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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Bundestrainerin Silvia Neid „Ich habe es nicht geschafft, den Druck zu nehmen“

 ·  Silvia Neid und die deutschen Fußballfrauen kehren am Samstag erstmals nach der enttäuschenden WM auf den Platz zurück. Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz spricht die Bundestrainerin über Birgit Prinz, eigene Fehler und die Führungsspielerinnen der Zukunft.

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© dapd Neuaufbau: Bundestrainerin Silvia Neid nach der enttäuschenden WM

Die Heim-Weltmeisterschaft im Sommer ist für die deutschen Fußballfrauen enttäuschend verlaufen. Vor dem ersten Qualifikationsspiel zur Endrunde der Europameisterschaft am Samstag gegen die Schweiz in Augsburg (15.45 Uhr/ Live in der ARD) lehnt Silvia Neid die Favoritenrolle für ihre Mannschaft ab. Schweden und Frankreich seien im Moment weiter.

Der Internationale Fußballverband hat am Mittwoch seinen Technischen Bericht zu den Leistungen bei der WM veröffentlicht. Zum deutschen Team stehen trotz des Ausscheidens im Viertelfinale jede Menge positive Dinge drin. Wie sieht Ihr Urteil mit ein paar Wochen Abstand aus?

Unser Abwehrverhalten fand ich super. Wir haben nur vier Gegentore bekommen, davon drei Standards. Wir haben Probleme bekommen, wenn wir den Ball erobert hatten. Da waren wir nicht leichtfüßig und spielfreudig genug, es fehlte die Lockerheit. Das haben mir die Spielerinnen auch bestätigt. Sie sind aber vor allen Dingen vor den eigenen Erwartungen erstarrt. Sie wollten es zu gut machen. Je länger das Erfolgserlebnis gegen Japan ausblieb, desto mehr wuchs in den Spielerinnen eine Versagensangst.

Lag es also nur am psychischen Druck?

Was heißt nur. Es ist doch entscheidend, ob ich mental gut drauf bin oder nicht.

Und Sie kamen mit Ihren Maßnahmen nicht an gegen diesen Druck?

Das ist richtig. Mir ist es nicht gelungen, die Mannschaft so vorzubereiten, dass sie mit diesem Druck umgehen kann. Genauso wenig ist es mir gelungen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass es kein Durchmarsch für uns wird, weil die Leistungsdichte im Turnier extrem hoch war.

Birgit Prinz hat beklagt, dass mit der Drucksituation falsch umgegangen worden sei, dass nicht genügend darüber gesprochen worden sei.

Ich habe sie angerufen und einen Gesprächstermin mit ihr vereinbart. Wir werden uns noch im September zusammensetzen. Da kann sie mir genau sagen, was sie hätte anders machen wollen. Ich bin sehr gespannt auf das Gespräch.

Haben Sie das Gefühl, genug darüber gesprochen zu haben?

Natürlich habe ich mit den Spielerinnen so viel gesprochen, wie ich es für richtig empfunden habe. Ich habe zum Beispiel viel mit Birgit geredet. Speziell nach dem Nigeria- und dem Frankreich-Spiel. Aber es gab ja in unserer Mannschaft nicht nur Birgit Prinz, sondern noch mehr Spielerinnen.

Ihr Team war während der WM sehr präsent in der Öffentlichkeit. Muss sich die Mannschaft künftig mehr zurückziehen?

Das ist eine Lehre, dass die Mannschaft eine Möglichkeit haben muss, sich zurückziehen. Bei der WM war es so, dass wir überall, auch im Hotel, unter Beobachtung waren, dass jeder ständig was von unseren Spielerinnen wollte.

Aber es muss ja eine bewusste Entscheidung für eine offene Linie gegeben haben. Haben Sie diese Entscheidung mitverantwortet oder war das ein Wunsch des DFB?

