Der 24 Jahre alte Angreifer von Bayer Leverkusen ist der Aufsteiger der Saison. Er könnte gegen Russland in der deutschen Startformation stehen. Im F.A.Z.-Interview spricht Helmes über seinen neuen Anspruch im Nationalteam, Ärger mit Fitnesstrainern und den Vater als Vorbild.
Ein kleines Fußball-Quiz zu Beginn. „Es gibt nicht nur Klose und Podolski.“ Welcher berühmte Fußballspieler hat diesen Satz gesagt?
Ein berühmter Fußballer? Ich schon mal nicht. Nein, keine Ahnung.
Rudi Völler.
Ehrlich, jetzt? Der ist ja wirklich berühmt.
Und was hat Völler mit diesem Satz wohl gemeint?
Dass es auch noch Gomez und Kuranyi gibt. Und vielleicht auch Helmes. Na, gut. Er wird auch an mich gedacht haben. Er ist ja mein Vorgesetzter in Leverkusen und wird vermutlich gemeint haben, dass ich auch in der Nationalmannschaft einen Platz finden kann.
In der Bundesliga haben Sie in dieser Saison öfter getroffen als Klose und Podolski zusammen - wo sehen Sie sich in der deutschen Stürmer-Hierarchie?
Vor der EM war das klar: Da war ich Stürmer Nummer fünf. Ich hatte zwei Jahre in der zweiten Liga gespielt. Jetzt habe ich die Möglichkeit, mich jede Woche in der Bundesliga mit den anderen Jungs zu messen. Jetzt sehe ich mich nicht mehr als Nummer fünf, sondern als einen von fünf. Ich bin mittendrin. Wir haben Chancengleichheit. Wer spielt, das zeigt sich an den Leistungen in der Bundesliga. Glaube ich zumindest.
So wie es aussieht, könnten Sie gegen Russland neben Klose in der Anfangsformation stehen. Wären Sie überrascht?
Was heißt überrascht? Ich habe mir in den vergangenen Wochen viel erarbeitet. Wenn der Trainer mich will, wäre ich der Letzte, der überrascht tun würde. Ich bin gut drauf, das sieht jeder. Es wäre eine Riesensache für mich, in Dortmund gegen Russland zu spielen. Bis wir die Aufstellung erfahren, ist das aber Zukunftsmusik für mich.
Joachim Löw hat gesagt, er werde seine Aufstellung nach den Trainingseindrücken ausrichten. Haben Sie da etwas aus dem Trainingslager in Mallorca gelernt, wo es für Sie dann doch nicht für die EM-Nominierung gereicht hat?
Nein, ich versuche wie im Sommer in jedem Training mein Bestes zu geben. Mir ist es wurscht, ob Training oder Spiel. Ich versuche immer, alles zu geben.
Im Sommer waren Sie noch ein Casting-Kandidat bei Löw. Sie mussten eine Woche vorspielen und durften dann doch nicht zur Europameisterschaft. Die bitterste Erfahrung Ihrer jungen Karriere?
Ich hatte Pech. Ich hatte mir nichts vorzuwerfen. Ich hatte super trainiert und gut gespielt. Der Trainer hat sich für andere entschieden, das war nun mal so, und ich muss es akzeptieren. Ich bin kein Typ, der solchen Dingen nachweint.
Das sagt man doch immer nur so.
Das war wirklich keine bittere Erfahrung. Was ich sage, meine ich tatsächlich so. Die Entscheidung ist im Hotel gefallen, spätestens als ich im Bus saß, war die Sache für mich erledigt. Ich hatte mir nichts vorzuwerfen. Darum geht's. Aber ich habe noch ein paar Jahre in der Nationalelf vor mir, wenn ich gut spiele. Natürlich wäre ich gern dabei gewesen, aber ich nehme das trotzdem als positive Erfahrung. Ich war zehn Tage im Trainingslager dabei, das hat mich einen Schritt nach vorne gebracht.
In der Nationalmannschaft haben Sie noch nicht getroffen: Sieben Spiele, kein Tor - eine ungewöhnliche Bilanz für Sie, auch wenn die Einsatzzeit oft kurz war.
Ich habe oft nicht lange gespielt und öfter auch im rechten Mittelfeld. Aber die sieben Einsätze waren okay. In den sieben Spielen war ich in vier, fünf verdammt nah dran, ein Tor zu schießen. Ich grübele darüber nicht lange nach. Die Chancen werden kommen und irgendwann liegt der Ball im Netz - zwangsläufig.
Früher haben Sie als Erstes die Bälle vor Trainingsbeginn aufs leere Tor geknallt . . .
Das mache ich auch jetzt noch.
Schlagen da die Fitnesstrainer der Nationalmannschaft nicht die Hände über dem Kopf zusammen?
Doch, oft. Aber ich hatte bisher immer Glück mit meinen Muskeln. Wenn ich einen Ball sehe, muss ich ihn aufs Tor schießen. Dafür bin ich Stürmer. Ich habe das auch immer in meiner Jugend gemacht, und ich glaube, dass ich davon für meine Schusstechnik viel profitiert habe. Ich kann links wie rechts schießen.
In welchem Alter haben Sie geahnt, dass Sie Profi und Nationalspieler werden können?
Geahnt habe ich es nie. Aber ich hatte immer ein Ziel. Mein Vater hat auch in der Bundesliga gespielt. Und ich wollte immer besser als Papa werden. Jetzt bin ich hier bei der Nationalmannschaft - und da will ich noch viele Jahre bleiben.
Die Nationalelf und die Vereine beschäftigen immer mehr Experten, die Trainingsarbeit wird differenzierter. Ist Fußball für Sie einfach oder kompliziert?
Ganz einfach. Der Ball muss ins Tor. Es gibt nichts anderes, zumindest nicht auf meiner Position. Fitnesstrainer und andere Sachen gehören mittlerweile dazu, auch die Laufwege und das frühe Attackieren habe ich verinnerlicht. Aber Fußball wird immer ein einfaches Spiel bleiben - und Tore schießen ist das schönste.
Manche Spieler sagen: Ich spiele, wo mich der Trainer hinstellt. Könnten Sie auch Verteidiger spielen, eine Fußballer-Leben ohne Tore zu führen?
Nein, auf keinen Fall. Bei mir muss es immer in Richtung Tor gehen. Mittelstürmer ist das, was ich brauche. Außenstürmer ist auch noch okay. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie über eine andere Position nachgedacht. Ich will Stürmer sein - und sonst gar nichts.