Die amerikanische Nationaltrainerin Pia Sundhage ist eine der schillerndsten Figuren des Welt-Frauenfußballs. Die Schwedin war eine erfolgreiche Nationalspielerin der ersten Generation, ist mit 146 Länderspielen Rekordinternationale und mit 71 Toren die erfolgreichste Torschützin der „Tre Kronors“. Zudem hat sie mit der schwedischen Nationalmannschaft die erste offizielle Europameisterschaft 1984 gewonnen. Nach dem Ende ihrer Karriere im Jahr 1996 schlug sie eine Laufbahn als Trainerin ein, die sie als Cheftrainerin und Assistentin in China, Schweden und den Vereinigten Staaten auf bislang schon drei Kontinente führte. 2008 krönte sie ihre bisherige Karriere als Trainerin der amerikanischen Nationalmannschaft mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen.
Im Interview gibt sie vor dem Länderspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft um 18 Uhr in Augsburg (live in der ARD) Erkenntnisse aus ihrer Wanderung durch die Fußballwelten preis. Das Interview stammt aus dem Buch „Frauenfußball - Der lange Weg zur Anerkennung“.
Frau Sundhage, Sie haben auf drei Kontinenten in Schweden, in den Vereinigten Staaten und in China trainiert. Was sind die größten Unterschiede zwischen den Spielkulturen?
In China haben sie einen eleganten Spielstil: Die Spielerinnen sind technisch sehr stark, exzellent in engen Räumen und sie sind beidfüßig.
Chinesinnen sind generell beidfüßig?
Ja, die meisten der Spielerinnen der chinesischen Nationalmannschaft konnten mir auf Nachfrage nicht sagen, welches ihr stärkeres Bein ist. Sie haben gar kein Bewusstsein für solch eine Unterscheidung, weil sie sich diese Frage nie gestellt haben. Für sie sind beide Beine gleich, ihnen ist auch fast egal, ob sie mit Innen- oder Außenrist spielen.
Wie kommt das?
Das liegt meines Erachtens an den Balanceübungen, die Chinesen in jeder Lebenssituation üben. Chinesen sind deshalb traditionell sehr geschickt und geschmeidig in der Körperbeherrschung und folglich auch im Umgang mit dem Ball.
Müssten die Chinesinnen dann nicht haushoch überlegen sein?
Nein, denn ihnen fehlt der taktische Blick fürs Ganze. Das haben ihnen die anderen Teams voraus. Schweden steht beispielsweise seit jeher für gute Organisation im Team. Wir haben klare Aufgaben für jede Position, das lernt jeder Nachwuchskicker und jede Nachwuchskickerin von Kindesbeinen an. Das ist die Stärke und das Wesen der schwedischen Fußballkultur.
Und die Vereinigten Staaten? Ihr Team hat immerhin 2008 Olympiagold gewonnen und gilt als derzeit stärkstes Team der Welt.
Amerikanische Teams haben keinen eigenen Stil, weil dem amerikanischen Fußball Tradition nichts sagt. Das Männerteam hatte in der Vergangenheit keine Erfolge vorzuweisen, die irgendwie prägend wären. Das ist vor allem bei den europäischen Teams anders, wo der Männerfußball den Fußball so geprägt hat, dass die Frauen sich erst einmal an diesem Stil der Männer, übermittelt durch Trainer und durch die Fußballkultur an sich, orientieren.
Wenn Sie ein so großes Bewusstsein für spielkulturelle Unterschiede haben, dann können Sie uns bestimmt auch etwas über die Abhängigkeit von Frauenfußball und Religion oder Staatsform sagen. Während im Männerfußball vor allem katholisch geprägte Länder dominieren, sieht das im Frauenfußball ziemlich anders aus: Traditionell protestantische Länder gewinnen große Turniere und kommunistische Staaten wie China und oder Nordkorea bringen starke Frauenteams hervor.