Da mussten wir einfach unserer Rolle als Gastgeber gerecht werden und den Nachfragen in diesen Bereichen nachkommen. Aber ich habe natürlich immer darauf gepocht, dass das Sportliche im Vordergrund steht. Da hätten wir vielleicht in ein paar Fällen etwas mehr darauf achten sollen.

War das sportliche Scheitern also der Preis dafür, dass diese WM den Frauenfußball pushen und die Spielerinnen bekannt machen sollte?

Ich sage ja nicht, dass unser Ausscheiden an ein oder zwei zusätzlichen Medien- oder Sponsorenterminen gelegen hat. Insgesamt war es toll, eine WM im eigenen Land zu haben. Ich glaube schon, dass wir sehr viele neue Fans gewonnen haben. Ich habe sehr viele Briefe bekommen, in denen Leute schrieben, dass sie sich vorher nicht für Frauenfußball interessiert hatten, das aber toll fanden und schade, dass wir nicht weiterkamen. Insgesamt sehe ich die WM sehr positiv und ich bin froh, dass ich ein Teil davon war.

In den letzten Tagen der WM war die Außendarstellung geradezu katastrophal: Ihr Schwanken, ob Sie im Amt bleiben, die während des Halbfinales versandte Pressemitteilung, dass Sie weitermachen, im Finale dann der Jubel für Japan auf der Tribüne.

Ich habe nach der Niederlage gegen Japan gesagt, ich brauche jetzt ein paar Tage Bedenkzeit. Dass es dann nur zwei oder drei Tage gedauert hat, lag daran, dass ich ein super Gespräch geführt habe mit Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger, dass ich sehr viel Zuspruch von meinen Spielerinnen bekommen habe, und sehr viel Aufmunterungen von Leuten erhalten habe, die mir einfach so auf der Straße begegnet sind oder mir Briefe geschrieben haben.

Und, was das allerwichtigste war: Ich war nach zwei oder drei Tagen in der Lage zu sagen, jawohl, ich nehme die Herausforderung an und mache das weiter, und zwar mit Herzblut. Ich verstehe nicht, was schlecht daran ist, dass man sich schnell entscheidet.

Es wäre vielleicht besser gewesen, gar nicht erst über einen möglichen Rücktritt zu reden.

Ich bin doch auch nur ein Mensch, und natürlich habe ich auch Emotionen nach so einem Ausscheiden. Da überlegt man sich schon: Will ich das alles noch? Man ist ja erst mal todtraurig und von Emotionen total beeinflusst. Aber es stimmt schon: Vielleicht hätte ich es nur denken sollen.

Unmittelbar nach dem Japan-Spiel haben Sie gesagt, dass Sie bei sich keine Fehler sehen. Würden Sie das aus heutiger Sicht anders beurteilen?

Ich habe es ja schon gesagt: Ich habe es nicht geschafft, die Spielerinnen so locker zu machen, dass sie ungehemmt nach vorne spielen.

Das ist das einzige? Es gab ja noch andere Vorwürfe: Dass Sie vermeintliche Leistungsträgerinnen wie Lira Bajramaj und Birgit Prinz nicht so eingesetzt haben, dass sie ihre Leistung bringen.

Ja, das habe ich nicht geschafft. Wobei man bei Lira sagen muss, dass sie vorher keine Stammspielerin war. Sie wollte eine werden, und die Öffentlichkeit hat sie schon vorher zur Stammspielerin und zum Glamour Girl gemacht. Aber ich als Trainerin habe die Verantwortung. Konditionell waren sie gut vorbereitet. Taktisch auch. Was die Psyche angeht, ist es mir aber nicht gelungen, dass sie eine Führungsrolle einnehmen kann und die andere gut ins Spiel findet.

Birgit Prinz hat mit seltener Deutlichkeit Kritik an Ihnen geübt. Sie sagte, Sie hätten sie zum Abschuss freigegeben hätten. Wie kam das bei Ihnen an?

