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Im Gespräch: Tim Wiese „Ich habe vor nichts Angst“

27.11.2011 ·  Werder-Torwart Tim Wiese über sein impulsives Auftreten, die neue Torhüter-Generation und seine Zukunft im Nationalteam.

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© dpa „Der eine mag mich, der andere nicht. So ist das im Leben“: Tim Wiese geht seinen eigenen Weg

Beginnen wir in der Zukunft: Sie sind jetzt 29 Jahre alt und stellen sich Ihren Lebensabend zurückgezogen und als Pferdezüchter vor. Ist das Ihr Ernst?

Ich wurde mal danach gefragt und habe so geantwortet, weil mich Pferde von klein auf interessieren. Aber das ist ja noch lange hin, darüber denke ich noch nicht nach. Erst mal will ich spielen, solange meine Knochen mich tragen. Ich gebe mir noch gut acht Jahre, wenn ich mich nicht schwer verletze.

Wie passt Ihre Vorstellung vom geruhsamen Lebensabend zur Wirklichkeit, in der Sie als impulsiver und extrovertierter Torhüter auftreten, der das Rampenlicht nicht scheut?

Ich werde doch nur gefragt, und als Führungsspieler muss man etwas antworten, ob es gut läuft oder schlecht. Aus meiner Meinung mache ich kein Geheimnis.

Das kommt nicht immer gut an, vor allem vor Wochen vor dem Spiel gegen den Hamburger SV.

Wenn man selbst vor einem Derby nichts mehr sagen soll, dann wird es mehr als langweilig, dann braucht man ein Spiel erst gar nicht anpfeifen. Ich beleidige ja keinen, sondern sage nur, dass wir ein Spiel unbedingt gewinnen wollen. Ich kann mich ja schlecht in der ersten Bundesliga hinstellen und sagen, es ist egal, ob wir verlieren. Den Hamburgern wollte ich damals wegen der drei Derbys innerhalb von wenigen Wochen etwas ansagen, damit gleich klar war, wie wir die Sache angehen. Das gehört zum Fußball. Wer damit nicht zurechtkommt, der hat Pech gehabt.

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© REUTERS „Das kann keiner erklären außer dem lieben Gott“: Wiese vergangene Woche Samstag in Mönchengladbach

Es lebt sich also gut als eine Reizfigur der Liga?

Der eine mag mich, der andere nicht, so ist das im Leben. Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich habe einen starken Willen und eine gute Einstellung zu allem. Ich stehe bei Werder Bremen unter Vertrag und versuche, für den Verein alles zu geben, ob auf dem Platz oder daneben mit meinen anscheinend flotten Sprüchen, die ich gar nicht so schlimm finde.

Früher hat man Torhütern und Linksaußen vieles nachgesehen nach dem Motto, die hätten eben eine kleine Meise. Jetzt ist in Deutschland eine junge Torhüter-Generation herangewachsen, die für ihre Besonnenheit und zurückhaltende Selbstdarstellung gelobt wird. Haben sich Erwartungen und Anforderungen an die Torhüter verändert?

Ich kann nicht in die anderen hineinschauen, ich weiß nicht, was das für Typen sind. Ich bin ich, und ich bin immer schon so aufgetreten. Ich bin auf dem Platz explosiv, und wenn mir etwas nicht passt, dann muss das offen angesprochen werden. So wird es einem nicht langweilig.

Bälle abfangen und Spielzüge einleiten, das haben die jüngeren Torhüter wie Neuer, Zieler oder ter Stegen von der Pike auf gelernt. Was bedeutet modernes Torwartspiel für Sie?

Das Wichtigste für einen Torhüter ist doch, dass er die Bälle hält. Im Übrigen spiele ich ja auch wie die anderen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Dann laufe ich auch Bälle ab oder fliege außerhalb des Sechzehnmeterraums mit dem Kopf in sie hinein.

Wäre nicht manchmal eine weniger risikoreiche Spielweise angebracht?

Ich spiele seit zehn Profijahren so und habe hervorragend gehalten. Da werde ich doch jetzt mein Torwartspiel nicht mehr total ändern.

Wenn der deutsche Fußball auf einer Position nie ein Problem hatte, dann auf Ihrer. Sie haben mit Harald Schumacher und Gerry Ehrmann gearbeitet. Warum ist Deutschland das Land der starken Schlussmänner?

Wir haben einfach sehr viele talentierte Torhüter. Und offenbar ist die Ausbildung hier sehr gut. Darauf wird ja heute in der Jugend viel mehr Wert gelegt als früher, als ich jung war und auf Ascheplätzen trainieren musste. Vom Typ her bin ich einer wie Gerry Ehrmann: Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen, gebe Vollgas und habe vor nichts Angst.

