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Im Gespräch: Joachim Löw „Ein Spiel am Rande der Legalität“

03.07.2010 ·  Die Schwächen des Argentiniens sind vor dem Viertelfinale um 16 Uhr über Monate akribisch analysiert worden - doch Bundestrainer Löw will lieber eigene Stärken thematisieren. Im F.A.Z.-Interview spricht er über perfekte Trainingseinheiten und Psychospielchen.

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Bastian Schweinsteiger hat die Argentinier gerade als respektlose Provokateure bezeichnet. Erklären Sie Argentinien jetzt auch den Fußballkrieg?

Argentinien ist die Mannschaft aus Südamerika, die zwei Dinge auf besondere Weise verkörpert: guten, technisch hochwertigen Fußball und rohen körperlichen Einsatz. Das haben wir nicht nur bei der WM 2006 feststellen müssen, sondern ebenso beim Länderspiel im März in München. Diese Mannschaft bringt nicht nur eine unglaubliche Robustheit mit. Dieser Gegner spielt auch am Rande der Legalität. Die Argentinier mögen das und fühlen sich dadurch überlegen. Wir müssen in den Zweikämpfen dagegenhalten, aber dürfen uns nicht provozieren lassen.

Wie sind Ihre Erinnerungen an den Sommer 2006 mit den Handgreiflichkeiten nach dem Elfmeterschießen im Berliner Olympiastadion?

Nach dem Spiel waren wahnsinnig viele Emotionen zu spüren. Die Argentinier hatten mit großer Trauer und Enttäuschung zu kämpfen. Ich habe Messi in der Kabine weinen sehen. Draußen auf dem Platz ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Aber es sind nicht mehr so viele Spieler von damals dabei, deshalb wird es in den Köpfen keine Rolle mehr spielen. Auch nicht bei Bastian Schweinsteiger.

Hat Ihnen gefallen, dass Schweinsteiger nun vor der Partie in Kapstadt gestichelt hat?

Vielleicht hätte er sich etwas anders ausdrücken können. Aber ich bin von diesen Dingen frei. Mich hat das 2006 auch nur am Rande interessiert, was danach auf dem Platz passierte. Ich habe mich viel mehr über unseren Sieg gefreut.

Maradona sagt nun nach Schweinsteigers Angriff, die Deutschen seien nervös.

Das ist das übliche Geplänkel vor dem Spiel. Maradona hat auch schon gesagt, er schicke jetzt Deutschland nach Hause. Mich interessiert das alles nicht.

Wie kann Ihr Team den Argentiniern auf dem Platz weh tun – und wie viel Arbeit steckt dahinter, die Schwächen einer solchen Mannschaft aufzudecken?

Die Vorarbeit dauert Monate. Das beginnt bei unserem Scout Urs Siegenthaler, dem Team Köln mit den Studenten der Sporthochschule und unseren Beobachtern, die wir zu den Spielen der Argentinier geschickt haben. Bei der WM haben wir sie noch zwei Mal beobachtet. Daraus entsteht das Gesamtbild, aus dem wir eine Mannschaftscharakteristik erstellen.

Die besagt, dass Argentiniens Schwäche in der Innenverteidigung liegt?

Ich spreche nicht gerne darüber, wo die Schwächen der Argentinier liegen. Aber klar ist: Sie sind eher in der Defensive anfällig als in der Offensive. Ihre Verteidigung ist routiniert, erfahren und spielt sehr körperbetont. Samuel oder Heinze sind gute Abwehrspieler. Aber im Verbund machen sie auch Fehler.

