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Im Gespräch: Philipp Lahm „Wir müssen nicht gewinnen“

03.03.2010 ·  Im Verein ein Rechter, in der Nationalelf meistens ein Linker: Philipp Lahm wechselt auf dem Platz oft die Seiten, vertritt aber immer seine Meinung. Gegen Argentinien an diesem Mittwoch (20.45 Uhr) baut er auf eine defensiv gut gestaffelte deutsche Mannschaft.

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Philipp Lahm läuft an diesem Mittwoch im Testspiel gegen Argentinien (20.45 Uhr / FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) zum 64. Mal für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf. Der Bayern-Profi ist bekannt dafür, dass er immer seine Meinung vertritt - auch in unangenehmen Situationen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der Außenverteidiger über seine unterschiedlichen Positionen in Verein und Nationalmannschaft, die Stärken Argentiniens sowie die Taktik der deutschen Auswahl.

Links oder rechts - ist das für Sie eine wichtige Frage?

Es ist gut, dass ich auf beiden Seiten internationales Niveau habe. Aber es ist am einfachsten, wenn man im Verein und der Nationalmannschaft die gleiche Position spielt. Ich bevorzuge die rechte Außenposition, das weiß jeder. Ich spiele dort seit einem knappen Jahr beim FC Bayern, da wird es immer schwerer, zu wechseln.

Der Bundestrainer stellt Sie trotzdem immer wieder links auf.

Ich weiß noch nicht, wo ich gegen Argentinien spielen werde. Jeder weiß, dass ich immer die Entscheidung des Bundestrainers akzeptiere.

Ist es besser, die Partie gegen Argentinien als das letzte Testspiel mit neuen Spielern vor der WM zu betrachten oder als erstes Vorbereitungsspiel mit einer Wunschformation für den WM-Auftakt gegen Australien?

Eine Mischung aus beidem. Das Wichtigste werden die Wochen vor der WM sein, die direkte Vorbereitung. Da muss man die Dinge einstudieren, da wird sich die Mannschaft finden. Ich sehe das Spiel gegen Argentinien als Test für die neuen Spieler und als zusätzliche Länderspiel-Erfahrung für die jungen Spieler.

Braucht die Nationalmannschaft für die WM frische, junge Spieler wie Thomas Müller oder Toni Kroos?

Ja, das ist wichtig. Die Atmosphäre in der Mannschaft ist dann auch angenehmer. Der Kern steht ja ohnehin, ansonsten aber ist ein großer Kampf im Gange. Noch nie waren so viele junge Spieler in der Nationalmannschaft und der Bundesliga dabei. Aber die Erfahrung von Michael (Ballack), Miro (Klose), Bastian (Schweinsteiger), Per (Mertesacker), Lukas (Podolski) und mir ist unverzichtbar.

Ist es von Vorteil für die Nationalmannschaft, die Bayern-Stärke auch positionell für die Nationalelf zu nutzen: Sie als Rechtsverteidiger, Schweinsteiger als "Sechser" neben Ballack und Müller auf der rechten Außenposition im Mittelfeld?

Das kann man machen. Bei uns läuft es sehr gut, wir wissen genau, wie wir in diesem System zu spielen haben. Ob es einen Bayern-Block geben wird, muss man abwarten. Man kann in vier Wochen Vorbereitung nicht alles so erarbeiten, wie man das im Verein tut, wo wir tagtäglich rund um die Uhr miteinander arbeiten und analysieren. Alle Bayern-Spieler haben das Potential, auch in der Nationalelf in der Startformation zu stehen. Aber es war schon immer ein Vorteil der deutschen Mannschaft, sich in wenigen Wochen sehr erfolgreich vorzubereiten. Das ist ein Grund, weshalb Deutschland eine Turniermannschaft ist. Wir sind nicht die besten Individualisten. Wir brauchen deswegen diese Zeit ganz dringend.

Bei Argentinien ist es derzeit genau umgekehrt - die Individuen sind stärker als die Mannschaft. Hat Ihnen Urs Siegenthaler erklärt, warum das so ist?

Wir haben gestern Videos geschaut. Aber dieser Eindruck entsteht nur, weil die individuelle Klasse der Argentinier so enorm hoch ist. Trotzdem ist es eine starke Mannschaft, die gut zusammen arbeitet. Nach Ballverlusten spielen sie sehr schnell Pressing, sie arbeiten füreinander. Ihre größte Stärke sind jedoch ihre individuellen Stärken: Messi, aber auch Tevez.

Sie kennen Messi schon als Gegner vom FC Barcelona. Warum ist er dort stärker als bei Argentinien?

Er spielt bei Argentinien eine andere Position, meistens als zweite Spitze. Er kommt nicht über außen wie in Barcelona und wo er Platz hat für Eins-gegen-Eins-Situationen. Als hängende Spitze fehlt ihm der Raum, er kann dort nicht so zu seinen Tempodribblings ansetzen.

Wie kann man Messi und Argentinien beikommen?

Wir müssen Argentinien spielen lassen.

Wie, bitte?

Ja, wir müssen sie spielen lassen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, gemeinsam zu verteidigen. Meistens spielt Argentinien schnell in die Spitze zu Messi und Tevez, wenn sie Raum haben, also nach Ballverlusten des Gegners. Dann wird es sehr schwer. Deswegen müssen wir nicht alle vor dem eigenen Strafraum sein. Aber wir müssen als Mannschaft geordnet stehen, so dass wenig Räume zwischen allen Linien entstehen, also zwischen Abwehr, Mittelfeld und Sturm. Wenn man dann in Ballbesitz kommt, haben wir die Möglichkeit, schnell nach vorne zu spielen.

Wenn das gegen Argentinien gelingt, kann man dann sagen, dass die Nationalmannschaft taktisch auf Weltklasseniveau angelangt ist?

Nein, das kann man nicht von einem Spiel abhängig machen.

Schon beim 0:1 in Moskau hat die Mannschaft so gut gestanden wie in keinem Spiel zuvor.

Das stimmt, trotzdem haben wir zwei, drei Chancen zu viel zugelassen. Aber in dieser Weise müssen wir gegen ballstarke Mannschaften spielen, auch gegen Argentinien. Es ist nicht das schönste Spiel, jedoch sehr effektiv. Wenn uns das gegen Argentinien gelingt, dann ist das schon ein taktisch bemerkenswerter Reifeprozess, das wäre für unser Selbstvertrauen wichtig. Das müssen wir dann auch auf die WM übertragen. Wir müssen nicht gewinnen, aber wir müssen zeigen, dass hier etwas zusammenwächst.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

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