kann kein Hotelfrühstück mehr sehen.
Viele HSV-Spieler ziehen an den Stadtrand, wollten Sie das nicht?
Ich bin ein junger Mann und habe meine Frau, wir wollen Spaß haben. Da ist es besser, in der Stadt zu wohnen.
Werden Sie schon erkannt auf der Straße?
Schon, aber alles ist gut. Die Leute loben mich, aber sie sind entspannt. Sie schreien nicht rum. Ich mag es, wenn die Menschen relaxed sind, mit mir beim Kaffee ein bißchen plaudern.
Vom Team wurden Sie herzlich aufgenommen.
Das hätte ich so nicht erwartet. Wenn du als teurer Spieler in ein neues Team kommst, ist das nicht normal. Da habe ich mir schon Gedanken gemacht. Aber alle sind klasse hier, sie sind freundlich, sie helfen mir. Khalid Boulahrouz kenne ich aus der Nationalmannschaft. Das macht es mir leicht.
Verspüren Sie keinen Druck, als fünf Millionen teurer Profi?
Wenn du Druck spürst, macht es keinen Spaß mehr. Schon klar, sie haben mich für viel Geld geholt und erwarten viel von mir, das ist nicht leicht. Aber ich bin ein ganz normaler Mensch, spiele mal gut, mal schlecht. Vor fünf Jahren war ich nichts. Jetzt soll ich ein Star sein? Ich bin doch derselbe geblieben. Ich spiele doch nur Fußball. Ich weiß nicht, was ich ohne Fußball geworden wäre - ich war so schlecht in der Schule.
Wie würden Sie Ihre Art zu spielen beschreiben?
Ich liebe es, Fußball zu spielen. Ich hoffe, die Menschen sehen, wie sehr ich das Spiel liebe. Das wichtigste ist, Spaß zu haben, es zu genießen. Die Zuschauer kommen doch auch, um Spaß zu haben.
Das holländische Idol Johan Cruyff konnte gar nicht verstehen, warum Sie zum HSV wechseln.
Ich habe das gehört, aber es ist nicht wichtig. Es ist doch meine Entscheidung. Ich hatte sofort ein gutes Gefühl, als ich hierherkam. Für mich ist der HSV ein großer Klub. Oder schau dir das Stadion an. Es hängt doch nur an mir, was ich daraus mache.
Wollen Sie ihm nun zeigen, daß Ihre Wahl richtig ist?
Ach nein. Ich möchte eine tolle Serie mit dem HSV spielen. Wir wollen in den Uefa-Cup oder mehr. Wir haben ein gutes Team, aber wir müssen uns noch besser kennenlernen.
Thomas Doll und Dietmar Beiersdorfer sind Ihre größten Fans. Was halten Sie von ihnen?
Sie haben mir genau gesagt, was ich hier soll, wie ich spielen soll. Sie sagten mir, ich sei ihr wichtigster Spieler. Ich erlebe einen Trainer, der aus dem HSV einen großen Klub machen will, mit mir als zentraler Figur. Das war der Grund, warum ich kam. Wenn ein Trainer dir vertraut, dir sagt, daß du immer spielst, dann ist das toll.
Bei Ajax gab es zuletzt Probleme, was war da los?
Ich hatte Probleme mit dem Trainer Ronald Koeman. Er hat mir die Kapitänsbinde weggenommen. Es war schwierig, mal spielte ich, mal nicht. Ich bin froh, daß das vorbei ist.
Verschlechtert es nicht Ihre Situation in der holländischen Nationalmannschaft, daß Sie vielleicht nicht international spielen?
Das ist kein Problem, ich bleibe in der Nationalmannschaft. Trainer Marco van Basten guckt auch Bundesligaspiele. Wir telefonieren. Er findet es gut, daß ich in Hamburg in der Bundesliga spiele. Die Bundesliga ist viel stärker als die erste holländische Liga. Wir haben nur drei gute Klubs, PSV, Ajax, Feyenoord. In Deutschland gibt es gute Spieler und tolle Stadien. Die Bundesliga gehört für mich zu den vier stärksten Ligen in Europa.
Spüren Sie schon den Hype um die Fußball-WM 2006?
Auf jeden Fall. Man sieht es an den Stadien. Überall sind tolle Stadien, viele Fans. Alle erwarten so viel von dieser Saison.
Zu den deutschen Klischees über Holländer gehört der Wohnwagen, mit dem sie in den Urlaub fahren. Sie haben eine besondere Beziehung zu Wohnwagen.
Ich habe 17 Jahre in einem gelebt. Aber es war eher wie eine Wohnung. Schon meine Großeltern haben so gelebt, dann meine Eltern und ich. Es ist eine Tradition. Meine Familie lebt immer noch dort. Aber Urlaub mache ich nicht im Wohnwagen.
Was halten Sie von den holländischen Klischees über Deutschland?
Es ist nicht das beste Verhältnis zwischen diesen Ländern - aber das bezieht sich nur auf Fußball. Wenn wir gegen Deutschland spielen, sind wir ganz aufgeregt. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum. Wahrscheinlich, weil Deutschland so viel gewonnen hat. Aber ich fühle so nicht mehr, früher, als Junge, da war das anders.
Trotzdem gibt es zähe Klischees.
Das interessiert mich nicht. Ich mag die Leute hier. Alle helfen mir sofort, sie sind freundlich. Es paßt einfach. Sie haben auch Humor und sind weltoffen. Holländer sind manchmal verschüchtert, verschlossen. Hier beim HSV ist es offen. Als wir eine Autogrammstunde hatten, hat Bernd Hoffmann uns Cola und Eis gebracht. Da dachte ich, das gibt es nicht. Der Hoffmann von Ajax würde so etwas nie tun. Den habe ich kaum gesehen.
Bernd Hoffman hatte ja auch den entscheidenden Einfall, wie er Sie bekommen könnte.
Ja, seine Frau ist mit Sylvie einkaufen gegangen. Sie wollten mich haben, und da ist es gut, bei der Frau des Spielers anzufangen. Als Sylvie sagte, Hamburg ist toll, war doch eigentlich schon alles klar.
Am Dienstag spielt der HSV gegen den FC Valencia im UI-Cup-Finale. Für viele ist es das Spiel des Jahres. Kennen Sie Valencia?
Das ist eine Supermannschaft. Wir haben mit Ajax gegen sie gespielt, 1:1. Valencia hatte zwanzig Chancen, keine Ahnung, wie wir das Unentschieden geschafft haben. In so einem Spiel können wir uns messen, das finde ich toll. Aber auch so ein Spiel muß man genießen.