21.09.2008 · Bunte Bausünden und starke Kicker: Einige der besten Fußballer Deutschlands stammen aus dem Frankfurter Problemviertel, darunter Nationalspieler Jermaine Jones, Daniel Gunkel und Weltmeisterin Steffi Jones. Eine Spurensuche beim SV Bonames.
Von Alex WesthoffDieser Fußballplatz ist gefräßig. „Der frisst Trikots und Schuhe wie verrückt“, sagt Andreas Wydlok und trägt einen Wäschekorb voll schmutziger rot-weißer Hemden davon. Und er frisst die Hautschichten derer, die auf ihn stürzen. Dieser Fußballplatz ist rot wie ein von der Abendsonne beschienener Felsen, an einigen Stellen tief wie ein Sandstrand, mancherorts hart wie Granit und bei Wärme staubig wie eine Wüstenrallye. Ein bei Sturm abgeknickter Baum hat einen Flutlichtmast mit umgerissen.
Hier ist er zu Hause, der SV Bonames. „Dieser Fußballplatz liegt noch genauso da wie zu Zeiten, als Steffi Jones, Jermaine Jones und Daniel Gunkel hier gespielt haben“, sagt Wydlok, der Vorsitzende, Sportwart, Gastronom und Materialwart des Vereins. Der SV Bonames ist einer der letzten Vereine in Frankfurt, die nur einen Aschenplatz haben. Anträge für ein neues Spielfeld haben die vom SV schon viele gestellt. Vergeblich.
„Wir haben hier immer schon sehr gute Fußballer hervorgebracht“
Bonames hat keine Lobby. Kein Stadtteil Frankfurts ist so mit dem Stigma „Problemviertel“ oder „sozialer Brennpunkt“ behaftet. Bonames wird seit jeher synonym mit dem Ben-Gurion-Ring gebraucht, jene verrufene Siedlung weit draußen im Frankfurter Norden, wo sich bunte Bausünden der siebziger Jahre türmen, wo trostlose Architektur auf schwache Infrastruktur trifft, wo von rund 4000 Einwohnern etwa 2500 einen Migrationshintergrund haben.
Die Betonfassaden sind ergraut über die Jahre - aber nicht in Würde. Der Ben-Gurion-Ring, „dort oben“, wie man hier sagt, gehört offiziell nur zu einem Drittel zu Bonames. Der Rest zu Nieder-Eschbach. Der untere Teil von Bonames ist ein bürgerliches Viertel, grün, ruhig. Hier liegt in einer Senke auch der Platz des SV Bonames.
„Da ist der Rahner-Fritz nach Bad Vilbel gewechselt“
Sonntagnachmittag, Germania 08 Ginnheim ist am vierten Spieltag der Kreisliga A zu Gast. Die Bonameser gehen rasch in Führung, dann erlahmt ihr Offensivgeist. Der Ball und der ballführende Spieler sind in der Staubwolke kaum auszumachen. Es riecht nach Bratwurst. Einige ältere Herren, manche von ihnen sind schon über 50 Jahre im Verein, grillen am Spielfeldrand, trinken Pils für 1,50 Euro und murren über das zusehends ungelenkere Vorgehen des SV gegen das vielbeinige Ginnheimer Abwehrbollwerk. „Wir haben hier immer schon sehr gute Fußballer hervorgebracht“, sagt einer von ihnen, „das ging schon in den fünfziger Jahren los. Da ist der Rahner-Fritz von hier nach Bad Vilbel gewechselt.“
Die Erben vom Rahner-Fritz sind ungleich berühmter: Jermaine Jones (Nationalspieler, derzeit bei Schalke 04), Daniel Gunkel (Mainz 05), Bakary Diakité (SV Wehen Wiesbaden), René Keffel (ehemals Offenbacher Kickers), Steffi Jones (Weltmeisterin, ehemals 1. FFC Frankfurt). Sie alle sind in Bonames, vorwiegend am Ben-Gurion-Ring, aufgewachsen und haben ihre fußballerischen Wurzeln auf dem Platz am Harheimer Weg. Auch Sandra Smisek (Weltmeisterin, 1. FFC Frankfurt) aus dem benachbarten Kalbach kennt die Bonameser Asche in- und auswendig. Der Letzte, der es vom roten Rasen auf den grünen Rasen der großen Fußballbühne geschafft hat, ist der Marokkaner Fikri El Haj Ali. Er steht im Zweitligakader des FSV Frankfurt.