Ihre Mannschaft macht bei diesem Turnier einen sehr selbstbewussten Eindruck. Lahm behauptete, es sei die beste Nationalelf, in der er je gespielt hat. Schweinsteiger legt sich mit dem Gegner an. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Man sieht der Mannschaft an, dass sie in elementaren Dingen große Fortschritte gemacht hat. Ich habe Trainingseinheiten gesehen, die waren im fußballerischen Bereich zeitweise perfekt. Ich bin schon sechs Jahre dabei, aber so etwas gab es vorher nie: diesen Kombinationsfluss, dieses Spiel ohne Ball. Wir haben vor der WM ein Drehbuch erstellt, bis zum Finale, Schritt für Schritt. Und das haben wir gemeinsam umgesetzt. Über die gemeinsamen Wochen haben auch die Spieler gesehen: Wir werden sicherer, wir werden besser. So etwas stärkt dann auch das Selbstbewusstsein. Aber es gibt noch Schwankungen.

Sie leben und arbeiten nun seit mehr als fünfzig Tagen mit der Mannschaft zusammen. Was ist die auffälligste Entwicklung?

Bei vielen Spielern ist das Spiel ohne Ball besser geworden. Bei einigen hatte ich noch während der Saison gesehen, dass sie zwar technisch gut drauf sind, aber die Aktion schon beendet wurde, wenn der Ball den Fuß verließ. Wir haben das in unzähligen Trainingseinheiten immer wieder geübt. Spielen ohne Ball, mit Tempo gehen, Ballmitnahme in die richtige Richtung – nach vorne und nicht nach hinten. Das sind elementare Dinge in der Offensive. Hier ist eine ganz klare Verbesserung eingetreten. Und man spürt das steigende Zutrauen der Spieler in diese Fähigkeiten.

Lassen sich mit einem jungen Team mehr Fortschritte erreichen als mit vielen erfahrenen Spielern?

Auf jeden Fall. Wenn junge Spieler über eine gute Qualität verfügen, dann spielt Erfahrung eine untergeordnete Rolle.

Große Nationen wie Frankreich, England oder Italien haben mit großen Spielern sehr enttäuscht. Stoßen die Trainer bei einer WM mit vielen alten Stars schneller an ihre Grenzen?

Wenn man viele Spieler hat, die ihren Zenit überschritten haben, die viel erreicht und erlebt haben – dann wird es schwieriger bei der Zusammenarbeit in einem Turnier. Diese Spieler sind, was die Motivation betrifft, vielleicht nicht immer bei hundert Prozent. Bei unseren jungen Spielern sehe ich zudem, dass sie enorm belastbar sind. Die Intensität der Trainingseinheiten ist im Laufe des Turniers mit ihnen sogar steigerbar. Ihre Regenerationsfähigkeit ist viel besser ausgeprägt. Mit älteren Spielern ist das nicht so einfach.

Halten Sie das für den zentralen Vorteil bei diesem Turnier?

Es ist natürlich wichtig, dass erfahrene Spieler dabei sind, und die Situationen kennen, wenn es schwierig wird. Junge Spieler müssen gestützt werden. Nochmals: Ich denke, dass es für die Zukunft der Nationalmannschaft wichtig ist, den Altersschnitt jung zu halten. Das ist für mich erfolgversprechender als mit einer Mannschaft anzutreten, die über ihren Zenit hinüber ist. Man hat bei Teams wie Italien oder Frankreich gesehen, dass bei einigen Spielern die Bereitschaft nicht mehr in dem Maß vorhanden war, über die Leistungsgrenze hinaus zu gehen.

Haben Sie diese Erfahrungen auch aus dem EM-Turnier 2008 mitgenommen?

Was ich dort als Lehre rausgezogen habe, war der Umgang mit Spielern, die im Vorfeld eines Turniers verletzt waren. Das wiegt schwerer, als länger nicht gespielt zu haben, aber durchtrainiert zu sein. Diesmal war es so, dass ich junge Spieler wie Mesut Özil, Sami Khedira oder auch Toni Kroos lange beobachtet habe und von ihren hervorragenden technischen Qualitäten überzeugt war. Das ist für mich wichtiger als Erfahrung.

Was sind Ihre Glücksmomente, wenn Sie auf Ihre Mannschaft schauen?

