Nationalspieler Gerald Asamoah über seine Rückkehr in die Mannschaft von Jürgen Klinsmann, Streß mit kleinen Kindern und den Vorteil im Fußball, wenn man ein lustiger Mensch ist.
Jeder Neuling schwärmt nach der ersten Einladung, wie großartig eine Nominierung für die Nationalmannschaft ist. Aber wie kommt man, wie Sie über 15 Monate, dann später ohne Nationalmannschaft aus?
Das ist nicht einfach. Du hast dazugehört und fühlst, daß du noch dazugehörst - aber du zählst nicht mehr dazu. Wenn du dann die Spiele im Fernsehen siehst, ist es besonders schlimm. Vor allem wenn du nicht wegen einer Verletzung fehlst, sondern weil deine Leistung nicht mehr stimmt. Das ist wirklich schlimm.
Wann wurde Ihnen klar, daß Sie nicht mehr zur Nationalmannschaft gehören?
Als mein Name nicht mehr erwähnt wurde, wenn es um die Nationalmannschaft ging. Nach der Weltmeisterschaft war ich ja noch ein paarmal dabei. Dann habe ich mich, als meine Leistung noch in Ordnung war, verletzt. Dann hat meine Leistung aber nicht mehr gestimmt, ich wurde zwar noch einmal nachnominiert, aber da war mir schon bewußt, daß alles nicht mehr so war wie vorher.
Die Spiele bei der Europameisterschaft haben Sie dann gar nicht mehr so genau verfolgt?
Nein, nicht so richtig. Ich war in Ghana im Urlaub, und da gab es beim Spiel gegen Holland einen Stromausfall - in meinem neuen Haus habe ich leider keinen Generator. Ich konnte das Spiel nicht bis zum Ende anschauen - die Tore habe ich erst in Deutschland gesehen. Das 0:0 gegen Lettland habe ich gesehen. Beim Spiel gegen Tschechien war ich am Flughafen und vollkommen im Streß, weil ich mich um meine kleine Nichte kümmern mußte. Ich war das erste Mal mit einem Kind zusammen, und die Kleine war erst ein paar Monate alt. Das war echt stressig - daher habe ich vom Spiel am Flughafen kaum was mitgekriegt.
Haben Sie vielleicht auch aus Enttäuschung die Spiele gar nicht richtig sehen wollen?
Ich hätte mir die Spiele wirklich gerne angeschaut. Aber es stimmt schon: Wenn man die Spiele sieht, ärgert man sich so, daß man nicht dabei ist.
Kann man also auf die Nationalmannschaft nicht verzichten, wenn man mal dabei war?
Jeder Spieler versucht, alle Spiele bei der Nationalmannschaft mitzunehmen. Jetzt freue ich mich besonders, wieder dabeizusein - auch jetzt bei der Asien-Reise, obwohl ich sonst Urlaub hätte.
Hatte die Mannschaft, die Sie bei der EM gesehen haben, noch Ähnlichkeit mit dem Team, mit dem Sie 2002 im WM-Endspiel standen?
Das ist doch alles abhängig vom Erfolg. Bei der WM haben wir die Saudis weggehauen, da bekommt man Selbstvertrauen. Wenn wir bei der EM Holland geschlagen hätten, dann wäre es auch gelaufen. Das ist eine Kopfsache. Bei der WM ist die Mannschaft durch die Erfolge zusammengewachsen. Je mehr Spiele man gewinnt, desto enger rückt die Mannschaft zusammen. Wenn man gewinnt, ist man gerne zusammen, da freust du dich aufs Training, auf die Spiele. Das ist doch wie bei einer normalen Arbeit. Wenn du Erfolg hast, gehst du gerne hin.
Als Sie unter Jürgen Klinsmann ins Nationalteam zurückkehrten, machte das kaum Schlagzeilen. Kein Vergleich jedenfalls zu Ihrer ersten Einladung 2001.
Bei mir ist Normalität eingekehrt. Ich hatte damals schon gesagt, daß es nicht immer so gut weitergehen würde. Ich hatte damals im ersten Länderspiel gleich ein Tor geschossen - und alle haben gedacht, das liefe jetzt so weiter. Mir war klar, daß es so nicht sein würde. Ich wußte, daß es in meiner Karriere ein Auf und Ab geben würde.
Der erste Schwarzafrikaner im deutschen Team - das war damals die große Story. Standen Sie jemals mehr im Mittelpunkt?
Nein, danach war es nie mehr der Fall, daß sich so viel um mich gedreht hat. Es war schön. Aber jetzt ist es wunderbar, dabeizusein und nicht im Mittelpunkt zu stehen. Die Leute wissen jetzt, was ich kann und was ich nicht kann. Sie können mich jetzt besser einschätzen. Ich bin froh, daß die Normalität zu mir zurückgekehrt ist.
In Asien sind mit Owomoyela , Engelhardt und Schulz wieder drei Neulinge dabei, es wimmelt unter Klinsmann nur so davon. Mit 23 Länderspielen gehören Sie jetzt schon zu den Etablierten.
Das ist schon so. Anerkannt wird man aber nicht wegen der 23 Länderspiele, sondern wenn man erfolgreich Fußball spielt. Bei der WM habe ich ja schnell gemerkt, daß ich nicht zu den ersten Kräften gehöre. Jetzt ist es so, daß ich ein gewisses Standing in der Mannschaft habe. Ich gehöre jetzt zu den akzeptierten Spielern, und ich habe das Gefühl, daß die jungen Spieler auch auf mich schauen. Da spüre ich natürlich Anerkennung.
Was machen Sie denn jetzt besser als zu der Zeit, als Sie nicht mehr für die Nationalelf spielen durften?
Ich bin vor allem lockerer geworden. Ich bin nicht mehr so streng zu mir selbst.
Wir dachten, Sie seien schlanker geworden.
Stimmt schon, meine Lebenseinstellung hat sich auch geändert. Man wird eben älter und merkt, daß man auf manche Sachen besser aufpassen muß, auch auf den Körper. Ich lebe ja von meinem kraftvollem Spiel. Aber entscheidender ist letztlich doch, daß die Leistung eines Spielers nachläßt, wenn er innerlich zu satt ist - das war bei mir der Fall. Daraus habe ich gelernt. Das liegt auch an Jupp Heynckes, der viel von mir gefordert hat. Was ich jetzt habe, möchte ich nicht mehr hergeben. Ich merke auch, daß meine guten Leistungen schon lange anhalten.
Als Experte für gute Laune: Wie würden Sie die Atmosphäre in Klinsmanns Team beschreiben?
Sehr gut, und das merkt man auch daran, wie all die neuen Spieler aufgenommen werden - und wie sie dann auf dem Platz auftreten. Aber das liegt natürlich auch daran, daß wir bisher erfolgreich waren. Wenn es einen Rückschlag gibt, muß sich die Mannschaft erst beweisen. Aber ich bin sehr optimistisch: Die jungen und älteren Spieler passen sehr gut zusammen. Und außer mir gibt es auch noch ein paar andere lustige Leute.
So lustig wie Sie?
Einige denken, weil ich immer lache, wäre ich nie böse. Aber das bin ich auch manchmal, dann rede ich mit niemandem. Aber sonst bin ich schon locker drauf und mache ein paar Sprüche.
Die Kollegen mögen es.
So bin ich halt - und wenn es der Mannschaft hilft, dann muß ich doch einfach in der Nationalmannschaft bleiben.