http://www.faz.net/-gtl-76arq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.02.2013, 07:09 Uhr

Internationaler Wettskandal Wetten, dass im Fußball krumme Dinger laufen?

Fußballfunktionäre sprechen gern von bedauerlichen Einzelfällen. Nach den neuen Erkenntnissen von Europol ist jedoch klar: Die Sportart ist in die Fänge der organisierten Kriminalität geraten.

von
© AFP Ehrlich gewonnen? Die Champions-League-Trophäe im Jahr 2012

Seit mehr als dreißig Jahren arbeitete Ralf Mutschke für das Bundeskriminalamt, bei dem er sich mit dem gesamten Spektrum kriminalistischer Ermittlungsarbeit beschäftigte. Nachdem der erfahrene Aufklärer aus Deutschland im vergangenen Sommer als Sicherheitschef zum Internationalen Fußball-Verband (Fifa) gewechselt war, war schnell klar, welche Problematik in Zukunft vor allem auf ihn zukommen würde. Unlängst berichtete Mutschke von einer brisanten Zusammenkunft, deren Gehalt einmal mehr verdeutlichen sollte, mit welch dunklen Mächten es der moderne, an der Oberfläche so glamouröse Fußball zu tun hat: „Ich habe mich mit einem verurteilten Manipulator informell getroffen. Er sagte mir gerade ins Gesicht: ‚Die organisierte Kriminalität geht raus aus den ursprünglichen kriminellen Tätigkeiten hin zu Spielmanipulation, denn hier besteht ein geringes Risiko, aber sie verspricht hohe Gewinne.‘“

Michael Ashelm Folgen:

Die gigantischen Ausmaße der Europol-Untersuchungen, die am Montag in Den Haag von der europäischen Polizeibehörde vorgestellt wurden und Schockwellen ins Fußballgeschäft sandten, bestätigen die Annahmen vieler Experten: Der populärste Sport der Welt wird über Wetten, Spielmanipulationen, Betrügereien sowie auch Erpressung immer stärker durch global agierende Banden unterwandert. Es handelt sich um ein Milliardengeschäft, oft gesteuert von Gangstersyndikaten aus Asien, die streng hierarchisch wie brutale Drogenkartelle funktionieren. Werden neue Skandale aufgedeckt, geben sich die Fußballfunktionäre meist völlig überrascht, um dann sogleich den Eindruck zu erwecken, dass man sich des Themas ab sofort mit „null Toleranz“ annehmen würde.

„Wir befinden uns in einem Krieg“

Doch die Wahrheit sieht anders aus und ist ziemlich niederschmetternd. Verbände und Vereine sind hoffnungslos überfordert, wenig vorbereitet - und darüber hinaus ziemlich naiv. Als im Jahr 2009 die Bochumer Staatsanwälte dabei waren, die kriminellen Netzwerke beim vormaligen Wettskandal in Deutschland zu untersuchen, mokierte sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) über die wichtigste Erkenntnis der Ermittler, dass es sich bei allem wohl nur um die Spitze eines Eisbergs handele. Daran wollten die Fußballfunktionäre nicht glauben. Die aktuellen Europol-Ermittlungen gründen sich zum Teil offenbar auf den Hinweisen der Bochumer Staatsanwaltschaft von damals, die gemeinsam weiterverfolgt wurden. Vor allem geht es den Polizeibehörden diesmal wohl darum, endlich an die Hintermänner zu kommen und die kriminellen Netzwerke aufzudecken. Um welche wirkliche Dimension es geht, erkannte schon Mutschkes Vorgänger als Sicherheitschef bei der Fifa, Chris Eaton. „Wir befinden uns in einem Krieg“, sagte der ehemalige Interpol-Mann. Eaton hielt es bei der Fifa nicht lange aus, auch, weil der Australier spürte, mit der Wichtigkeit der Thematik nicht richtig durchdringen zu können. Der Bundesligaskandal Anfang der Siebziger in Deutschland, in den zahlreiche Spieler, Trainer und Funktionäre verwickelt waren, erscheint im Vergleich zu heute wie ein Kindergeburtstag.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fifa-Ethikkommission Niersbach für ein Jahr gesperrt

Wegen der Affäre um die Fußball-WM 2006 wird Wolfgang Niersbach von der Fifa-Ethikkommission für ein Jahr gesperrt. Die Reaktion des früheren DFB-Präsidenten folgt prompt. Auch der DFB äußert sich. Mehr Von Michael Ashelm

25.07.2016, 15:41 Uhr | Sport
Fast wie bei Harry Potter Die Welt jagt in Frankfurt den goldenen Schnatz

21 Nationalteams mit rund 350 Spielerinnen und Spielern haben in Frankfurt um den dritten Weltmeisterschaftstitel im Quidditch gekämpft. Das ungewöhnliche Spiel zieht verschiedenste Sportler an. Und auch Menschen, die eigentlich nichts mit Sport am Hut haben, klemmen sich die eher irdischen Plastikstangen zwischen die Beine. Mehr

25.07.2016, 21:10 Uhr | Sport
Entscheidung des IOC Russisches Olympia-Team darf mit Einschränkungen nach Rio

Der Chef duckt sich weg: Bei Olympia in Rio wird eine russische Mannschaft am Start sein. Staatliches System-Doping reicht nicht für einen kompletten Bann. IOC-Präsident Thomas Bach reicht das Problem an die Verbände weiter. Mehr Von Christoph Becker, Michael Reinsch und Evi Simeoni

24.07.2016, 19:14 Uhr | Sport
Im Namen Allahs Attentäter von Ansbach bekannte sich zum IS

Auf dem Handy des Attentäters von Ansbach haben die Ermittler ein Video gefunden, in dem dieser sich zum IS bekennt. In der Wohnung des 27 Jahre alten Syrers befanden sich außerdem Bauteile und Chemikalien zum Bombenbau. Mehr

25.07.2016, 22:23 Uhr | Politik
Eintracht-Trainer Kovac Wir brauchen Phantasie

Muss Eintracht Frankfurt kommende Saison wieder bis zuletzt um den Klassenverbleib zittern? Trainer Niko Kovac will das verhindern. Im Interview spricht der Eintracht-Trainer über seine Pläne, den internationalen Kader – und Wissenschaft im Fußball. Mehr Von Peter Heß

25.07.2016, 20:16 Uhr | Rhein-Main

Spiele des Zynismus

Von Evi Simeoni

Der IOC-Präsident hat die Chance zu einem machtvollen Statement gegen Doping vertan. Die Entscheidung, Russland zu den Spielen zuzulassen, nimmt den Spielen den tieferen Sinn. Mehr 27 28