14.10.2008 · Während der EM hat Piotr Trochowski keine Minute gespielt, jetzt ist der Hamburger der Gewinner des von Trainer Löw ausgerufenen Konkurrenzkampfs. Im F.A.Z.-Interview erzählt er, warum ihn der EM-Frust motiviert hat und das Zusammenspiel mit Philipp Lahm so gut funktioniert.
Während der EM hat Piotr Trochowski keine Minute gespielt, jetzt ist der Hamburger der Gewinner des von Trainer Löw ausgerufenen Konkurrenzkampfs. Der gebürtige Pole galt in der Jugend als größeres Talent als Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm, mit denen er beim FC Bayern im selben Jahrgang spielte. Den Stammplatz in der Nationalelf erkämpfte er sich mit Verspätung. Im F.A.Z.-Interview erzählt er, warum ihn der EM-Frust motiviert hat, wieso die Stimmung im Team trotz des Konkurrenzkampfes gut ist und weshalb das Zusammenspiel mit Philipp Lahm so gut funktioniert.
Nach der starken Leistung gegen den stärksten Gruppengegner Russland: Wie wird das Spiel gegen Wales?
Anders, vielleicht auch leichter. Wenn man nicht mit der Einstellung reingeht wie gegen Russland, werden wir aber unsere Schwierigkeiten bekommen. Deshalb müssen wir das Spiel gegen die Russen aus dem Kopf bekommen und uns auf Wales konzentrieren. Wir haben ja schon in der letzten EM-Qualifikation zweimal gegen diesen Gegner gespielt, wir wissen, was auf uns zukommt.
Wie gut kennen Sie die Waliser? Sind Sie nur Fußballprofi oder auch Fußballfan, der sich alles reinzieht, was er über Fußball erfahren kann?
Ich bin eher der Typ für die Zusammenfassung der Höhepunkte. Ich kenne mich im Waliser Fußball überhaupt nicht aus, weiß nicht, wer da in der Tabelle oben steht. Ich weiß nur, dass die meisten Nationalspieler in England spielen. Es sind auf jeden Fall viele gute Fußballer dabei. Es geht viel über den Kampf bei ihnen, darauf müssen wir uns gut vorbereiten.
Sie haben bei der EM im Sommer nicht eine Minute gespielt, standen aber in allen drei WM-Qualifikationsspielen danach in der Anfangsformation. Sind Sie nach zwei Jahren in der Nationalmannschaft angekommen?
Jetzt vielleicht ja. Ich war durch die EM sehr motiviert und wollte meinen Vorwärtsdrang nach der Sommerpause weiterentwickeln. Das ist mir ganz gut gelungen, auch im Verein.
Wie kann man durch eine EM motiviert sein, bei der man nicht gespielt hat? Kevin Kuranyi wurde gegen Russland nicht berücksichtigt und reiste ab.
Ich will mich nicht mit Kevin vergleichen. Er hat, glaube ich, 52 Länderspiele, und ich hatte vor der EM nur zwölf. Klar hatte ich auch ein paar Ansprüche, ich wollte wenigstens ein paar Minuten spielen. Aber das hat nicht funktioniert, obwohl ich mich im Training ganz gut angeboten hatte und ich im einen oder anderen Spiel der Mannschaft durch eine Offensivaktion hätte helfen können. Man muss einfach Geduld haben, weiter arbeiten und dranbleiben, das habe ich gemacht.
Noch mal, wieso haben Sie nicht die Motivation verloren?
Durch die Atmosphäre, das ganze Drum und Dran. Die besten Fußballer Europas waren da, und ich habe gemerkt, du kannst da mithalten, du hättest auch etwas Entscheidendes machen können. Der Gedanke, beim nächsten Mal, wenn du dabei bist, kannst du das nachholen, hat mich motiviert. Ich habe gemerkt, die anderen laufen auch nur mit zwei Beinen.
Sie sind zurzeit in der Nationalmannschaft auf der linken Mittelfeldseite erfolgreich, haben aber schon in der Mitte oder rechts gespielt. Was ist Ihre Lieblingsposition?
Bis zum Wechsel in den Männerbereich war ich ein echter Zehner, und das war auch meine Lieblingsposition. Dann wurde ich bei den Bayern mehr oder weniger umgeschult. Beim HSV habe ich später ab und zu die Position der Zehn ausgefüllt. Da ist man vielseitiger, kann nach allen Seiten ausweichen, das ist schon meine beste Position. Aber ich habe mich längst auch auf außen eingespielt.
Wieso klappt das Zusammenspiel mit Philipp Lahm auf der linken Seite so gut?
