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Im Gespräch: Wolfgang Weber „Dank Wembley-Tor ist die Niederlage unvergessen“

18.11.2008 ·  Wenn Deutschland gegen England spielt, spielt das Wembley-Tor im Geiste mit. Wolfgang Weber ist der Mann, der im WM-Endspiel 1966 am nächsten dran war. Im FAZ.NET-Interview spricht Weber über aufspritzende Kreide, jubelnde Engländer und technische Hilfsmittel.

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Wenn Deutschland gegen England spielt, spielt noch immer das Wembley-Tor im Geiste mit. Wolfgang Weber ist der Mann, der im WM-Endspiel 1966 am nächsten dran war. Nachdem der Ball von der Querlatte auf die Torlinie oder eben knapp dahinter sprang und wieder gen Himmel katapultiert wurde, bugsierte der damals 22 Jahre alte Kölner Defensivspieler den Ball per Kopf über das Gehäuse hinweg ins Aus.

Weber war aber nicht nur deshalb die zentrale Figur des wohl berühmtesten Spiels der Fußballgeschichte. Er hatte kurz vor dem Abpfiff der regulären Spielzeit den Ausgleich erzielt und somit erst die historische erste Verlängerung in der Geschichte von Fußball-Weltmeisterschaften erzwungen. Im FAZ.NET-Interview spricht der damals 22 Jahre alte Kölner über aufspritzende Kreide, jubelnde Engländer und technische Hilfsmittel im Fußball.

Sie haben den Ball als Erster berührt, nachdem er in kürzester Zeit gleich zwei Mal von Latte und Rasen deformiert wurde. Sie wissen doch wirklich, ob er drin war, oder?

Merkwürdigerweise habe ich das selbst nicht gesehen. Da der Ball aber deutlich ins Feld zurücksprang, war ich natürlich überzeugt, dass er nicht drin gewesen sein konnte. Ich hätte auch nicht unbedingt gedacht, dass er überhaupt auf der Torlinie aufgesprungen ist. Für mein Gefühl ist er eher ein Stück im Spielfeld gewesen. Das hat sich aber nun mal definitiv anders verhalten.

Kann er also doch drin gewesen sein?

Ich treffe immer mal wieder unseren Torwart Hans Tilkowski. Der ist sich ganz sicher, dass der Ball auf der Linie aufgesprungen ist. Der Hans hat, das kann man auch auf einem berühmten Bild sehen, noch im Fallen dem Ball hinterher geschaut. Er schwört, dass der Ball nicht drin war. Andere haben ja auch die Kreide aufspritzen sehen, was ja beweist, dass der Ball nicht in vollem Umfang hinter der Linie gewesen sein kann. Und einer Studie der Uni Oxford hat das vor ein paar Jahren auch bewiesen. Das wollen die Engländer nur nicht hören.

Entscheidend ist aber, was der Linienrichter Tofik Bachramov gesehen hat.

Und der hat den Ball drin gesehen, leider.

Es gibt die Theorie, dass er sich vom Jubel Roger Hunts hat überzeugen lassen. Der ging dem Abpraller gar nicht hinterher, verzichtete auf ein Kopfballduell mit Ihnen im Fünfmeterraum und die Chance zum Abstauber. Stattdessen jubelte er ganz überzeugend.

Ich habe Hunt in meinem Rücken nicht gesehen. Aber ich habe Bobby Charlton sofort die Arme runtergerissen, als der auch jubelte. Als er die Arme dann wieder hochriss, habe ich ihn richtig umklammert. Ich wollte verhindern, dass sein Jubel den Linienrichter beeinflusst.

Haben die Engländer dem Linienrichter das Tor als im wahrsten Sinne des Wortes untergejubelt?

Ich will Charlton, Hunt und dem Rest gar keinen bösen Willen unterstellen. Als Geoff Hurst abzog und der Ball wie ein Strich am Hans Tilkowski vorbeizischte, da dachte jeder, dass der Ball nur ins Tor gehen kann. Schon in dem Moment haben die Engländer wohl reflexartig auf Jubeln umgeschaltet.

Wohlfeile Beobachter sagen, dass Sie das Wembley-Tor hätten verhindern können, wenn Sie den Ball nicht übers Tor geköpft, sondern im Spiel gehalten hätten. Dann hätte der Linienrichter keine Zeit zu seiner verhängnisvollen Entscheidung gehabt ...

... aber im Spiel hat man gar keine Chance, so was zu denken. Ich wollte den Ball nur schnell zur Ecke klären, bevor ein Engländer zum Nachschuss ansetzen kann. Nehmen wir mal an, ich hätte den Ball im Spiel gehalten und einem Engländer die Chance zum Abstauber gegeben. Dann hätten mich meine Kameraden geköpft!

Ging es Ihnen dennoch jemals durch den Kopf, was gewesen wäre, wenn Sie den Ball nicht ins Aus bugsiert hätten?

Sicher denkt man im Nachhinein darüber nach. Womöglich wäre das Wembley-Tor nicht gegeben worden, wenn ich den Ball im Spiel gehalten hätte. Aber die Sache ist nun mal nicht zu ändern. Außerdem weiß niemand, ob wir ohne das Tor gewonnen hätten. Wir haben in den verbleibenden 20 Minuten ja nun mal auch keinen Treffer mehr erzielt.

Ohne das Wembley-Tor wäre die Fußballgeschichte um ihr berühmtestes Spiel und ihr legendärstes Tor ärmer. Ist es ein Trost, unmittelbar beteiligt gewesen zu sein am denkwürdigsten Moment der Fußballhistorie?

Glauben Sie mir: Ich hätte viel lieber unseren Kapitän Uwe Seeler nach dem Spiel mit dem Pokal in der Hand gesehen und das Ding selbst irgendwann danach berührt.

Ist es denn wenigstens ein schwacher Trost, dass Sie das Wembley-Tor erst ermöglicht haben durch Ihren späten Ausgleichstreffer?

Natürlich war das ein großer Moment, in einem WM-Finale ein Tor zu schießen. Aber es fehlt eben doch der Titel in meiner Bilanz. Es mag sein, dass es dann doch tröstlicher ist, immerhin in einem legendären Finale verloren zu haben. Dank des Wembley-Tors ist die Niederlage unvergessen.

Wie hat das Wembley-Tor Ihr Leben beeinflusst?

Zunächst einmal ganz praktisch, dass ich auf nichts anderes so oft angesprochen werde. Das Unglaubliche ist ja, wie sich das Tor im Gedächtnis der Menschheit festgesetzt hat. Selbst Kinder, die das Tor nicht gesehen haben, wissen, was der Begriff Wembley-Tor bedeutet.

Wenn es damals einen Chip im Ball gegeben hätte, wären Sie vielleicht Weltmeister geworden. Befürworten Sie als Betroffener von einst technische Hilfsmittel?

Ich bin überzeugt davon, dass es auch dann Grenzfälle gäbe, in denen der Chip oder andere Hilfsmittel keine endgültige Klärung liefern können. Irgendwo muss dann am Ende doch wieder menschliches Ermessen entscheiden. Aber wahrscheinlich sollte man der Technik schon den Weg in den Fußball ebnen.

Das Gespräch führte Daniel Meuren

Quelle: FAZ.NET
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