Ich bin ein Trainer, der die Offensive liebt. Deshalb freut es mich besonders, wenn im Spiel der Ball läuft, die Laufwege stimmen und schnell gespielt wird – mit einem hohen Rhythmus auch ohne Ball. Das sind Momente, in denen ich sehr zufrieden bin.

Und wie ist das mit der Erfahrung, dass Spieler Ihnen das Vertrauen zurückgeben – wie Klose oder Podolski?

Das ist für mich weniger wichtig. Daran habe ich nie gezweifelt. Es kann der Moment kommen, in dem jemand von uns Trainern einen besseren Stürmer sieht als Klose oder Podolski. Aber dieser Moment war bislang nicht da. Ich wusste immer, dass die beiden mit ihrer Spielweise eine hohe Fähigkeit haben. Ich habe keine Besseren gesehen. Aber vielleicht ändert sich das irgendwann.

Was ist Ihnen bei den anderen Mannschaften als prägendes Merkmal bei der WM aufgefallen?

Ganz hoch in meiner Gunst stehen die Spanier. Da lassen sich Spielfluss, Offensivkraft und ein durchdachtes Spiel wie sonst bei keiner anderen Mannschaft erkennen. Argentinien und Brasilien haben geniale Kreativspieler, die in der Lage sind vorne eiskalt die Möglichkeiten zu nutzen. Sonst lässt sich festzustellen: viele Teams liefern ein Bild der Geschlossenheit, auch Uruguay und Paraguay. Es wird mit unglaublicher Intensität gespielt – mit Ball und ohne Ball. Italien oder Frankreich waren nicht in der Lage, dieses Tempo zu spielen. Das war eher Ballgeschiebe und Ergebnisverwaltung. Da fehlte mir die Risikobereitschaft im Spiel.

Günter Netzer, der auch mal kritisch mit den Leistungen Ihrer Mannschaft umgegangen ist, hat gesagt, er wäre Ihnen böse, wenn Sie nach der WM aufhörten. Hat er Grund, bald böse zu sein?

Ich kann das heute nicht beantworten. Ich halte mich an den Präsidiumsbeschluss des Deutschen Fußball-Bundes, dass erst nach dem Turnier wieder verhandelt wird.

Gibt es denn zumindest eine gemeinsame Strategie der sportlichen Führung zusammen mit Manager Oliver Bierhoff, wie bei den neuen Verhandlungen verfahren werden soll?

Nach den geplatzten Vertragsverhandlungen habe ich gesehen, dass auch wir Fehler gemacht haben. Aber darüber ist mit dem Präsidenten gesprochen worden. Das ist ausgeräumt. Wir im Team haben vereinbart, dass ich nach der WM zuerst mit Oliver Bierhoff das Gespräch suche. Im Trainerteam habe ich alle angehalten, bei diesem Turnier nicht einmal nur im Ansatz über unsere Zukunft zu reden. Das habe ich auch dem Präsidenten gesagt, dass ich, egal wie es hier läuft, nicht während Turniers auf eine Vertragsverlängerung angesprochen werden möchte – auch wenn es dort vielleicht Bestrebungen nach der Gruppenphase gab. Ich habe das derzeit völlig ausgeblendet.

Äußerungen von Oliver Bierhoff deuten allerdings auf seinen möglichen Abschied hin.

Ich weiß nicht, welche Gedanken Oliver hegt. Ich habe mit ihm darüber in keiner Minute gesprochen. Ich muss mich nach dem Turnier selbst fragen, welche Visionen ich habe, wie das Team um mich herum aussieht und was mit Oliver passiert. Das werde ich mir durch den Kopf gehen lassen und dann mit einer klaren Vorstellung in ein Gespräch mit dem Präsidenten gehen.

Wenn Sie den Erfolg und die Spielweise Ihrer jungen Mannschaft sehen – gibt man ein solches Team gerne ab?

(lange Pause) Natürlich macht es viel Spaß mit dieser Mannschaft zu arbeiten. Das ist doch klar.

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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