Die Nationalelf geht diesen Dienstag auf Asientour mit den Länderspielen in China und den Vereinigten Arabischen Emiraten (siehe: Aufgebot für DFB-Asienreise: Vier Neue, ein Rückkehrer). Ihr Kapitän wird zum Abschluss eines turbulenten Jahres nicht dabei sein. Der 32 Jahre alte Profi spielt mit Chelsea in Wembley gegen den FC Everton um den FA-Cup - ein kleiner Trost nach dem verpassten Finale der Champions League und Platz drei in der Premier League. Michael Ballack über den VfL Wolfsburg, die Champions League, die Nationalmannschaft und Handgreiflichkeiten eines Kollegen.
Der VfL Wolfsburg deutscher Meister – hätten Sie damit in Ihrem Fußball-Leben jemals gerechnet?
Glückwunsch an den VfL Wolfsburg. Wenn eine Mannschaft Meister wird, mit der niemand gerechnet hat, ist das doch toll – wie der gesamte sensationelle Kampf um die Meisterschaft. Wolfsburg war die einzige Mannschaft, die damit umgehen konnte, vor dem FC Bayern zu stehen. Die meisten anderen haben das nur ein paar Spiele ausgehalten. Wolfsburg ist nicht nervös geworden – im Gegenteil. Sie haben es absolut verdient.
Mit welchen Gefühlen schauen Sie sich an diesem Mittwoch das Finale der Champions League zwischen Barcelona und Manchester United an?
Mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein. Wir hätten es verdient gehabt, im Finale zu stehen. Natürlich ist der FC Barcelona eine starke Mannschaft, aber wir waren in den beiden Spielen einen Tick besser. Zuvor sind wir gegen Liverpool und Juventus Turin eindrucksvoll weitergekommen. Wir gehören in der Champions League in diesem Jahr zu den zwei besten Mannschaften, vielleicht waren wir sogar die Besten. Gegen Barcelona kam für uns auch durch fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen einiges zusammen. Es wäre umso bitterer, wenn Barcelona gegen Manchester den Titel holen würde.
Nach der letzten Chance im Halbfinale, als der Schiedsrichter nicht auf Elfmeter entschied, waren Sie völlig außer sich. Haben Sie sich selbst schon mal so erlebt (siehe: Nichts gesehen oder falsch hingeguckt - Chelsea hadert, Barca feiert)?
Es ist doch völlig normal, dass man eine Reaktion auf dem Platz zeigt, wenn man, um es vorsichtig auszudrücken, verpfiffen wird. Die letzte Szene war doch nur die Krönung des gesamten Spiels, in dem wir mehrfach spielentscheidend benachteiligt wurden. Dass man dann aus sich rausgeht und nicht brav die Arme hängen lässt, wenn man sich beim Schiedsrichter beschwert, ist doch klar. Ein solches Ausscheiden zu akzeptieren ist wirklich sehr schwer.
Mit einem internationalen Titel will es bei Ihnen einfach nicht klappen.
Im letzten Jahr sind wir im Finale an einem verschossenen Elfmeter gescheitert, davor im Halbfinale auch im Elfmeterschießen – und jetzt sind wir sehr unglücklich in der letzten Minute ausgeschieden. Wir haben unsere Qualität über viele Jahre bewiesen und stehen regelmäßig mindestens im Halbfinale der Champions League. Wir wissen, dass wir in Europa von der Leistung ganz oben hin gehören. Das ist wichtig. Uns fehlt nur das letzte Quentchen Glück.
Ärgert es Sie, dass es in manchen Medien in Deutschland trotz dieser konstant guten Ergebnisse oft heißt: Michael Ballack, der ewige Zweite?
Nein, weil dies nicht zutrifft. Für mich ist ein ewiger Zweiter jemand, der noch nie etwas gewonnen hat. Ich kann aber an diesem Wochenende meinen zehnten Titel gewinnen.
Sie hatten den FC Bayern verlassen, weil Sie internationale Titel gewinnen wollten. Hat eine deutsche Mannschaft in den nächsten fünf Jahren die Chance, die Champions League zu gewinnen?
Seit dem Gewinn der Champions League 2001 hat der FC Bayern nicht mehr das Halbfinale der Champions League erreicht. Die Bayern hatten zwar oft das Ziel Finale ausgegeben, aber realistisch war es nicht – und das ist es heute auch nicht. Die Konkurrenz ist auch in der Breite exzellent besetzt, da fehlt es dem FC Bayern noch trotz der Verpflichtungen von Frank Ribéry und Luca Toni. Der Anschluss ist etwas verlorengegangen in den letzten Jahren. Aber die Chance, in einem Jahr mal wie etwa der FC Porto durchzustarten, ist trotzdem für Bayern da – wenn alles passt und das Glück dazu- kommt.
Bundestrainer Löw sagt: Die deutschen Vereine würden es nicht schaffen, dass die Spieler ihre Grenzen erreichen. Der ehemalige Teamchef Völler sagt: Es gibt Grenzen, die seien aus finanziellen Gründen nicht zu überwinden. Wer hat recht?