„Entweder du baust Mist oder du kickst von morgens bis abends“
Warum Bonames? Warum haben so ungewöhnlich viele sehr gute Kicker ihre Wurzeln in dieser schwierigen Gegend? Warum entspringen sie einem Verein, der auf den ersten Blick das genaue Gegenteil von dem bietet, was talentierte Nachwuchsspieler zum Reifen benötigen? „Wir hatten doch nichts anderes als Fußball“, sagt Selam Tekle, der gegen Ginnheim als Kapitän aufläuft. Selam ist Eritreer, aufgewachsen, wie die meisten im Team, am Ben-Gurion-Ring.
„Entweder du baust Mist und gehst irgendwann in den Knast oder du kickst von morgens bis abends, bis deine Mutter dich heimholt.“ Selam, Jermaine Jones und Daniel Gunkel - sie sind heute noch beste Kumpel - haben sich fürs Kicken entschieden. Jeden Tag, in der Schule, nach der Schule, bei jedem Wetter, zwei, drei Handvoll Spieler sind immer zusammengekommen auf dem kleinen Platz mit Gummiboden direkt neben der Grundschule. Oft war auch Sandra Smisek dabei. „Zu ihr habe ich lange aufgeschaut“, gesteht Gunkel.
Jones und Gunkel waren „absolute Vollgranaten“
Zum Training sind sie dann ein paar Meter rüber gegangen zum SV Bonames. Jones, der spätere Kapitän der Frankfurter Eintracht, und Gunkel, der spätere Mainzer Spielmacher, waren schon als Kinder „absolute Vollgranaten“, wie Selam es ausdrückt. Sie durften am Nachmittag nie zusammen in einer Mannschaft spielen, sonst hätte der Rest keinen Spaß mehr gehabt. „Die konnten doch gerade erst aufrecht gehen, da war die Eintracht schon hinter den beiden her.“ Selam ist ein selbstbewusster und redegewandter Typ mit breiten Schultern, großflächigem schwarzem Tattoo auf dem rechten Unterarm, blitzender Halskette und riesiger blinkender Gürtelschnalle. Der Fünfundzwanzigjährige hält mit harten Sprüchen nicht hinterm Berg: „Früher hat man sich hier noch wie Männer mit Fäusten geschlagen, heute hast du schon ein Messer im Rücken, wenn du einen nur schief anschaust - und die Idioten filmen das Ganze noch mit der Handykamera.“
Natürlich ist es ein mitunter hartes Viertel. Natürlich sind hier viele arbeitslos. Ja, Selam, Daniel und Jermaine haben gute Freunde hinter Gitter gehen sehen. „Mein bester Freund, mit dem ich jeden Tag zusammen war“, erzählt Daniel Gunkel, „ist drogensüchtig geworden. Er musste in den Knast, kam wieder raus, musste wieder rein.“ Ist das der Nährboden, auf dem so viele gute Fußballer gedeihen können? Vielleicht sogar ein idealer. Willenskraft und Durchsetzungsstärke braucht es hier von Kindesbeinen an, um sich seinen Platz in der ungeschriebenen Hierarchie zu sichern.
Sie waren Mini-Stars in ihrem Mikrokosmos
Von den 30 Jungs in ihrem engsten Umfeld hätten vielleicht zwei eine Ausbildung angefangen, sagt der heute 28 Jahre alte Gunkel. „Ich stand auch auf der Kippe: Entweder Fußballprofi werden oder ich wäre auch kaputtgegangen und würde nur noch rumhängen.“ Gunkel und Jones hatten schon früh besondere Fähigkeiten am Ball. Daniel verteilte die Bälle im Mittelfeld dank seiner überragenden Technik, der „kleine Pfeil“ Jermaine war damals noch Stürmer. „Dem brauchtest du nur den Ball in den Lauf spielen, und der ist abgegangen wie Schmitz' Katze“, erinnert sich Gunkel.
Sie waren Mini-Stars in ihrem Mikrokosmos, wurden hofiert im Viertel, durften bei den Älteren mitspielen und wurden auch dort - der Gradmesser für Akzeptanz und Spielstärke schlechthin - mit den Ersten ins Team gewählt. „Gunkel-in-den-Winkel“ haben sie den kleinen Daniel genannt, weil er mit Ansage die Bälle dort versenkte. „Das ganze Pack in Bonames stand hinter den beiden“, sagt Selam. Das hat sich ein bisschen geändert. Der 26 Jahre alte Jones wird in seiner Frankfurter Heimat angefeindet, nicht zuletzt wegen seines von langer Hand geplanten Abgangs von der Eintracht. „Arrogant und abgehoben ist er, sagen die Leute - aber das stimmt nicht“, meint Selam, der einen Job als Kellner hat. Jones, der bunt tätowierte Fußballkrieger, ist der Sohn eines einst in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten. Seine Mutter lebt noch immer am Ben-Gurion-Ring.