Das ist ganz einfach zu erklären. Ich kenne Philipp, seit ich 15 bin. Damals wechselte ich von Hamburg zu den Bayern. Wir spielten gemeinsam in der B-Jugend, der A-Jugend, bei den Amateuren. Dann ist er zum VfB Stuttgart gewechselt, aber wir waren in der U19-Nationalmannschaft zusammen. Als wir nach meinem Transfer zum HSV wieder in der Nationalmannschaft zusammentrafen, mussten wir nichts Besonderes mehr einstudieren. Wir wissen, wie wir ticken.
Was macht Ihr Zusammenspiel aus?
Er ist ein guter Fußballer. Er spielt einfach, und er gibt seinem Mitspieler immer eine Option. Das heißt, er bietet sich immer für ein Zuspiel an. Nach seinem Pass geht er sofort wieder in die Vorwärtsbewegung und bleibt nicht stehen. Er versteckt sich nicht hinter seinem Gegenspieler. Wenn ich also in Bedrängnis gerate, kann ich sofort den Ball wieder zu ihm spielen. Besonders gut ist es, wie er den Gegner hinterläuft, also sich hinter dessen Rücken an der Außenlinie nach vorne freiläuft. So habe ich zwei Richtungen zur Auswahl. Entweder ziehe ich mit dem Ball in die Mitte, oder ich spiele ihn zu Philipp nach außen ab.
Gehören Sie jetzt im Moment zur ersten Elf, weil einfach die Zeit reif ist, oder haben Sie sich noch einmal verbessert?
Von beidem etwas. Ich war auch davor von mir überzeugt und habe im Training oft gezeigt, was ich kann, aber es oft im Spiel nicht umgesetzt.
Wieso war das so?
Ich habe mir früher zu viel Druck gemacht. Nach der EM merkte ich, dass ich gut drauf war, aber ich habe deswegen keine besonderen Erwartungen an mich gestellt: Du musst jetzt so und so viele Tore schießen oder Assists machen. Ich habe mir stattdessen gesagt, nimm die Erfahrungen mit, die du bei der EM gemacht hast, und starte locker in die Saison. Manchmal ist weniger mehr.
Hat Ihr neuer HSV-Trainer Jol etwas mit Ihrer Entwicklung zu tun?
Auch. Ich hatte zwar nicht die Probleme mit seinem Vorgänger Huub Stevens, von denen oft geschrieben wurde. Ich machte schließlich die meisten Spiele für den HSV in seiner Zeit, was viele nicht glauben.
Das überrascht uns auch.
Ich hatte zwar nicht die meisten Spielminuten, aber tatsächlich die meisten Spiele. Aber wie jeder weiß: Bei Huub muss erst mal die Null stehen. Wer mich kennt, weiß jedoch, dass meine Stärke eher in der Offensive liegt. Und mit Jol spielen wir jetzt viel offensiver.
Bundestrainer Löw hat betont, alte Verdienste zählten nicht mehr, es gehe nur noch nach der aktuellen Leistung. Hat Sie die Ansage zusätzlich beflügelt?
Schon. Es wurde Tacheles geredet, dass sich jeder in den Vordergrund spielen kann. Und wie er es sagte, geschah es auch. Ich habe sofort die Chance bekommen zu zeigen, was ich draufhabe. Das hat mir mehr Selbstbewusstsein gegeben.
Hat sich durch Löws Ansage das Klima in der Nationalelf verändert?
Nein, die Stimmung war schon immer gut. Aber der Konkurrenzkampf ist riesig geworden. Die jüngeren Spieler haben mehr Erfahrung gewonnen, und man merkt, wie hungrig sie sind. Klar, es gibt noch eine Hierarchie, das kann man nicht wegreden. Aber man hat das Gefühl, dass keiner mehr sicher sein kann, dass er spielt. Das macht es leichter, im Training ans Limit zu gehen. Das steigert die Qualität der Mannschaft.
Löw sagte, er brauche mehrere Leader in der Mannschaft, nicht nur einen. Fühlten Sie sich persönlich angesprochen?
Nicht unbedingt. Wie konnte ich das, nachdem ich bei der EM keine Minute gespielt hatte? Ich kann nicht sagen, ich bin der neue Leader, weil ich drei ganz gute Spiele gemacht habe. Da muss man reinwachsen.
Aber Sie hatten nie nur den Anspruch, nur dabei zu sein. Oder?
Natürlich. Ich bin kein Typ, der nur dabei sein will. Aber ich bin kein Mann der großen Worte. Ich will nicht darüber reden, sondern durch Aktionen auf dem Spielfeld zeigen, dass ich etwas bewegen, etwas Entscheidendes beitragen will.
sehr sympathisch
Simon Pein (shampaign)
- 14.10.2008, 19:17 Uhr