Birgit hat von Anfang an immer gespielt. Ich habe ihr immer die Stange gehalten. Irgendwann geht es aber nicht mehr um eine Person, sondern um die Mannschaft. Wir haben alle gesehen, dass Birgit nicht ihre Leistung gebracht hat. Dann muss ich reagieren.

Auch aus den Bundesligavereinen gab es Vorwürfe an Sie, mangelnde Kritikfähigkeit und Kommunikation zum Beispiel. Haben Sie daraus Anregungen aufgenommen?

Das mache ich grundsätzlich, gar keine Frage. Aber manche Kritik fand ich auch völlig unangebracht, weil sie von Menschen kam, die sehr, sehr weit weg sind. Insgesamt kann ich sagen, dass ich mit allen Bundesligatrainern ein sehr gutes Verhältnis habe. Die nächste Frage wird wahrscheinlich nach Bernd Schröder sein...

...mit dem Sie mittlerweile gesprochen haben...

Genau. Das war ein gutes Vier-Augen-Gespräch, und einer guten Zusammenarbeit steht überhaupt nichts im Wege. Ich habe verstanden, um was es ihm geht: um Wertschätzung. Viele Dinge, die geschrieben worden sind, sind aus meiner Sicht auch übertrieben worden.

Haben Sie nach der WM in Ihrem Stil etwas verändert?

Ich bin genauso offen mit meinen Spielerinnen wie vorher. Ich kommuniziere genauso viel wie vorher. Unsere Trainingseinheiten gingen zuletzt mehr in Richtung Kombinationsspiel: mehr Sicherheit als Schnelligkeit.

Birgit Prinz, Ariane Hingst, Kerstin Garefrekes und Ursula Holl haben nach der WM ihren Rücktritt erklärt. Wird das Niveau nun erst Mal etwas schwächer, oder wird man die Älteren ziemlich schnell nicht mehr vermissen?

Unsere Mannschaft wird auf jeden Fall ein anderes Gesicht bekommen. Eine Kerstin Garefrekes wird uns sicher fehlen. Ich glaube aber, dass wir relativ schnell wieder dahin kommen, dass wir gute Leistungen abrufen können. Eine Svenja Huth, die einen sehr guten Eindruck gemacht hat im Training, oder eine Julia Simic, die sich leider verletzt hat, lässt mich schon hoffen, weiterhin eine gute Mannschaft zu haben und 2013 eine schlagkräftige Truppe in die EM schicken können.

Wer sind die Führungsfiguren des neuen Teams?

Saskia Bartusiak, Annike Krahn, auch Simone Laudehr – und natürlich unsere neue Spielführerin, Nadine Angerer. Aber auch andere Spielerinnen, die schon länger dabei sind, wie Melanie Behringer und Linda Bresonik, müssen natürlich mehr Verantwortung übernehmen. Das habe ich ihnen auch so vermittelt.

Sie haben lange nicht gegen ein europäisches Team verloren, kann da etwas anderes als der Titel das Ziel sein?

Wir reden im Moment von keinem Titel. Wir müssen erst Mal schauen, dass wir uns neu aufstellen und sehen, dass wir bis 2013 eine schlagkräftige Mannschaft haben. Ob die dann um den Titel mitspielt, kann ich heute noch nicht sagen. Im Moment ist doch ganz klar Schweden Favorit und Frankreich. Wir nicht.

Sind Sie eigentlich ganz froh, dass die Aufmerksamkeit wieder geringer ist?

Nein. Wobei ich es an meiner Person auch noch nicht gemerkt habe, dass es geringer ist. Was ich festgestellt habe, ist, dass bei den Trainingseinheiten weniger Journalisten und Fotografen sind. Das hat mich ehrlich gesagt nicht gestört. Man konnte mit sehr viel mehr Ruhe trainieren.

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„Insgesamt war es toll, eine WM im eigenen Land zu haben” © dpa „Insgesamt war es toll, eine WM im eigenen Land zu haben”

Das Gespräch führten Christian Kamp und Daniel Meuren

Quelle: F.A.Z.
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