20.12.2005 · Zwischen Terror und Hoffnung: Der gefährliche Alltag des irakischen Nationalspielers Louay Salah Hasan. Im Interview spricht der Fußballer über die katastrophalen Bedingungen, seinen Lieblingsklub und den Traum von der WM 2010.
Der Ausnahmezustand gehört zur traurigen Realität für die Iraker - auch im Sport. Entführungen von Funktionären, Attentate, Gewalt erschweren geregelte Aktivitäten, trotzdem wird versucht, die sportliche Entwicklung im Lande voranzubringen. Um die Fußballmeisterschaft im Irak spielen derzeit 28 Mannschaften aus drei Regionen (Nord, Mitte, Süd). Vier Gruppen mit jeweils sieben Klubs ermitteln bis zum Saisonfinale im April den Titelträger. Die Vereine aus der Hauptstadt dominieren die Liga.
Trotz der Kriegswirren zeigt die Nationalmannschaft im internationalen Vergleich beachtliche Leistungen. Vergangene Woche gewann das Team, welches bis 2003 vorübergehend vom deutschen Trainer Bernd Stange trainiert worden war, das Turnier bei den West-Asien-Spielen in Doha - mit zwei Siegen gegen den WM-Teilnehmer Saudi-Arabien. Bei Olympia 2004 belegte die Auswahl Rang vier. Bezwungen wurden dort unter anderem Portugal, Costa Rica und Australien.
Das steht im krassen Gegensatz zu den Bedingungen in der Heimat. Die Plätze befinden sich in miserablem Zustand, Stromausfälle verhindern Spiele am Abend. Statt 40.000 kommen heute nur noch 4.000 Zuschauer zu Spitzenspielen. Al Quwa Al Jawiya (Luftwaffe) heißt der Fußballklub aus Bagdad, für den Louay Salah Hasan spielt. Der Angreifer und zweite Kapitän der Nationalmannschaft wurde zuletzt in seiner Heimat zum „Spieler des Jahres“ gewählt. Im Interview spricht der Fußballer über die katastrophalen Bedingungen, seinen Lieblingsklub und den Traum von der WM 2010.
Sie leben in Bagdad, einem der gefährlichsten Orte dieser Welt. Terror, Bomben und Grausamkeiten beherrschen den Alltag. Macht die permanente Angst nicht das Leben zum Albtraum?
Ich habe keine Angst um mein Leben - Gott nimmt, und Gott gibt.
Sie sind ein junger Mann und ergeben sich in Ihr Schicksal?
Wir haben uns an die Situation gewöhnt. Sie ist zu einem Teil unseres Lebens geworden. Klar ist der Alltag bei uns sehr gefährlich, aber wirkliche Ängste habe ich nicht um mich, sondern um meine Familie. Und meine Familie hat Angst um mich.
Wie gewöhnt man sich an Terror?
Wir sind seit 1990 Kriegsgebiet. Die Amerikaner haben uns immer Bomben und nicht Blumen geschickt. Es hieß von ihnen, sie wollten uns von Saddam Hussein befreien. Das haben sie zwar geschafft, gut, aber gleichzeitig neuen Unfrieden und Chaos über unser Land gebracht. Natürlich sind da auch die Grausamkeiten der Terroristen. Ich verurteile sie. Wir möchten überhaupt keine Gewalt mehr. Leider mußten wir uns aber daran gewöhnen.
Nicht vorstellbar, daß Sie in diesem Umfeld dem Job als Fußballprofi nachgehen können.
Fußball ist mein Lieblingssport und zu einem großen Teil meines Lebens geworden. Ich lebe von dem Spiel, und deshalb ist Fußball meine Zukunft, mein Leben.
Haben Sie einen anderen Beruf gelernt?
Ich habe Astronomie studiert. Aber es gibt derzeit keine Jobs bei uns. Ich glaube, etwa achtzig Prozent der Menschen sind arbeitslos, mit dem Fußball kann ich meine Familie ernähren.
Familie heißt?
Ich bin verheiratet und habe einen 16 Monate alten Sohn. Meine Mutter lebt auch bei uns, mein Vater ist tot.
Was verdienen Sie im Monat als Fußballspieler?
Ich bekomme jeden Monat 100 Dollar von meinem Klub, dazu pro Saison noch einen Zusatz von 7000 Dollar. Das ist nicht viel, weil das Leben in Bagdad sehr teuer ist. In den reichen Golfstaaten kann man als Spieler 5000 Dollar pro Monat verdienen.
Warum sind Sie nicht längst wie einige anderer Ihrer Landsleute ins Ausland und in eine andere Liga gegangen?
Ich fühle mich verantwortlich für mein Land. Ich will hier etwas aufbauen, ich bin auch zur Wahl gegangen. Schlimm wäre, wenn die Entwicklung im Irak stehenbleibt.
Hatten Sie als Nationalspieler und "Spieler des Jahres" im Irak keine Angebote aus dem Ausland?
