13.11.2011 · Ein Holländer in der Bundesliga: Schalke-Trainer Huub Stevens spricht vor dem Duell zwischen den Nationalteams seines Heimatlands und seiner deutschen Wahlheimat (Dienstag, 20.45 Uhr) über seine Wandlung, verwirrte Spieler und die Eurofighter.
Viele Fans fragen sich: Wer wird im nächsten Jahr Fußball-Europameister - Spanien oder Deutschland? Wie stehen Sie als Niederländer dazu?
Ich denke, es gibt drei Favoriten: Spanien, Deutschland und die Niederlande. Hinzu kommen bei so einem Turnier immer Länder, die aus einer Außenseiterrolle heraus für eine Überraschung sorgen können.
Zum Beispiel?
Ich weiß es nicht, man sagt immer England. Vielleicht auch Frankreich.
Der deutsche Fußball hat nach dem Tiefpunkt bei der EM 2000 international aufgeholt. Warum sind die deutschen Talente heute besser ausgebildet, wenn sie zu den Profis kommen?
Das hat erst einmal mit der Arbeit der Vereine zu tun und erstreckt sich bis zur Nationalmannschaft. Die Denkweise hat sich geändert, wenn es darum geht, wie man Jugendliche fordert und fördert. Auch Trainingsinhalte und -methoden haben sich verbessert.
Machen talentierte, kreative Offensivspieler wie Özil, Thomas Müller oder Götze, aber auch moderne Innenverteidiger wie Badstuber oder Hummels Deutschland zu einer auch spielerisch führenden Fußballnation?
In gewisser Weise schon. Die Deutschen haben sich bei anderen Ländern das eine oder andere abgeguckt und diese Erkenntnisse dann gemischt mit ihren eigenen Tugenden wie Laufstärke und taktischer Disziplin. Das macht sie stark. Inzwischen gucken vielleicht auch die Niederländer nach Deutschland. Wenn sie es nicht täten, wäre das arrogant. Jetzt können andere Länder auch etwas von Deutschland lernen.
Der deutsche Fußball hat sich verändert. Haben auch Sie als Trainer, der als konservativ gilt, sich geändert?
Ich glaube, wer nicht täglich dazulernt, kann keinen Erfolg haben. Nicht nur das Spiel muss sich weiterentwickeln, sondern jeder Mensch, egal ob im Fußball oder in welcher Branche auch immer. Wenn Sie sich Ihre Zeitung von vor fünfzehn Jahren anschauen und mit der Zeitung vergleichen, wie sie heute erscheint, werden Sie auch einen Unterschied feststellen. Anders ist es bei einem Trainer und einer Mannschaft auch nicht.
Was haben Sie dem Trainer Stevens voraus, der vor fünfzehn Jahren als Nobody in die Bundesliga kam?
Erfahrung und Gelassenheit. Irgendwann habe ich mir vorgenommen, mich nicht mehr zu ärgern, auch nicht über die Medien. Sie können mir jede Frage stellen. Ich versuche, damit ganz locker umzugehen. Aber glauben Sie mir: Wenn mir jemand in einer emotionalen Situation eine unpassende Frage stellt, dann bekommt er auch eine unpassende Antwort. Das ist doch dann auch wieder schön für das Publikum, dann haben die Leute wieder etwas zu reden. Fußball ist ein öffentliches Spiel, und ich spiele das Spiel mit.
Wie hilft Ihnen die Erfahrung konkret im Umgang mit den Spielern, besonders den jungen?
Heutzutage versuche ich, mich mehr in die Spieler hineinzuversetzen, um sie zu verstehen und zu erreichen. Früher haben sie einfach so akzeptiert, was wir Trainer gesagt und getan haben. Die aktuelle Spielergeneration ist ganz anders aufgewachsen, sie lebt in einer anderen Welt und ist viel besser informiert. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren gab es zwar schon Computer, aber die spielten bei jungen Leuten nicht so eine wichtige Rolle, und Handys kamen gerade erst auf den Markt.
Jens Lehmann, einst Ihr Torwart "auf" Schalke, hat jüngst gesagt, er habe manchmal "Schiss" vor Ihnen gehabt. Sind Sie milder geworden?
Ich war und bin eine sehr präsente Persönlichkeit. Dass die Spieler Schiss haben, will ich aber gar nicht. Ich möchte, dass wir respektvoll miteinander umgehen. Das war zwischen Jens und mir gegeben, obwohl er auch nicht immer der Einfachste war.
Der Trend geht dahin, junge Spieler früher in die Bundesliga oder auch in die Nationalmannschaft einzubauen. Sind die Trainer mutiger geworden?