Jogi Löw hat es mit der Nationalmannschaft gezeigt: Wenn man mit den deutschen Tugenden ans Limit geht, kann man das Finale erreichen. Wir sind in den letzten Jahren mit der Nationalelf konstant weit gekommen. Die deutschen Klubs hingegen nicht. Aber zum Vereinsfußball gehören internationale Topstars. Ohne sie wird es schwer, die Champions League zu gewinnen.
Spiele gegen Barcelona oder Manchester – sind das für Sie schwierigere, härtere Spiele als ein Halbfinale oder Finale bei einem großen Turnier?
Barcelona, Manchester oder Chelsea sind auf einzelnen Positionen mit stärkeren Einzelspielern besetzt – auch im Vergleich zu den besten Nationalmannschaften. Die Qualität der Einzelspieler in europäischen Topklubs ist in der Summe größer. Aber darauf kommt es nicht alleine an. Denn eine WM oder EM, wenn eine ganze Nation auf ein Team schaut, ist noch mal eine ganze andere Dimension und Herausforderung. Wir als deutsche Nationalmannschaft haben im Vergleich zu anderen Teams eine Supermentalität. Wir reizen unser Können am besten aus. Wir können uns am besten auf den Punkt konzentrieren. Woran das liegt? Schwer zu sagen – aber es hat sicher etwas mit unserem Charakter zu tun.
Bei dem guten Charakter – wie erklären Sie sich die Spannungen mit Jogi Löw (siehe: Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: „Frings' Rücktritt wäre schlimm“)?
Unser Verhältnis ist hervorragend. Auch wenn man als Kapitän und Trainer immer an einem Strang zieht, sind Reibungen und unterschiedliche Meinungen manchmal gut.
. . . und die Auseinandersetzung mit Lukas Podolski (siehe: Kommentar: Aus der Rolle gefallen). Wie ist ihr Verhältnis?
Das ist etwas ganz anderes. Unabhängig von meiner Person war das Verhalten von Lukas Podolski respektlos. Ich bin froh, dass ich die Sache auf dem Feld richtig bewertet und entsprechend gehandelt habe. Ich teile die Meinung von Matthias Sammer. (Sammer sagte: „Es ist wichtig, dass die jungen Spieler demütig und bescheiden Hierarchien anerkennen. Das ist das Problem. Da waren wir bislang immer stark und sind momentan auf dem Holzweg. Es hätte sich kein Spieler, egal, ob bei einem Sammer, einem Effenberg, einem Seeler, einem Hoeneß oder einem Fritz Walter auch nur ansatzweise getraut, die Hand zu erheben, geschweige denn, mehr zu tun.“ Anmerkung der Redaktion)
Hat sich Podolski bei Ihnen noch mal gemeldet – oder ist es bei dem kurzen Kabinengespräch geblieben?
Der Trainer hat uns danach zusammengerufen und die Sache kurz bewertet und kritisiert. Lukas hat sich bei mir entschuldigt. Das ist in Ordnung. Danach hat es bisher keinen Kontakt mehr gegeben.
Die Nationalmannschaft startet jetzt zur Asientour. Überrascht es Sie, dass Podolski nach der Ohrfeige gegen Sie dabei ist?
Konsequenzen liegen nicht in meiner Macht. Das müssen die Verantwortlichen tun. Ich bin nur Spieler, auch als Kapitän.
Welche Folgen erwarten Sie für die Mannschaft von einer Attacke gegen den Kapitän, wenn daraus keine Konsequenzen gezogen werden?
Eine Mannschaft entwickelt sich über Jahre und auch ihre Hierarchie. Dadurch entsteht Respekt untereinander. Wenn der Respekt beschädigt wird und das konsequenzlos bleibt, muss man erst noch sehen, ob das unsere Mannschaft von der Leistung, der Kollegialität und dem Umgang miteinander beeinflussen wird.
Das deutsche Team lebt von seiner Geschlossenheit – können Sie verstehen, dass sich da manche mit Blick auf die WM 2010 Sorgen machen?
Ich halte solche Sorgen für nicht berechtigt. Wir haben bei großen Turnieren immer gezeigt, dass wir über mannschaftliche Geschlossenheit viel erreichen können. Deswegen bin ich auch überzeugt, dass wir die Qualifikation schaffen und bei der WM in Südafrika eine gute Rolle spielen werden.
Podolski
Bert Greve (Churchill3)
- 26.05.2009, 11:59 Uhr
@ Herrn Greve
Dr. Johannes Müller-Wachtendonk (perello)
- 26.05.2009, 13:40 Uhr
Schon berechtigt, da mal nachzufragen
Anna Schuster (Anna_Schuster)
- 26.05.2009, 13:41 Uhr
eine Frage vermisse ich
Falk Hammer (FalkHammer)
- 26.05.2009, 13:57 Uhr
Podolski
Colauti Lauti (viktor84)
- 26.05.2009, 15:15 Uhr