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Im Gespräch: Zypern-Kenner Rainer Rauffmann „Ein Blinder wie ich macht da heute keine 40 Tore“

28.08.2008 ·  Der zyprische Meister Anorthosis Famagusta spielt am Dienstagabend als erster Klub von der Mittelmeerinsel in der Champions League gegen Werder Bremen, der Rivale Apoel spielt im Uefa-Pokal gegen Schalke. Rainer Rauffmann erläutert im Gespräch mit FAZ.NET die Hintergründe des Aufschwungs auf Zypern.

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Anorthosis Famagusta hat sich überraschenderweise für die Champions League qualifiziert, die Rivalen Apoel und Omonia aus der Hauptstadt Nikosia sind in die Hauptrunde des Uefa-Pokals vorgedrungen.

Der auf Zypern lebende ehemalige Bundesligaprofi Rainer Rauffmann kennt die Geheimnisse des scheinbar wundersamen Erfolgs. Der heute 41 Jahre alte Rauffmann ist 1997 nach Engagements bei Eintracht Frankfurt, Arminia Bielefeld und LASK Linz nach Zypern gewechselt und wurde dort nach 42 Treffern in seiner Premieren-Saison bei Omonia Nikosia zu einem Volkshelden. Der Stürmer nahm später die zyprische Staatsbürgerschaft an, lässt sich seither auf der Mittelmeerinsel mit Markos ansprechen und avancierte sogar noch zum Nationalspieler mit drei Toren in fünf Spielen. Heute arbeitet Rauffmann als Chefscout für seinen Ex-Klub Omonia. Im Gespräch mit FAZ.NET erläutert Rauffmann die Hintergründe des Aufschwungs auf Zypern und bekennt, dass „ein Blinder wie ich“ heute keine 40 Tore mehr machen würde.

Anorthosis Famagusta hat Olympiakos Piräus ausgeschaltet und als erster zyprischer Verein die Champions-League-Gruppenphase erreicht. Wie ist das Fußballwunder zu erklären?

Das ist kein Wunder. Ihr müsst in Deutschland nur zwei Jahre zurückdenken. Da hat die Nationalmannschaft hier auf Zypern mit Ach und Krach ein 1:1 in der EM-Qualifikation erreicht.

Da reichte vielleicht ein guter Tag der Zyprer und ein schlechter der DFB-Kicker. Eine Champions-League-Qualifikation ist aber eine Folge konstanter Leistungen.

Richtig. Anorthosis hat seit vier Jahren konzentriert auf diesen Erfolg hingearbeitet. Trainer Temuri Ketsbaia hat gute Arbeit geleistet, die richtigen Spieler zusammengesucht und jetzt den verdienten Lohn eingefahren.

Ist Famagusta denn eine Ausnahmeerscheinung oder ist Zypern insgesamt auf dem Vormarsch?

Die Entwicklung ist grandios. Als ich vor zehn Jahren herkam, konnte ein Blinder wie ich noch mehr als 40 Tore in einer Saison schießen. Das ist heute nicht mehr möglich. Das sagt schon viel. Famagusta ist nun sicher ein Stück voran, aber mein Klub Omonia und auch Apoel sind ebenfalls auf einem guten Weg. Wir haben uns für den Uefa-Pokal qualifiziert, Apoel spielt dort jetzt gegen Schalke, wir gegen Manchester City. Das gab es noch nie, das sind Festwochen für den zyprischen Fußball. Wir mit Omonia haben jetzt nur Pech, dass Manchester mit dem Gel der Araber so viel neue Weltklasseleute kaufen konnte.

Ihre Mannschaft hat wie Anorthosis gegen einen griechischen Klub, AEK Athen, gewonnen. Wie steht es um das Verhältnis der Fans zum befreundeten Bruderland Griechenland?

Natürlich geht jeder Grieche davon aus, dass ein Vertreter aus deren Liga hoch gewinnt, wenn er aus dem Land des Ex-Europameisters auf die Insel kommt. Die haben uns Zyprer im Fußball schon immer schief angeschaut. Jetzt wissen die Griechen eben, dass sie etwas mehr Respekt haben müssen. Aber grundsätzlich sind die Zyprer Fans des griechischen Fußballs. Jeder hat einen Lieblingsverein auf dem Festland. Unsere Anhänger sind beispielsweise zu 90 Prozent Fans von Olympiakos Piräus.

Dann werden die Fans traurig gewesen sein beim Sieg von Famagusta gegen Olympiakos ...

Da waren sicher auch ein paar Tränen wegen Olympiakos geflossen, ich denke aber, dass da trotz unserer Rivalität zu Anorthosis der Nationalstolz überwiegt und die Freude recht groß ist über die erste Champions-League-Qualifikation. Anorthosis ist derzeit der Stolz der ganzen Insel. Das ist ja auch gut für den zyprischen Fußball und unsere Chancen auf mehr Plätze im Europapokal steigen dadurch.

Droht dann auch ein Ausverkauf der zyprischen Talente, wenn sie sich mehr auf der europäischen Bühne präsentieren?

Schon jetzt werden unsere Talente gejagt. Zum Länderspiel in der Schweiz kam extra Arsenal-Coach Arséne Wenger angereist, um Dimitris Christophi anzuschauen. Omonia hat den Jungen gerade für die Inlands-Rekordsumme von einer Million Euro geholt, der ist ein Riesentalent. Den haben die Späher eh schon im Auge, dafür braucht es keine Uefa-Pokal-Teilnahme.

Ist denn im zyprischen Fußball auch Geld da, um ähnlich gute Spieler zu halten?

Wir haben eine seriöse Liga mit guter Sponsorenkultur. Wenn aber ein Klub aus einer großen Liga ruft, können wir nicht mithalten. Das ist aber auch gut für den zyprischen Fußball, wenn die Jungs im Ausland Erfahrungen sammeln.

Andererseits wechselt ein Mann wie Trajanos Dellas, als Koloss von Rhodos beim griechischen EM-Gewinn berühmt geworden, aus Athen zu Anorthosis. Wie geht das?

Es gibt auf Zypern reiche Geschäftsleute, die ihr Geld seriös in den Fußball investieren. Deshalb können wir gute Leute auf die Insel locken.

Vor 40 Jahren hat Deutschland mal auf einem Hartplatz gegen Zypern spielen müssen, den Bundestrainer Schön als Kasernenhofboden bezeichnet hat. Können die Teams auch heute noch auf solche „Standortvorteile“ bauen?

Nein. Wir haben ganz gepflegte Rasenplätze. Das einzige, was uns vielleicht noch etwas hilft, ist die Hitze und die Luftfeuchtigkeit. Da könnte so manches europäische Spitzenteam ganz schön ins Schwitzen kommen, wenn die hier im Herbst und Winter noch bei 33 bis 35 Grad antreten müssen.

Das Gespräch führte Daniel Meuren.

Quelle: FAZ.NET
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