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Im Gespräch: Alex King „Als Kind habe ich mir gewünscht, ein Weißer zu sein“

29.02.2008 ·  Ernsthaft verletzt war er noch nie - körperlich. Dennoch gab und gibt es für Basketball-Profi Alex King Blessuren: innere, unter denen er leidet. Als Sportler und als Mensch. Manche Wunden sind tief. SOLO - Ein Thema, ein Interview - Teil 4 mit Alex King über „Verletzungen“.

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Alex King spielt bei den Frankfurt Skyliners. Seinen Durchbruch als Profi hat der 23-Jährige allerdings noch nicht geschafft. Ernsthaft verletzt war er eigentlich noch nie - körperlich. Der Bruch eines Mittelhandknochens hat den Basketballprofi zwar schon einmal außer Gefecht gesetzt. Aber ansonsten kam Alex King immer gut durch. Dennoch - es gab und gibt auch für ihn Blessuren: innere, unter denen er leidet. Als Sportler und als Mensch. Manche Wunden sind tief und schmerzen immer wieder. Mit anderen hat King gelernt zu leben. Im vierten Teil der der FAZ.NET-Serie „SOLO - Ein Thema, ein Interview“ redet er über - Verletzungen.

Sind Sie verletzlich?

Natürlich bin ich verletzlich. Wenn jemand meine Gefühle angreift, wenn er mich beleidigt, dann bin ich verletzlich Aber je älter man wird, desto mehr steckt man das einfach weg und denkt sich nichts mehr dabei.

Mit welchen Beschimpfungen mussten Sie sich auseinandersetzen?

Viele haben meine Hautfarbe oder meine Familie angegriffen. Und das sind dann wirklich Dinge, bei denen ich schlucken muss. Aber inzwischen bin ich an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr so an mich rankommen lasse, wenn es Fremde sind, die so etwas sagen. Das vergesse ich schnell. Zu Herzen nehme ich es mir aber, wenn ich die Person kenne, wenn ich sie schon mal irgendwo gesehen habe.

Wie präsent sind solche Verletzungen in Ihrem Alltag?

Inzwischen gibt es die kaum noch. Früher, als ich jung war und noch in München gewohnt habe, war das viel extremer. In München war ich der einzige Farbige im Kindergarten oder in der Grundschule. Das war schwer für mich. Wenn sie mich „Neger“ genannt oder mit dem Finger auf mich gezeigt haben. Ich habe viele von diesen Ausdrücken das erste Mal gehört, ich wusste doch gar nicht, was sie bedeuten. Oder ich musste „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ rufen, und die anderen haben gelacht. Ich habe vorher fünf Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt, konnte deshalb nicht so gut Deutsch sprechen und mich dementsprechend kaum verteidigen. Deshalb haben meine Eltern versucht mir zu erklären, wie ich mit solchen Situationen umgehen soll.

Aber wie steckt man solche Sachen als kleines Kind weg?

Ich habe mit meinen Eltern darüber gesprochen. Aber das hat nicht geholfen. Ich habe mich ja selbst anders gefühlt, ich habe ja gesehen, dass ich der einzige Farbige war. Entweder man kommt damit klar oder nicht. Für mich war das damals ein richtig wütender Schmerz. Ich war in der Zeit auch sauer auf mich selbst, habe mich gefragt, warum ich so bin, wie ich bin, und mir gewünscht, ein Weißer zu sein. Ich wollte so sein wie die anderen.

Haben Sie sich gegen die Beschimpfungen auch mal mit Gewalt zur Wehr gesetzt?

Ein Mal. In der Grundschule hat mich einer permanent beleidigt, hat mich „Neger, Neger, Neger“ genannt, und irgendwann wusste ich einfach nicht mehr, was ich machen sollte. Mein Dad hat mir dann gesagt, dass ich ihm eine reinhauen soll. Das habe ich gemacht; und dann war Ruhe.

Sie haben einen amerikanischen Vater, sind in München aufgewachsen. Was hat Sie geprägt dort?

Mein Dad hat nie von seiner Kindheit erzählt. Er ist in Mississippi aufgewachsen, und da muss es Dinge gegeben haben, die für ihn sehr schwer waren. Meine Mutter ist ruhiger, mit ihr habe ich mich über all die Jahre immer besser verstanden. Es gab schwere Jahre in der Beziehung mit meinem Dad. Heute ist wieder alles in Ordnung. Beide haben mich geprägt, und deshalb fühle mich sowohl als Amerikaner als auch als Deutscher.