Die „U-Bahn-Schläger“ stammen von dort
„Der Emporkömmling aus Bonames“ oder „Ein Getto-Junge boxt sich nach oben“ - diese Geschichten sind leicht geschrieben. Das Wort „Getto“ geht heutzutage leicht über die Lippen. Auch in Bezug auf den Ben-Gurion-Ring ist es zuletzt wieder häufig benutzt worden, obwohl die Siedlung mit ihren vielen Grünflächen nicht ungepflegt, geschweige denn verwahrlost aussieht. Die beiden „U-Bahn-Schläger“ Simon G. und Daniel L. stammen von dort.
Jene beiden, die mit dem brutalen Überfall auf einen U-Bahn-Fahrer den Landtagswahlkampf von Ministerpräsident Koch so befeuerten und Ende Juli wieder Schlagzeilen machten, als sie in Bonames einen 23 Jahre alten Mann mit Messerstichen lebensbedrohlich verletzten. Sie kickten beide beim SV Bonames. „Alleine war der eine von denen ein anständiger Kerl“, sagt Marion Gunkel, „und ein guter Fußballer obendrein. Daniel Gunkels Mutter hat sich viele Jahre beim SV engagiert, kommt auch heute noch regelmäßig zu den Heimspielen der ersten Mannschaft. Es lag auch an den guten Trainern beim SV Bonames, dass sich manche so gut entwickeln konnten, meint sie.
Beim Kicken im „Pennerpark“
Die Ginnheimer wehren sich tapfer, es steht immer noch 1:0. Selam läuft an zum Freistoß aus 20 Metern, seine Spezialität. Mit Karacho donnert er den Ball in die Mauer. Daniel Gunkel und er rechnen jedes Jahr die direkten Freistoßtore gegeneinander auf, Kreisliga A gegen Zweite Bundesliga. In der vergangenen Saison gewann Selam 7:5, in der neuen Runde steht es schon 2:0. Marion Gunkel glaubt, dass ihr Sohn seinen Kumpel Selam oft beauftragt, doch bitte mal nach ihr zu schauen.
Die Ginnheimer wanken unter dem Dauerdruck - und fallen. 3:0 gewinnt der SV und setzt sich vorübergehend an die Tabellenspitze. Marion Gunkel klatscht lachend ein paar Spieler ab. Daniels Vater war als diplomatischer Vertreter der Elfenbeinküste in Frankfurt stationiert. „Als er zurückmusste, sind wir nicht mitgegangen“, sagt Marion Gunkel. Sie ist eine kräftige, gutmütige Frau mit grauen langen Haaren und bequemen Schuhen. Die Gunkels wohnen im unteren Teil von Bonames, nur drei Gehminuten vom Platz des SV entfernt. Daniel verbrachte aber viel Zeit oben am Ben-Gurion-Ring: Beim Kicken, wenn die Truppe zwischen die Wäschestangen zielte oder im „Pennerpark“ spielte, dort, wo die Trinker rumlungerten. Und im Jugendhaus, „wo er auch die Leute traf, die man besser nicht trifft“, weiß seine Mutter.
„Gettosound“ zum Einstimmen
Doch Daniel hat sich durch nichts vom Fußball abbringen lassen. Auch das derzeitige erste Team des SV Bonames bleibt wehrhaft. Für Mannschaften, mit denen es im Hinspiel Zoff gegeben hat oder die den Gästen keinen Kasten Wasser gestiftet haben, halten sie beim Rückspiel in Bonames eine Überraschung bereit: das alte Kabinenhäuschen. Etwa zehn Quadratmeter groß, schmale Bänke, ein paar Stühle, schummrige Duschen. „Bitte schön, hier entlang, sagen wir denen“, erzählt Selam. Und dann knubbelt es sich. Einige müssen sich einen Stuhl nehmen und sich draußen vor der Tür umziehen. Schräg über ihnen im Klubhaus befindet sich die Kabine der Heimmannschaft.
Aus dem geöffneten Fenster dringt laute Musik. Die Spieler des SV Bonames stimmen sich immer mit rabiaten Beats auf 90 Minuten Fußball ein. Was wir da hören? „Gettosound“, sagt Selam.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |