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Interview „Klinsmann ist absolut authentisch“

07.10.2005 ·  Psychologe Hans-Dieter Hermann doziert an der Uni Heidelberg und gehört zum Betreuerstab der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Jürgen Klinsmann in Streßsituationen, den Druck der Medien und den Torwartstreit.

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Diplom-Psychologe Hans-Dieter Hermann ist 44 Jahre alt, lebt in Schwetzingen, doziert an der Universität Heidelberg und gehört zum Betreuerstab der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Hermann hat große Erfahrung auf dem Gebiet der Sportpsycholgie. Er betreute mehrere Jahre lang die österreichischen Skirennläuferinnen und kümmert sich vor den Olympischen Spielen 2004 um die deutschen Turner, Boxer und Trampolinspringer. Im Profi-Fußball war Hermann durch seine psychologische Betreuung des Tschechen Jan Simak ins Rampenlicht gerückt.

Wie haben Sie als Psychologe den Auftritt von Gerhard Schröder am Wahlabend wahrgenommen?

Überrascht.

Ein einziger mißglückter Auftritt im Fernsehen kann genügen, um verheerend auf das Image in der Öffentlichkeit zu wirken. Ist nicht auch Jürgen Klinsmann, der ebenfalls immer wieder auf angeblich überzogene Kritik in den Medien hinweist, in der Gefahr, sich in Streßsituationen irgendwann nicht mehr an die Spielregeln zu halten?

Hinter dieser Frage vermute ich den Gedanken: "Irgendwann wird Jürgen Klinsmann ehrlich sein und sagen, was er wirklich denkt. Der ist doch nicht so, wie er sich gibt." Ich aber halte ihn für absolut authentisch. Ich erlebe ihn intern nicht anders als bei Fernsehauftritten. Meines Erachtens ist Jürgen Klinsmann vollkommen mit sich im reinen.

Einen Auftritt wie von Schröder - oder einst von Teamchef Rudi Völler mit Waldemar Hartmann - erwarten Sie also bei Klinsmann trotz allen WM- und Medien-Stresses nicht?

Nein, das werden Sie nicht erleben, und das werde ich nicht erleben.

Woher kommt das?

Einerseits durch die Authentizität. Er ist ja kein Schauspieler, aus dem irgend etwas herausbricht, wenn die Situation sich verändert. Andererseits ist er nicht abhängig von diesem Drumherum. Das schafft Freiheit.

Nach der Niederlage gegen die Slowakei reagierten die Mannschaft und die Führung irritiert auf die scharfe öffentliche Kritik. Wie geht das Team mit einer solchen Situation um, wenn sich der Wind dreht?

Natürlich erlebe ich, wie die Dinge empfunden werden. Ich trage Interna aber nicht nach außen - da bitte ich um Verständnis.

Aber es ist richtig, daß Sie in diesen Tagen als Psychologe bei den Gesprächen beteiligt waren?

Ja.

Wie finden gerade die vielen jungen Spieler in der WM-Saison ihre Rolle?

Ein Jahr lang galten sie als Hoffnungsträger, nach zwei schwachen Spielen wurden sie in Frage gestellt - und der Druck vor der Weltmeisterschaft wird weiter steigen. Viele der jungen Spieler haben zwar noch nicht so viele Erfahrungen gesammelt. Aber es gibt eine Professionalität im Umgang mit schwierigen Situationen. Die Spieler sind Kritik ja auch aus der Bundesliga gewohnt, die brechen nicht gleich zusammen. Am Anfang des Confederations Cups wurden sie auch schlecht geschrieben, da hatten wir aber den Eindruck, daß die Öffentlichkeit das etwas anders als die Medien sieht. Das Erlebnis, daß der phasenweise sehr gute Fußball im Confed-Cup ganz schnell nichts mehr wert ist, hatten viele Spieler schon häufiger. Deswegen schweben sie nicht auf Wolke sieben, wenn es sehr gut läuft - noch sind sie völlig zerstört, wenn scharf kritisiert wird. Die einzelnen Spieler gehen selbstkritisch an die Sache heran, aber sie wissen auch, daß die Mannschaft sich noch finden muß und einige Dinge ausprobiert wurden.

Sie sind jetzt ein dreiviertel Jahr als Psychologe bei der Mannschaft. Erkennen Sie einen inneren Reifeprozeß im Team?

Ich erlebe, daß sich Persönlichkeiten entwickeln. Neue Dinge werden selbstverständlich, die jungen Spieler sind selbstsicherer geworden. Das ist ein Prozeß, der für mich anhand der Entwicklung einzelner Spieler nachvollziehbar ist.

Jetzt ändert sich etwas in der Mannschaftspsychologie. Die Gruppe wird kleiner, einzelne Spieler fallen aus dem Team. Der Ärger von Christian Wörns ist ein erstes Beispiel. Wie schwierig kann dieser Prozeß für die Gruppe Nationalelf noch werden?

Ich erwarte da keine negativen Auswirkungen für die Gruppe. Der Kader ist groß gehalten worden, die Dinge waren von Anfang an offen und konnten sich verändern. Deswegen werden, wenn jetzt einzelne Spieler nicht mehr dabei sind, auch keine zementierten Steine aus einem Gefüge herausgebrochen. Ich sehe in diesem Prozeß nichts Negatives für die Teamentwicklung und auch nicht für die Gruppe als Ganzes - trotz möglicher Enttäuschung, daß ein guter Kumpel nicht mehr dabei ist.

Zum Torwartthema: Wird ein Spieler wie Oliver Kahn, der sich als starker Mann fühlt und in der Gruppe auch so verhält, nicht psychologisch durch die unsichere Situation geschwächt?

Dazu möchte ich nichts sagen. Bei den Themen, die mehrfach durch die Medien gegangen sind, möchte ich mich zurückhalten. Ich möchte meine Möglichkeiten, mit der Mannschaft zu arbeiten, und auch das Vertrauen zu den Trainern nicht beeinträchtigen, indem ich mich zu diesen individuellen Themen öffentlich äußere.

Die extremen Ausschläge in der Bewertung der Nationalmannschaft und die leidenschaftlichen Diskussionen um Kahn und Lehmann gelten vielen als Belege dafür, daß die Deutschen ein ziemlich irrationales Verhalten zum Fußball pflegen.

Ich möchte es umgekehrt sagen: Es gibt kaum ein Land, in dem Fußball eine wichtige Rolle spielt, das ein rationales Verhältnis zum Fußball hat. Da fällt mir nicht einmal die Schweiz ein. Über die Torwartfrage diskutieren bei uns viele Leute mehr als über die Bildung der neuen Regierung. Das ist natürlich extrem und hat etwas Irrationales - Gott sei Dank. Denn wenn wir Sport rational ansähen, würden wir uns nehmen, was den Sport eigentlich ausmacht: die Emotionen.

Die Fragen stellte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z. vom 8. Oktober 2005
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