Das ist eine wirklich interessante Beobachtung: Als ich anfing, war Dänemark das stärkste Land im Frauenfußball. Dort wie in den anderen skandinavischen Ländern haben Frauen sehr früh für ihre Rechte gekämpft. Entsprechend haben wir in Schweden als fußballverrückte Mädchen auch für unser Recht gekämpft, dem Ball hinterherjagen zu dürfen. In meinem kleinen Dorf gab es freilich dennoch keine Chance auf ein Mädchenteam. Ich hatte dann das Glück, dass der Trainer eines Jungenteams mir erlaubte, bei ihnen mitzuspielen. Zwei Jahre lang war mein Vorname nicht Pia, sondern Penle. Das war wahrscheinlich nur möglich, weil sich schwedische Frauen schon in anderen Bereichen durchgesetzt haben und gesellschaftlich akzeptiert waren. Frauenfußball ist überall dort erfolgreich, wo Frauen sich ihre Rechte erkämpft haben. Frauenfußball ist dann vielleicht ein Mahnmal, dass es Frauen in eine Männerdomäne geschafft haben.
Ist guter Frauenfußball also auch ein Ergebnis einer erfolgreichen Frauenprotestbewegung?
Unsere Karrieren, egal ob von mir, der deutschen Bundestrainerin Silvia Neid oder so vielen anderen in den restlichen Frauenfußballländern ist geprägt vom Kampf um Anerkennung für unseren Sport. Mein erstes Länderspiel bestritt ich mit 15 Jahren gegen England. Wir spielten aber nur zweimal 35 Minuten. Wir wollten aber auch 45 Minuten haben. Es war damals anders als heute nie selbstverständlich, dass Frauen genauso ein Recht auf einen Trainingsplatz haben wie die Männer. Wir haben uns durchgekämpft mit ganz schrecklichen Trainingszeiten und -plätzen. Aber wir haben den Weg überstanden. Dann haben wir für die Weltmeisterschaft gekämpft, dann für Olympische Spiele. Dann ging es darum, dass man uns auch zutraut, dass wir Trainer werden können. Wir haben uns alles erkämpfen müssen, aber uns nie als Protestbewegung empfunden. Wir wollten nur selbst spielen dürfen. So habe ich schon als Kind gedacht: Damals mit 6 oder 7 Jahren fürchtete ich allerdings, dass ich das einzige Mädchen in der Welt sei, das Fußball spielt. Dieses Gefühl begleitete mich bis in Trainerlehrgänge. Wir waren immer darum bemüht, Anerkennung zu bekommen.
Ist der Frauenfußball heute gleichberechtigt mit dem Männerfußball?
Ich möchte es mal so sagen: Der Frauenfußball ist weitgehend eine Selbstverständlichkeit geworden. Aber er kann natürlich nicht an den Männerfußball heranreichen. Der Hauptunterschied ist die Tradition: Sportjournalisten wollen immer noch lieber über Männerfußball schreiben. Und ein Hindernis ist, dass immer noch gerne zwischen Männerfußball und Frauenfußball verglichen wird. Das liegt daran, dass jeder irgendwann mal Fußball gespielt hat und deshalb der Meinung ist, mitreden zu können. Das würden sich bei Handball oder Volleyball nicht so viele anmaßen. Tatsächlich ist Frauenfußball aber was ganz anderes als das, was Männer machen.
Männerfußball ist besser?
Die Tatsache, dass Männerfußball die Leute mehr begeistert, liegt nicht an der vermeintlich höheren Qualität des Spiels oder an der größeren körperlichen Kraft der Männer. Männerfußball ist faszinierender für die Zuschauermassen, weil der Stadionbesucher mehr Verbindungen hat zu den Spielern. Die Akteure sind über die Medien als Charaktere bekannt, man kann als Fan eine richtige Beziehung aufbauen zu den Spielern. Zudem ist natürlich ein Stadion mit 15.000 Menschen automatisch inspirierender als ein Stadion mit 500 oder 1.000 Zuschauern. Diese äußeren Umstände machen den Unterschied aus zwischen Männer- und Frauenfußball. Das ist keine Frage der Qualität des Spiels selbst.
Was sind die Unterschiede zwischen dem Frauenfußball in Skandinavien, Mitteleuropa, China und den Vereinigten Staaten?
