Als die Fahnder an die Tür klopften, sprang der Buchmacher auf, schnappte sich den Stapel Einzahlungsbelege, schloss sich auf dem Klo ein und versuchte, sie hinabzuspülen. Doch die Agenten der Singapurer Polizei-Spezialeinheit gegen illegale Wetten (Gambling Suppression Branch) waren schneller als der 54 Jahre alte Verdächtige: Sie sicherten einen Packen Quittungen, die verbotene Wetteinnahmen in Höhe von 88.800 Singapur Dollar (52.717 Euro) nachwiesen. Bis zu 200.000 Dollar Strafe und fünf Jahre Gefängnis drohen ihm. Seine Kunden, die Zocker, können zu einem Jahr Haft im Gefängnis Changi verurteilt werden.
Die Strafen sind hart, die Gefangenen letztlich aber kleine Fische. Denn der reiche Stadtstaat Singapur erweist sich immer mehr als Dreh- und Angelpunkt der weltumspannenden Wettmafia. Die Drahtzieher im größten Wettskandal der Sportgeschichte mit rund 700 unter Manipulationsverdacht stehenden Spielen kommen aus der Tropenmetropole - dies ergibt sich aus den am Montag von Europol veröffentlichten Informationen. Ausgerechnet aus Singapur, das seinen Ruf als Asiens sauberste Stadt mit Klauen und Zähnen verteidigt.
Sportwetten, um Schwarzgeld zu waschen
Es gibt viele Gründe, warum sich illegale Buchmacher ausgerechnet hier niederlassen: Singapur liegt im Herzen der Region, verfügt über nahezu perfekte Flug- und Internetverbindungen, wird immer wieder als Geldwäschezentrum genannt und pflegt gute Verbindungen zu den Reichen in China, Indien und Indonesien. Nicht nur der Kauf von Immobilien oder der Gang ins Casino bieten die Chance, das in den Nachbarländern verdiente Schwarzgeld zu waschen - auch illegale Sportwetten eignen sich dazu. Auch ist das Luxusangebot im Kleinstaat unbegrenzt - und das scheint wichtig für Straftäter im Anzug. Außerdem lieben Asiaten Glücksspiele.
Asiaten spielen gerne, aber sie dürfen meist nicht. „Eine große Anzahl Asiaten wollen spielen, ihre Regierungen lassen sie nicht, und so hat eine ganze illegale Industrie ein Tabu-Produkt geschaffen. Die Spitzen der Gangs zählen zu den Reichsten Asiens“, erklärt der Spezialist für illegales Glücksspiel Declan Hill. Zwar verfügt Singapur über zwei Luxuscasinos. Während Ausländer dort aber kostenlos Zutritt haben, müssen Singapurer ihren Pass vorzeigen und hundert Singapur-Dollar Eintritt zahlen. Wetten auf Pferderennen oder Fußballspiele können sie nur über die staatliche Wettannahmestelle Singapore Pools abgeben. Dort aber sind die Gewinnaussichten vielen zu gering, auch fehlt der Reiz des Verborgenen. So schätzt eine der staatlichen Zeitungen, dass illegale Syndikate in Singapur während der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 Wetteinnahmen von mehr als einer Milliarde Dollar erzielt haben - mehr als das Doppelte der Einnahmen von Singapore Pools.
Der Weltöffentlichkeit wurde Singapur als Drehkreuz weltumspannender Verbrechersyndikate bekannt, als der Singapurer Wilson Raj Perumal im Februar 2011 der finnischen Polizei ins Netz ging. Er drehte ein viel größeres Rad als die kleinen Buchmacher, die in Singapur regelmäßig auffliegen. Der frühere Amateurfußballer wurde wegen des Kaufens von Spielern in Europa und Afrika zu zwei Jahren Haft verurteilt. Sein Singapurer Kumpan Tan Seet Eng, in der Szene als Dan Tan bekannt, wird von Interpol und in Italien als „Matchfixer“ gesucht.
Die Fußball-EM 2008 gab einen ersten Einblick, wie stark die Gesellschaften Asiens von der globalen Wettmafia unterwandert sind. Allein während der von Interpol geführten Razzien im Rahmen der Operation Soga (Soccer Gambling, Glücksspiel beim Fußball) Wave II wurden 52 Buchmacher und Zocker in Singapur festgenommen, 1300 in ganz Asien. Die Polizei in Singapur, China, Hongkong, Macau, Indonesien und Malaysia verhinderte damit Wettgeschäfte in Höhe von rund 1,45 Milliarden Dollar, stellte Bareinsätze von mehr als 16,8 Millionen Dollar sicher.
Doch ist auch das nur die Spitze des Eisbergs. „Der Markt für ungesetzliche Wetten wird auf fast 500 Milliarden Euro jährlich geschätzt“, erklärte der Chef von Interpol, Ronald Noble, vor wenigen Wochen auf einer Konferenz in Singapur. „Das Volumen der Wetten kann in die zehn-, ja hunderttausend Euro gehen. Es gibt Schätzungen, dass die großen asiatischen Buchmacher Umsätze in der Größenordnung von Coca-Cola einfahren.“ Der Getränkekonzern kommt auf knapp fünfzig Milliarden Dollar im Jahr. Die organisierten Verbrecher werden von den Fahndern immer wieder auch in Verbindung mit Geldwäsche, Prostitution, Drogenhandel, Schmuggel und Mord genannt. Die Margen scheinen enorm: Der Fußball-Weltverband Fifa rechnet damit, dass die Syndikate für eine Zahlung von rund 300.000 Euro an Fußballer, die ein Spiel manipulieren, leicht das Dreißigfache einnehmen können.
Escort-Girls stehlen den Spielern Unterwäsche
Inzwischen machen die Behörden mobil. Noble orakelte: „In naher Zukunft werden die Singapurer von Verhaftungen von Leuten hier in der Stadt lesen, die mit dem illegalen Wetten und dem Verschieben von Spielen in Singapur oder im Ausland zu tun haben.“ Singapurs strikte Regierung hat darauf gedrungen, dass ausgerechnet hier Interpol im nächsten Jahr ein „Globales Zentrum für Innovation“ eröffnet, unter anderem mit einem Kommandostand für Spezialeinheiten.
Wie aber läuft das dreckige Geschäft auf dem Rasen ab? Einen seltenen Einblick gibt der Singapurer Fußballer Tohari Paijan, der mit 23 Jahren als erster Spieler in Singapur wegen Bestechung verurteilt wurde. „Junge Spieler sind in der Regel leichte Beute. Die Buchmacher laden dich zum Kaffee ein, freunden sich mit dir an, schaffen Vertrauen. Erst nach ein paar Monaten kommen sie mit einem Angebot.“ Dieses liege dann oft höher als das Monatsgehalt eines Spielers und leicht bei mehreren hunderttausend Dollar. Oft kämen auch sexuelle Dienstleistungen, meist durch hochklassige Escort-Girls, hinzu. Zieht der Spieler dann nicht mit, lassen die Buchmacher die Mädchen seine Unterwäsche stehlen und drohen ihm damit, mit diesen Beweisstücken die „Affäre“ seiner Familie zu verraten. Spätestens dann hat er kaum mehr eine Wahl und folgt beim entscheidenden Spiel den Anweisungen des Buchmachers.
Geldsucht
Manfred Karl Karkosch (Manfredkarl)
- 05.02.2013, 19:42 Uhr