Wann war denn die Hautfarbe keine Belastung mehr für Sie?

Das war eine Entwicklung. Es gibt Leute, die heute noch nicht damit klarkommen. Ich hatte sicher keine leichte Jugend, aber mir haben immer auch meine Eltern geholfen. Ich komme aus einer guten Familie. Mein Vater arbeitet am Flughafen in München, meine Mutter ist Rechtsanwaltsgehilfin. Die beiden haben mich streng, aber auch lieb erzogen. Ich bin Einzelkind und hatte deshalb immer Angst, etwas falsch zu machen. Meine Eltern sollten nie wegen mir leiden. Meine Mutter hat mich bekommen, da war sie 23 Jahre alt. Für sie war das damals auch eine harte Zeit. Ich wollte denen nie das Leben schwermachen. Aber natürlich hatte ich auch Glück, dass ich nicht auf eine schiefe Bahn gekommen bin.

Bestand denn mal die Gefahr, dass das passiert?

Na ja, ich habe mal einen kleinen Ladendiebstahl begangen. Da war ich zwölf oder dreizehn Jahre alt. Ich habe so ein paar kleine Fingerboards mitgenommen, ich war damals total verrückt nach diesen Dingern, aber konnte sie mir einfach nicht leisten. Das war mein einziger Diebstahl; sie haben mich erwischt, und danach habe nie wieder irgendwas gemacht.

Hat auch der Sport dabei geholfen, dass Sie nicht auf dumme Gedanken gekommen sind?

Ja, sicher. Ich habe mit dreizehn angefangen Basketball zu spielen. Darauf habe ich mich fokussiert. Auch meine Freunde haben Basketball gespielt, die waren alle ordentlich, hatten keinen Blödsinn im Kopf. Das hat auch meinem Vater gefallen, der immer darauf geschaut hat, mit wem ich meine Zeit verbringe. Vielleicht wäre ich ein anderer Mensch geworden, wenn ich nicht mit dem Sport begonnen hätte. Beim Basketball wurde ich geschätzt, da habe ich Anerkennung gespürt. Und der Sport hat mich Respekt und Disziplin gelehrt. Wenn ich auf der Straße groß geworden wäre, dann wäre alles ganz anders gekommen.

War Ihre Hautfarbe beim Basketball manchmal ein Problem?

Natürlich gab es manchmal Beschimpfungen vom Gegner. Aber die haben nie auf meine Hautfarbe abgezielt. Das war es ja, was mich so erstaunt hat.

Ist Rassismus denn überhaupt ein Thema im Basketball?

Natürlich kann das eines sein, es kann überall ein Thema sein. Aber ich habe das beim Basketball noch nie erlebt. Im Fußball hingegen schon. Ich habe in München gespielt, war dort auch der einzige Farbige in der Mannschaft, und da gab es dann schon ein paar Sprüche.

Lassen sich mit Hilfe des Sports solche Verletzungen besser oder zumindest anders verkraften?

Vielleicht. Es sind ja alles kleine Niederlagen. Und schon als kleiner Junge bekommt man im Sport beigebracht, dass man wieder aufstehen soll, wenn man geschlagen wurde. Es geht immer weiter. Auch wenn man mal ein Spiel verloren hat.

Kann man nach einer Niederlage einfach so wieder aufstehen?

Es kommt darauf an, was für eine Person jeder Einzelne ist. Viele verkraften das nicht, können tagelang nicht schlafen, weil sie mal ein Spiel verloren haben. Die müssen dann erst einmal mit jemandem darüber reden und hören, dass das Leben eben trotzdem weitergeht.

Wie machen Sie das?

Das ist unterschiedlich. Wenn ich nicht gespielt habe und wir verloren haben, bin ich schon frustriert. Dann gehe ich nach Hause und rufe ein paar Leute an. Dann kommen die ganzen Gedanken hoch: Warum habe ich nicht gespielt? Was mache ich falsch, was muss ich verändern? Hätte mich der Trainer nicht einsetzen müssen? Wenn ich aber gespielt habe und wir verlieren, bin ich zwar auch sauer, aber die Situation ist ganz anders. Ich überlege mir, was ich gut gemacht habe und was ich schlecht gemacht habe. Das ist dann okay.