Doch, natürlich. Da waren welche aus Iran, Qatar, den Emiraten und Jordanien. Aber die Angebote entsprachen nicht meiner Leistung, deshalb habe ich sie alle abgelehnt. Da kommen Leute, die denken, man könne einen armen irakischen Sportler ausnutzen. Wenn ein Klub käme und mich ordentlich bezahlen würde, dann sähe es anders aus. Ansonsten bleibe ich eben hier und verdiene weniger.
Wie sieht denn Ihr Alltag als Fußballspieler aus?
Wir trainieren und haben Spiele - wie woanders auch.
Aber unter besonderen Bedingungen.
Bestimmt. Jeden Tag kommt ein Auto von meinem Klub und holt uns Spieler für das Training ab. Das passiert so aus Sicherheitsgründen. Der Weg bis zum Stadion dauert normalerweise zwanzig bis dreißig Minuten, wenn kein Stau ist. Aber weil die Amerikaner ihre Straßenkontrollen durchführen und man nie weiß, was sie wieder von uns wollen, dauert die Fahrt manchmal drei Stunden.
Wie lange wird trainiert, und wie sind die Trainingsbedingungen?
Unsere Plätze sind in einem katastrophalen Zustand. Bei unserem Klub haben gerade einige Geschäftsleute Geld gesammelt, damit der kaputte Rasen ein bißchen gepflegt werden konnte. Ich trainiere jeden Tag zweieinhalb Stunden. Und dann macht der Trainer mit mir noch separate Schußübungen. Als Stürmer ist das wichtig.
Hat ein Fußballprofi im Irak irgendwelche Privilegien?
Wir sind beliebt, uns erkennt man auf der Straße. Fußball ist Volkssport. Aber das war's. Ich muß meine Sportkleidung selbst zu Hause waschen, und ich muß mich sogar nach dem Training zu Hause duschen, weil die Wasserleitungen im Stadion kaputt sind und dauernd der Strom ausfällt. Totales Chaos.
Und im Unterbewußtsein ist immer die Furcht, daß etwas Schlimmes passiert?
Es ist schon sehr gefährlich. Vor zwei Wochen explodierte eine Bombe vor unserem Klubgebäude. Keine Ahnung, warum. Der Bruder eines Mitspielers ist von Amerikanern erschossen worden. Und gerade wurde der Generalmanager unseres Fußballverbandes entführt.
Was ist mit ihm passiert?
Gott sei Dank, er lebt. Ich glaube, er wurde für 20 000 Dollar freigekauft von unserem Olympischen Komitee. Das waren Banditen. Entführung ist ein richtiges Geschäft geworden.
Waren Sie selbst schon in lebensbedrohlichen Situationen?
Ich bin schon oft in Gefahr gewesen. Vier-, fünfmal sind wenige hundert Meter von mir Bomben hochgegangen. Das hatte nichts mit mir direkt zu tun. Es waren Attentate gegen die Polizei, Amerikaner oder allgemein gegen die Bevölkerung.
Werden Sie bewacht?
Wir haben keine Leibwächter, dafür sind wir zu unbedeutend. Wenn etwas passiert, dann passiert es eben. Aber ich passe auf und verbringe meine freie Zeit meistens zu Hause. Ich gehe nie in ein Cafe. Das ist mir zu gefährlich. Bei den Spielen kontrolliert unsere Polizei. Die stehen um die Stadien herum und auf den Tribünen - bewaffnet.
Dann sind die Auslandsfahrten mit der Nationalmannschaft für Sie eine Erholung vom Stress in Bagdad?
Nicht unbedingt. Ich sorge mich dann um meine Familie zu Hause. Ich rufe jeden Tag an und bete.
Was vermissen Sie am meisten in Ihrem Leben?
Frieden im Irak. Ich bin 23 Jahre und kenne nichts anderes als Krieg. Als Fußballer hätte ich gerne an der WM in Deutschland teilgenommen und dort Beckenbauer getroffen. Er ist bei uns sehr beliebt.
Welche persönlichen Ziele haben Sie?
Ich kämpfe für eine bessere Zeit. Wir Iraker sind gute Fußballspieler und haben etwas zu bieten. Ich würde gerne in einer deutschen Mannschaft spielen und an der WM 2010 teilnehmen.
Haben Sie denn einen Lieblingsklub?
Ich bin Fan des FC Bayern München. Manchmal sehe ich mir die Spiele über Satellit im Fernsehen an. Ich hätte gerne ein Trikot von Ballack oder ein Mannschaftsposter, aber das kann man in Bagdad nicht kaufen.
Könnten Sie sich denn vorstellen, in den Vereinigten Staaten Fußball zu spielen?
Sie glauben, der Haß gegen die Amerikaner ist zu groß? Nein. Ich würde auch für einen Klub in der amerikanischen Liga spielen. Nur das Geld müßte stimmen.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |