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WM-Quartier in Tschetschenien : „Grosnyj ist ein Schwarzes Loch“

Treffen in Grosnyj: Ramsan Kadyrow (rechts) und Ägyptens Star Mo Salah. Bild: AFP

Minky Worden ist Direktorin bei Human Rights Watch. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über das WM-Quartier in Tschetschenien und Gianni Infantinos Stadionbesuch unter Männern in Teheran.

          Vier Tage vor der WM in Russland: Hat die Menschenrechtsinitiative der Fifa etwas verändert, oder ist das Schaufensterpolitik?

          Besonders seit die Fifa entschieden hat, die eigene Menschenrechtsstrategie an den UN-Richtlinien für multinationale Konzerne auszurichten, ist interessant, was bei der Fifa passiert. 2010 waren Menschenrechte noch gar kein Thema, jetzt tauchen sie auf der Fifa-Website überall auf. Die Fifa hat ein unabhängiges Menschenrechtsberatergremium. Das ist alles noch nicht perfekt – das Governance Committee wurde anschließend entkernt. Vergangene Woche wurde das Beschwerdeverfahren für Menschenrechtsverteidiger und Journalisten vorgestellt. Das kommt vielleicht ein Jahr zu spät, aber es kommt. Das ist wichtig. Am Mittwoch wird entschieden, wer die WM 2026 bekommt, die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko oder Marokko. Jede Bewerbung wurde auf das Menschenrechtsrisiko und die Menschenrechtsstrategie geprüft. Die Bewerber mussten das vorlegen. Das war teuer und aufwendig – und wurde gemacht. Das ist ein wichtiger Präzedenzfall. Wer auch immer gewinnt, wird das umsetzen müssen. Das verdient Anerkennung.

          Gleichzeitig sagt Fifa-Präsident Gianni Infantino mit Blick auf Russland, er wolle in die Debatte um die Menschenrechtslage dort nicht einsteigen. Der Fifa gehe es nicht darum, alle Probleme der Welt zu lösen, sondern Freude durch Fußball zu bringen.

          Wichtig ist eben nicht nur, dass die Fifa-Angestellten sich an die Arbeit machen. Das muss auch die Führung tun. Dasselbe gilt für das IOC. Entweder das wird von oben umgesetzt, oder es sind eben doch nur Worte auf Papier. Die Fifa-Angestellten haben mehr getan, als bislang sichtbar wurde. Aber um tatsächlich Veränderungen herbeizuführen, müssen sie öffentlich sein – jedenfalls, wenn sich nach zwei Jahren der Arbeit hinter den Kulissen nichts tut. Es gab genügend Zeit, Druck zu machen und das Anti-Homosexuellen-Gesetz zurückzunehmen. Stattdessen hat die Fifa versucht, Russland zu überzeugen, das Gesetz nicht umzusetzen. Wenn das geltende Recht aber Stigmatisierung und Hass gegenüber Schwulen legalisiert, ist es schwierig, wirksame Strategien dagegen zu entwickeln. Homosexuelle Fans und Spieler wollen Rechtssicherheit. Die Fifa arbeitet mit dem Organisationskomitee. Aber das Organisationskomitee ist das Problem. Die Diskriminierung kommt von oben. Also muss die Antwort der Fifa auch von oben kommen.

          In Tschetschenien setzt der von Wladimir Putins Gnaden herrschende Ramsan Kadyrow den Fußball seit langem als Machtinstrument ein. Er hat internationale Stars eingekauft, die zu seinem Vergnügen in Grosnyj angetreten sind. Der haarsträubendste Fakt dieser WM ist die Tatsache, dass die ägyptische Mannschaft ihr Quartier in Grosnyj aufschlägt. Hätte die Fifa eingreifen müssen?

          Die Fifa hat sich in den vergangenen zwei Jahren Menschenrechtsgrundsätze ins eigene Regelwerk schreiben lassen, in Artikel 3 der Fifa-Statuten und den Nichtdiskriminierungsgrundsatz in Artikel 4. Und die Fifa hat sich unter Infantino den UN-Richtlinien verschrieben. Die bestimmen sehr genau, wie man sich in einer solchen Situation verhält. Das sind vier Schritte: due diligence, die sorgfältige Prüfung. Das Monitoring, die Überwachung einer Situation. Drittens: Abhilfe. Viertens: Transparenz hinsichtlich des eigenen Handelns. Offensichtlich hat wohl jemand verpasst, im Internet zu recherchieren, dass Grosnyj ein Schwarzes Loch in Sachen Menschenrechte ist. So ein Gerüst ist hilfreich: Man weiß, was man tun muss. Schwule Männer wurden gefangen gehalten, gefoltert und sind in einigen Fällen schlicht verschwunden. Auf unseren Brief zu den Säuberungen gegen Homosexuelle hat die Fifa reagiert.

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