Unter Trainer Charles Barton waren Sie einer der anerkanntesten Spieler in der Mannschaft. Seit Murat Didin zurück ist, haben Sie es viel schwerer. Wie sehr verletzt so etwas?

Sehr. Gerade als junger Spieler braucht man das Gefühl, gebraucht zu werden, wichtig zu sein für die Mannschaft. Und das ist gesunken in der letzten Zeit. Natürlich ist das schwer für mich, von weit oben nach weit unten zu rutschen. Das verletzt mich. Weil ich weiß, dass ich spielen kann. Weil ich weiß, dass ich der Mannschaft helfen kann. Aber trotzdem schmerzt es, wenn der Trainer einen draußen lässt. Das ist wie ein Stich ins Herz. Es gibt dann Momente, in denen ich an meinem Talent zweifle und überlege, ob ich überhaupt für Basketball geschaffen bin. Das sind mitunter richtige Selbstzweifel, schon morgens beim Aufwachen kommen die. Ich bin erst 23 Jahre alt, und trotzdem denke ich manchmal schon so.

Jetzt wohnen Sie hier in der Nordweststadt auch noch direkt über ihrem Trainer. Ist das manchmal ein Problem?

Ich sehe ihn oft im Aufzug. Wenn wir verlieren, hat er schlechte Laune. Dann redet er gar nicht. Wenn wir gewinnen, redet er mit mir. Ich frage mich wirklich oft, ob er recht hat. In den letzten Jahren, als wir so schlecht gespielt haben, war nicht nur ich allein dafür verantwortlich. Da war nicht nur ich, da war eine ganze Mannschaft auf dem Platz. Ich halte viel von Murat, ich respektiere ihn auch. Es ist nur manchmal schwer, ihn zu verstehen.

Fühlen Sie sich wohl in der Nordweststadt, die ja manch einer wohl als „sozialen Brennpunkt“ bezeichnen würde?

Ja, ich bekomme davon auch nichts mit. Was ich hier erlebe, ist ruhig und friedlich. Ich kann auch abends rausgehen, ohne dass ich Angst haben müsste. Ich habe hier keine Probleme mit irgendjemandem. Nur im ersten Jahr hatte ich ein bisschen Unruhe in mir. Aber auch weil ich mich hier nicht auskannte. Da habe ich immer über die Schulter geschaut, wenn ich nach Hause gegangen bin.

Aber gefährlich ist es dort nicht?

Nee, gar nicht. Ich sehe die Jugendlichen, die an der Tankstelle rumhängen. Aber von denen habe ich noch nie gehört, dass sie Mist bauen. Einige saufen halt am Abend und hängen ab, andere gehen nach Hause und schlafen früh, weil sie eine Zukunft für sich sehen. Die wollen was erreichen.

Was gibt es denn für Sie momentan außer Basketball?

Gerade nicht sehr viel. Ich habe einen Hauptschulabschluss gemacht, bin danach auf die Wirtschaftsschule gegangen und habe eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann abgebrochen. Aber ich würde gern wieder etwas neben dem Sport machen. Man sieht ja gerade wieder, was im Basketball in Deutschland alles passieren kann. Mögliche Insolvenzen, auch Verletzungen - da würde ich mich gern mehr absichern. Aber ich will das auch für mich selbst machen, nicht immer nur zu Hause rumhängen, sondern auch was für meinen Kopf machen. Ich fühle mich noch nicht ausgelastet, irgendwas müsste ich noch machen. Ich möchte mich noch viel wohler fühlen.

Sie sind 2002 als Siebzehnjähriger wegen des Basketballs nach Frankfurt gekommen. Ist es schwer, auch außerhalb des Sports Freunde zu finden?

Anfangs wollte ich gar keine Freunde außerhalb des Basketballs haben. Ich dachte, dass die anderen nur Zeit mit mir verbringen wollten, weil ich ein bisschen bekannt bin. Das ist heute anders. Ich habe Freunde gefunden, auf die ich zählen kann. Und mit denen will ich dann auch oft gar nicht über Basketball reden. Wir sprechen über Welt und Leben, was auch immer.

