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Im Gespräch: Wolfgang Weber „Ich spüre keine Genugtuung“

28.06.2010 ·  Wolfgang Weber war 1966 der Kronzeuge dafür, dass das Wembley-Tor eben keins war. Am Sonntag feierte der ehemalige Nationalspieler während des „Bloemfontein-Tors“ seinen Geburtstag. Im FAZ.NET-Interview spricht er über fehlende Genugtuung und bleibende Wunden.

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Wolfgang Weber war 1966 der erste Spieler, der nach dem Wembley-Tor den Ball berührt hat. Er köpfte ihn ins Aus - und sah vermutlich am klarsten, dass das Tor keines war. Weber hatte das berühmteste Tor der Fußballgeschichte erst möglich gemacht. Der damals 22 Jahre alte Kölner Defensivspieler hatte in der Schlussminute der regulären Spielzeit den Ausgleich erzielt und die Verlängerung im WM-Finale von 1966 erzwungen.

Herr Weber, seit 1966 behaupten die Engländer steif und fest, den Ball im WM-Finale drin gesehen zu haben. Werden Sie nun behaupten, den Ball am Sonntagabend auf der Linie gesehen zu haben?

Ich habe natürlich sofort an 1966 gedacht. Im Spiel habe ich aber zunächst gedacht, dass er tatsächlich nicht drin war. Aber es ist doch eine zu klare Sache gewesen, als dass man nun das Tor abstreiten könnte.

Sehen Sie es als ausgleichende Gerechtigkeit an, dass nun Deutschland profitiert hat? Ist der Fußballgott doch gerecht?

Gerechtigkeit ist ein großes Wort. Ich finde, dass wir das nicht so hoch hängen sollten. Ich spüre auch absolut keine Genugtuung. Es mag sein, dass die Fußballgeschichte das als ausgleichende Gerechtigkeit bewertet. Für uns Spieler, die 1966 benachteiligt wurden, ändert das Tor nichts, auch weil es damals ein Endspiel war, also eine ganz andere Situation als am Sonntag das Achtelfinale. Und für die Engländer, die nun benachteiligt wurden, hilft es auch nicht viel, dass es 1966 andersrum war. Es wird immer ein schlechtes Gefühl bleiben. Bei allen Diskussionen habe ich aber vor allem Mitleid mit dem Linienrichter, der nun wie ein Idiot dasteht.

Als Betroffener von 1966 können Sie uns vielleicht eine weise Antwort geben: Sind Sie denn für den Videobeweis?

Der Günther Netzer hat das am Sonntag eigentlich schon ganz gut gesagt. Wir sollten den Fußball in vielem so lassen, wie er ist. Eine Faszination des Spiels liegt ja darin, dass wir immer wieder über solche Dinge diskutieren können. Aber ich bin auch ziemlich sicher, dass der Videobeweis irgendwann kommen wird. Die Torrichter, die in der Europa League neben dem Tor getestet wurden, werden ja ausgeweitet, das ist ja der erste Schritt in diese Richtung. Aber auch mit fünf Schiedsrichtern, Chip im Ball oder Videobeweis werden wir weiterhin knappe Entscheidungen haben, bei denen Fehler passieren. Fehlentscheidungen wird es immer geben.

Ist das für einen Sportler akzeptabel?

Jeder Sportler ist irgendwann mal Opfer oder Nutznießer von Fehlentscheidungen. Irgendwann gleicht sich das vielleicht aus oder vielleicht auch nicht. Damit muss man als Sportler umgehen. Und für mich sehe ich das letztlich als eine Art Geburtstagsgeschenk an. Ich hatte am Samstag Geburtstag und wir haben das Spiel bei meinem Sohn geschaut und dabei meinen Geburtstag gefeiert. Der Sieg war ein schönes Geschenk.

Das Gespräch führte Daniel Meuren.

Quelle: FAZ.NET
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