Vieles ist zunächst einmal gleich. Überall geht es Elf gegen Elf, man jagt einem runden Leder hinterher und viele Menschen sind involviert in das Spiel. China fehlen derzeit noch die Graswurzeln. Es gibt verhältnismäßig wenige Mädchen, die Fußball spielen. Sollte sich das ändern, würde China ganz schnell auf Jahre hinaus eine dominierende Kraft im Welt-Frauenfußball werden. In den Vereinigten Staaten herrschen im Vergleich dazu traumhafte Bedingungen. 40 bis 45 Prozent der Fußballspieler sind weiblich. Deshalb gibt es ein Riesen-Reservoir an talentierten Spielerinnen an den Colleges. Das Problem ist nur, dass es nach den Colleges nichts mehr gibt für jene Spielerinnen, die es nicht direkt in die Nationalmannschaft schaffen. Sie können nirgends hingehen, wenn sie 22 und mit dem College fertig sind. Fußball ist also ein reiner Jugendsport für Mädchen. Als Nationaltrainerin habe ich also nicht mehr als 26 Spielerinnen, mit denen ich zurechtkommen muss. In Schweden haben Vereine viel mehr Tradition. Schweden hat deshalb als kleines Land letztlich genauso viele WM-taugliche Spielerinnen wie Riesenländer wie die Staaten oder China.
Ist die Beobachtung richtig, dass Team Spirit bei Frauen viel ausgeprägter ist als bei den Männern, die stets sehr hierarchisch innerhalb von Mannschaften strukturiert sind?
Ich habe nicht so viel Erfahrungen gesammelt in Männerkabinen (lacht). Aber ich kann sicher sagen, dass wir Frauen wohl auch deshalb zusammenhalten, weil wir immer noch geprägt sind vom gemeinsamen Kampf um Anerkennung für unseren Sport. Spielerinnen meiner Generation oder auch eine Kristine Lilly und andere waren sehr damit beschäftigt, immer wieder Rechte durchzusetzen für uns Frauenfußballerinnen. Wir haben Geschichte verändert. Ein Zlatan Ibrahimovic oder all die anderen Superstars kennen so was doch gar nicht. Er muss sich nur um seine Interessen kümmern, der Fußball an sich und dessen Image muss ihn nicht beschäftigen.
Wie sieht Frauenfußball in 20 oder 30 Jahren aus? Werden Sie dann denken: Toll, die Generation nach mir hat es bequem, weil wir ihnen den Weg bereitet haben!
Ich denke, dass der Fußball herausfinden wird, dass da sehr viele gute Trainerinnen im Frauenfußball sind, die den Männerfußball voranbringen können. In 20 oder 25 Jahren werden Frauen den Männerfußball voranbringen mit neuen Ideen. Der Kampf um Gleichberechtigung wird aber auch dann noch anhalten.
Was können Frauen denn Männern beibringen?
Die Kunst des Führens eines Teams und Kommunikation. Männer und Frauen kommunizieren anders. Wir haben in unserem Betreuerteam ganz bewusst Männer und Frauen engagiert, egal ob es um den Torwarttrainer geht oder den Teamarzt.
Warum sind bei Männerteams so wenige Frauen dabei?
Eine Mannschaftsärztin oder Physiotherapeutin könnte schon ein bisschen was Weibliches ins Team bringen, das einer Mannschaft gut tun kann. In Zukunft wird es dann vielleicht mal eine Co-Trainerin sein und irgendwann auch mal ein Chefcoach eines Proficlubs.
Welche Männernationalmannschaft wird als erste eine Nationaltrainerin haben?
Vielleicht Ihr Land, Deutschland (lacht)? Ich denke, dass es sein kann, dass man vielleicht mal Trainer-Duos bilden wird, wie es in Schweden schon mit zwei männlichen Nationaltrainern im Gespann versucht wurde. Dort könnte dann eine Frau integriert werden. Ich bin mir sicher, dass wir die kombinierte Kompetenz von Männern und Frauen brauchen. Das wird der nächste Schritt.
Sie werden also entweder mit Sven-Göran Eriksson Nationaltrainer der Schweden oder mit Beckham Coach der US-Männer?
(lacht) Lassen wir uns überraschen.
so ein Schmarrn
Klaus Müller (mo-mu)
- 30.10.2009, 13:07 Uhr