Gehen Sie abends aus?

Ich würde lügen, wenn ich nein sage. Wir gehen mal ein Bier trinken, mal in einen Club.

Ist da auch die Hautfarbe mal ein Problem?

Ja, das war für mich auch schon ein Problem. Aber nur in München. Letztes Jahr an Weihnachten bin ich in einen Club nicht reingekommen. „Wir können nur zehn Prozent Ausländer reinlassen“, haben die gesagt. Ich konnte das gar nicht glauben. In Frankfurt wurden zwei dunkelhäutige Spieler von uns vor einigen Wochen nicht in einen Club in der Nähe der Europäischen Zentralbank gelassen. Ich denke dann nur: Wow, diese Spiele laufen immer noch.

Was kann man denn dagegen machen?

Das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall sollte jeder so bleiben, wie er ist. Und als solcher muss man akzeptiert werden, dahin muss der Weg gehen.

Sie waren als Sportsoldat für zwei Monate bei der Bundeswehr. Wie war diese Zeit?

Ich habe vorher schon überlegt, ob ich da hingehen soll. Eben weil ich Schwarzer bin. Ich bin dann in die Nähe von Donauwörth. Und natürlich gab es in dieser Zeit Blicke. Aber wenn dich bei der Bundeswehr einer beleidigt, meldet man das, dann ist der andere sofort verschwunden. Aber eigentlich wurde ich sehr gut aufgenommen und hatte zunächst gar keine Probleme. Als ich nach ein paar Wochen aber am Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt bin, nach Hause geschickt wurde und danach in einen anderen Zug mit den normalen Wehrdienstleistenden gekommen bin, musste ich mir schon manches sagen lassen. Etwa: Was hörst du dir denn da für Affenmusik an? Aber inzwischen kann ich mich selbst verteidigen.

Sie hören keinen Rap. Dabei ist doch das die Musik des Antirassismus, oder?

Es kommt auf die Art des Rap an. Aber ich mag halt diese Lieder nicht, wo von „Nigger“ und „Motherfucker“ die Rede ist. Mein Vater hat mich seit jeher von solcher Musik ferngehalten. Deshalb höre ich vor allem R 'n' B oder Soul. Ich mag Lieder, die vom Leben erzählen. Aber ich mag dieses ganze Getue von Gangs, Blut und Rache nicht. Das sind dann nämlich solche Sachen, die die Jugendlichen heute zu dem animieren, was sie machen.

Welche Eindrücke haben Sie von Jugendlichen in Deutschland?

Viele kleine Kinder sagen Ausdrücke, die ich in deren Alter noch gar nicht kannte. Aber die Musik hat sich verändert, vieles wird sicherlich auch vom Fernsehen beeinflusst. Solche Sachen gab es früher noch nicht in der Form, in der es sie heute gibt.

In München haben Ende des vergangenen Jahres ausländische Jugendliche einen Rentner in der U-Bahn zusammengeschlagen. Das wurde kürzlich in Hessen im Landtagswahlkampf immer wieder zur Sprache gebracht. Was haben Sie dabei empfunden?

Ich war schockiert, was da in München passiert ist. Für die Politik ist das ein gefundenes Fressen. Aber man muss das Problem doch viel allgemeiner sehen. Letztlich sind die ausländischen Jugendlichen doch vor allem Jugendliche. Es ist egal, wo die herkommen. Ob das Deutsche, Türken oder Afrikaner sind. Vieles ist doch abhängig von der Erziehung, die sie mitbekommen. Bis zum Alter von 18 Jahren ist es so wichtig, dass die Eltern mitbekommen, was die Jugendlichen machen. Manche merken gar nicht, was ihre Kinder bedrückt. Man kann doch als Politiker nicht sagen, dass man alle kriminellen Jugendlichen abschiebt oder noch viel eher ins Gefängnis steckt. Dann werden sie nur noch straffälliger.

Verletzen Sie selbst auch manchmal?

Manchmal mache ich das auf dem Feld mit Worten. Aber das kommt eher selten vor. Ich habe ja zumeist auch gar keinen Grund dafür.

Das Gespräch führten Leonhard Kazda und Michael Wittershagen.

Quelle: F.A.Z., 01.03.2008, Nr. 52 / Seite 78
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