Spüren Sie nicht den heißen Atem der jungen und aufstrebenden Torhüter im Nacken?

Ich spüre keinen Druck. Es wird viel erzählt, aber ich schaue nicht auf andere, sondern konzentriere mich ganz auf mich und meine Leistung. Außerdem kenne ich das alles selbst: Als ich früh ins Bundesligator kam als erstes junges Talent seit Bodo Illgner, da war das Augenmerk auch sehr stark, und man wurde schnell hoch gelobt. Jetzt habe ich ungefähr 250 Bundesligaspiele auf dem Buckel und weiß, dass Konstanz auf hohem Niveau das Wichtigste ist. Dabei kommt es auf die Erfahrung an und auf großes Selbstvertrauen. Man muss Rückschläge einstecken und gestärkt herausgehen.

Beim vorletzten Länderspiel in der Ukraine hätten Sie eine Halbzeit auflaufen sollen, mussten dann aber auf der Bank bleiben. Wie haben Sie die Entscheidung aufgenommen?

Mir wurde es so erklärt, dass es in der Ukraine so schweinekalt war, dass es blöd gewesen wäre, einen kalten Torwart einzuwechseln.

Sind Sie sicher, Ende Februar daheim in Bremen gegen Frankreich zum Einsatz zu kommen?

Ich gehe fest davon aus. Manuel Neuer ist sicher die Nummer eins, ich bin seit vier Jahren dabei und brauche mir nichts vorwerfen zu lassen. Deshalb gehe ich davon aus, dass ich die Nummer zwei bin.

Sie haben fünf Länderspiele absolviert. Zu Buche stehen null Siege und sieben Gegentore. Wie sehr wurmt Sie die Statistik?

Es ist schwer, Siege zu holen, wenn viel ausprobiert wird und viele Wechsel stattfinden. Vielleicht wird sich die Statistik noch ändern.

In den Bundesligaspielen dieser Saison mussten Sie sich daran gewöhnen, den Ball als Erster aus dem Tor zu holen. In zehn von dreizehn Begegnungen lief Werder einem Rückstand hinterher. Was läuft schief?

Wir rennen zwar immer einem Rückstand hinterher, aber wir haben auch oft die Moral bewiesen, ihn wieder aufzuholen. Aber wir müssen daran arbeiten, wesentlich konzentrierter zu spielen und auch mal das eigene Tor hundertprozentig zu verteidigen. Das fängt vorne bei den Stürmern an. Wir müssen die passende Mischung von Offensive und Defensive reinkriegen, daran hapert es ein bisschen bei uns. Die spielerische Qualität haben wir, und wenn wir die Fehler abstellen, werden wir oben in der Tabelle bleiben.

Werder hat die Punkte nur gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte geholt. An diesem Sonntag treten Sie nun daheim gegen Stuttgart und nächste Woche bei den Bayern an. Gehört das Team zur Spitze?

Vor zwei Jahren haben wir auf Bayer Leverkusen fünfzehn Punkte aufgeholt in den letzten Spielen und sind damit in die Champions League gerutscht. Deswegen kümmere ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht darum, ob wir bisher gegen vermeintliche Topmannschaften verloren haben. Vor der Saison hat jeder gesagt, wir wären ein Abstiegskandidat. Ich sehe uns aber nicht weit weg von den ersten fünf Plätzen.

Das 0:5 in Mönchengladbach war nur ein Ausreißer?

Das war ein Blackout, den kann keiner erklären außer dem lieben Gott. Es gibt gute Tage und schlechte im Sport, am letzten Samstag wirkte es so, als wenn wir nicht auf dem Platz gewesen wären. Da kamen wieder einige Erinnerungen hoch an letzte Saison, als wir einige solche Dinger versaut haben.

Ihr Vertrag läuft zum Saisonende aus, und Werder ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Wie geht’s weiter?

Werder will ja schauen, wie der weitere Weg hier verläuft. Deshalb muss man abwarten.

Würden Sie sich bis zum Frühjahr gedulden, bis sich Werder womöglich für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert und Zusatzeinnahmen sicher hat?

Ich habe immer betont, dass meine Familie und ich uns hier sehr wohl fühlen und dass wir bei Werder erfolgreiche Jahre hatten. Die Bremer sind mein erster Ansprechpartner, sie werden wohl nach der Winterpause auf mich zukommen.

Ihre Frau hat voriges Jahr behauptet, im Vergleich zu Ärzten oder Bauarbeitern würden Sie zu viel verdienen. Würden Sie Einbußen in Kauf nehmen?

Die Aussage ist lange her. Das war auch eher als Spaß gemeint und wurde falsch aufgenommen.

Das Gespräch führte Thomas Klemm.

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