Das sehe ich nicht so. Vor zwanzig Jahren waren die Trainer genauso daran interessiert, den Fußball und die Menschen, die ihn spielen, weiterzuentwickeln. Als Trainer guckst du immer auf Qualität. Wenn heute ein junger Spieler früh die Qualität besitzt, eine Mannschaft zu verbessern, dann bringst du ihn. Das war früher genauso. Ich war auch erst sechzehn Jahre alt, als ich im Profifußball debütiert habe. Wenn ich vor fünfzehn Jahren die Möglichkeit gehabt hätte, mich zu entscheiden zwischen einem Dreißigjährigen und einem Achtzehnjährigen mit dem gleichen Leistungsvermögen, dann hätte ich mich immer für den Achtzehnjährigen entschieden, weil der noch größere Entwicklungsmöglichkeiten besitzt.
Ihrem Vorgänger Ralf Rangnick hat ein offensiver, schöner Fußball vorgeschwebt. Sie dagegen stehen in dem Ruf, eine defensive, als weniger attraktiv empfundene Spielweise zu bevorzugen. Passt das zusammen?
Nicht der Trainer, sondern der Verein ist das Allerwichtigste. Der Trainer ist den Zielen des Klubs verpflichtet, nicht umgekehrt, das ist meine Philosophie. Der Trainer muss sich in den Vorstellungen des Vereins wiederfinden, sonst läuft er nach drei Monaten gegen eine Wand. Also versuche ich, das Haus weiterzubauen, dessen Fundament Ralf Rangnick gelegt hat. Schalke will kontinuierlich über Jahre hinweg etwas aufbauen, darin finde ich mich wieder. Dazu werde ich die Qualität nutzen, die vorhanden ist. Ein Trainer ist im Durchschnitt vielleicht zwei Jahre bei einem Klub, das ist ja heute schon lange. Wenn der Verein die richtige Philosophie hat, muss der nächste Trainer sie auch weiterverfolgen. Für unsere Spieler bin ich der dritte Trainer innerhalb von sieben Monaten. Nehmen wir an, Schalke hätte sich entschieden, einen unerfahrenen jungen Mann zu verpflichten, und dieser unerfahrene junge Trainer hätte seine eigene, eine völlig neue Linie durchgesetzt - ich glaube nicht, dass er damit Erfolg gehabt hätte. Man darf die Spieler auch nicht verwirren.
Sie haben den Leitsatz "Die Null muss stehen" aufgegeben, der Ihnen seit langem als Bekenntnis zum Defensivfußball zugeschrieben wird?
Ich brauche da nichts aufzugeben. Es ist nur schade, jetzt wieder darauf festgelegt zu werden. Viele Leute wissen immer noch nicht, wie dieser Ausspruch entstanden ist. Ich habe 1997 vor unserem Heimspiel im Uefa-Pokal-Viertelfinale gegen den FC Valencia einem Reporter gesagt, heute ist es wichtig, dass die Null steht. Das bezog sich nur darauf, dass auswärts erzielte Tore international bei Gleichstand den Ausschlag geben. In den Medien wurde der Satz verallgemeinert, und ich wurde festgenagelt auf eine defensive Spielweise. Und warum? Nur weil ein Reporter das so interpretiert hat.
Ist dieser Spruch nicht auch ein Markenzeichen geworden, das den Trainer Stevens äußerst bekannt gemacht hat?
Sicher. Ich glaube, ich bin erst der zweite Niederländer, der in Deutschland nachhaltig Furore gemacht hat. Der eine ist leider tot - Rudi Carrell. Der andere bin ich. Aber Rudi hat viele Aussprüche benötigt, um so bekannt zu werden, ich nur diesen einen Satz von der Null, die stehen muss.
Ist der aktuelle Schalke-Jahrgang die beste Mannschaft, die Sie je trainiert haben?
Es ist noch zu früh, das zu beurteilen, unsere Mannschaft hatte zuletzt beim Spiel in Hannover einen Altersdurchschnitt von etwa 23 Jahren. Unter den Eurofightern vor vierzehn, fünfzehn Jahren waren auch hervorragende Fußballspieler wie Nemec, Thon, Wilmots oder Mulder. Aber wenn die heutige Schalker Mannschaft zusammenbleibt und irgendwann so viel Erfahrung hat wie die Eurofighter, kann sie vielleicht eine höhere Qualitätsstufe erreichen. Das heißt aber nicht automatisch, dass die aktuelle Mannschaft mehr Erfolg haben wird. Die Konkurrenz ist viel größer geworden.
Das Gespräch führte Richard Leipold.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |