Home
http://www.faz.net/-gtm-ov7w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview „Deutsche Dichter waren nie gute Turnierdichter“

26.06.2004 ·  Dichter Robert Gernhardt, einer der großen Virtuosen am Ball der deutschen Sprache, über Sprachwitz, Spielwitz und Fußballerinnerungen von gestern bis heute.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Robert Gernhardt ist einer der großen Virtuosen am Ball der deutschen Sprache. Anders als die deutschen Kicker wird der Titanic-Mitgründer, Otto-Ghostwriter (Waalkes, nicht Rehhagel), Kästner-, Brecht- und Ringelnatz-Preisträger das Jahr nicht ohne weiteren Titelgewinn abschließen: Im Dezember erhält er den Heinrich-Heine-Preis. Den Fußball, dessen mal kraftvolle, mal klischeehafte Sprache er schätzt, hat Gernhardt zum Gegenstand mehrerer Gedichte gemacht, zuletzt beim 1:1 von Deutschland gegen die Niederlande vor zwölf Tagen.

Bei der letzten EM schied Deutschland mit einem 0:3 gegen Portugals B-Team aus, und Sie dichteten: "Ich hab' es noch erlebt/wir war'n einmal die Größten/sollen wir fortan/im Kick-Inferno rösten?" Was schreiben Sie nun, dasselbe noch einmal?

So katastrophal, so runterziehend war es ja diesmal nicht. Die Mannschaft war nicht so schlecht, daß sie neu geröstet werden muß. Aber ich gebe zu: Als Deutscher, der in Italien lebt, bin ich doppelt getroffen. Mir sind beide Beine weggeschlagen, nun liege ich am Boden wie Deutschland und Italien.

Mit Ihren eigenen Gedichten, aber auch mit der Sammlung "555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten", die Sie herausgaben, halten Sie eine deutsche Tugend hoch: den Sprachwitz. Wo bleibt der Spielwitz?

Der deutsche Sprachwitz war ja lange vor dem Fußball da, mit Lessing und Lichtenberg als ersten Sturmspitzen. Dann lief er lange parallel auf vergleichbarem Niveau. Mittlerweile muß man wohl sagen, daß der Sprachwitz den Spielwitz überholt hat. Allerdings konnte den deutschen Dichtern nie nachgesagt werden, daß sie gute Turnierdichter seien und mit Kampfgeist noch da punkten, wo die anderen aufgeben.

Ein Vers von Ihnen, "Dich will ich loben, Häßliches/Du hast so was Verläßliches", klingt wie ein triste deutsche Fußballbilanz.

Nein, das bezog sich nur auf Metzingen. Der Fußball kann ja immer wieder schön werden. Die Europameisterschaft zeigt, daß erfolgreicher Fußball schön ist.

Welcher Fußball ist für Sie ein Gedicht?

Mich begeistert, was gegen große Wahrscheinlichkeit gelingt. Wenn zum Beispiel Zidane einen aus großer Entfernung zugespielten Ball ganz leicht abtropfen läßt. Das begeistert mich, so wie mich auch Artistik begeistert. Deshalb bedaure ich jeden, der im Fußball die siebziger Jahre nicht miterlebt hat, die Ästhetik des Spiels in dieser Zeit.

Damals entdeckten auch die Intellektuellen den Fußball. Wird er nun, da Deutschlands Kicker im Mittelmaß versinken, wieder zum Tabu-Thema für Dichter und Denker?

Nein, auch in intellektuellen Kreisen kann man es sich heute nicht mehr leisten, von Fußball keine Ahnung zu haben. Sonst ist man ausgegrenzt. Viele meiner Bekannten und Kollegen sind im Fußball äußerst bewandert. Eckhard Henscheid hat sogar früher mit detaillierten Fußballkenntnissen sein Bier verdient. Er wettete in der Kneipe und wußte zuverlässig von rund zehn Jahren Bundesliga die exakten Ergebnisse zu berichten.

Und Sie?

Ich kann mir so was nicht merken. Dafür wundere ich mich immer über blödsinnige Schlagertexte, die ich parat habe.

Sind die auch zu etwas nütze?

Nur dazu, daß man sich damit bei langweiligen Wanderungen bei Laune halten kann. Obwohl man auch dabei manchmal lieber ein Fußballergebnis wüßte. Zum Beispiel 1966, als ich in Nordfinnland war, während in Wembley das WM-Endspiel lief. Wir saßen im Bus von Rovaniemi, auf dem Weg zu einer dreitägigen Tundrawanderung. Im Radio des Busses lief etwas, das man als Reportage vom WM-Finale identifizieren konnte, auf finnisch natürlich. Außer yksi und kaksi, eins und zwei, habe ich kein Wort verstanden. Dann gingen wir wandern und wußten immer noch nicht, wer Weltmeister war. Nach drei Tagen trafen wir Menschen, Deutsche. Das erste, was sie sagten, war: "Wer ist Weltmeister?" Ich glaube, ich war der letzte auf der Welt, der es erfuhr.

Dafür vergißt man so was nicht mehr. Es heißt ja, der Fußball schaffe Momente, in denen jeder weiß, wo er gerade war, als ein bestimmtes Tor fiel.

Ja, er verleiht der Erinnerung Struktur. Selbst wenn man wie ich den täglichen Fußball nicht so intensiv verfolgt, ist das so bei den besonderen Ereignissen wie Welt- und Europameisterschaften. Etwa 1970 das WM-Spiel in Mexiko gegen England. Als Seeler den Ausgleich zum 2:2 schaffte, bin ich zum einzigen Mal in meinem Leben von wildfremden Menschen abgeknutscht worden. Das war auf Norderney, in einer Kneipe, wo Bauarbeiter auf Urlaub den Sieg feierten. Oder 1973 Netzers Selbsteinwechslung im Pokalfinale. Sich selber einwechseln und dann mit der ersten Ballberührung das Siegtor schießen, das vergißt man nicht. Das ist ein wahrgewordener Bubentraum. Solche Fußballerinnerungen schaffen ein Generationengefühl oder gar ein Nationengefühl.

Zum Schluß noch was fürs Sprachgefühl, eine schöne Ergänzung für Ihr Fußball- und Schlagertextgedächtnis. Es ist das erste, was im deutschen Fernsehen am Donnerstag morgen als "Hommage an Rudi Völler" nach dessen Rücktritt lief. Ein Lied der "Höhner": "Tante Käthe, wir danken dir/Tante Käthe, darauf trinken wir/Tante Käthe, du bist unser Traum/Und wir drücken dir den Daum'n!" Hat er das verdient?

Nein, obwohl: Wenn das mit dem Schlußreim eine Anspielung auf Christoph Daum sein sollte - dann wär's gar nicht so schlecht gedichtet.

Das Gespräch führte Christian Eichler.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.06.2004, Nr. 26 / Seite 16
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 3 4

Ergebnisse, Tabellen und Statistik