Home
http://www.faz.net/-gtm-7l5wf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Homosexualität im Frauenfußball Unaufgeregte Küsse vor der Tribüne

Öffentliche homosexuelle Zuneigung ist auch nach dem Coming-out von Hitzlsperger in der Bundesliga undenkbar. Der Frauenfußball lebt mit der Normalität der lesbischen Liebe – zumindest solange des Privatleben nicht in der Öffentlichkeit erscheint.

© dpa Vergrößern Herzzerreißende Geschichten? Die deutsche Nationalmannschaft im vergangenen Sommer während der EM in Schweden

Schlusspfiff eines Spiels in der Frauenfußball-Bundesliga. Die Siegerinnen jubeln, dann trotten einzelne Akteurinnen zur Tribüne. Nur zehn Meter entfernt von den Fernsehkameras, die gerade ein Interview mit einer Spielerin aufnehmen, umarmt eine Mannschaftskameradin ihre Lebensgefährtin, freut sich mit ihr über den Sieg, küsst sie.

Daniel Meuren Folgen:      

Daneben stehen Fans. Sie freuen sich mit dem Pärchen. Eine vergleichbare homosexuelle Zuneigung ist in der Männer-Bundesliga und mit wenigen Ausnahmen bis hinab in tiefste Amateurspielklassen auch nach dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger wohl noch lange undenkbar.

Mehr zum Thema

Der Frauenfußball lebt derweil mit der Normalität der lesbischen Liebe – zumindest solange es nicht um eine Darstellung des Privatlebens in der Öffentlichkeit geht. Dort wurden stattdessen während der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Sommer beispielsweise Geschichten geschrieben und gedreht über Lira Bajramaj und Celia Okoyino da Mbabi, die vor den bevorstehenden Hochzeiten und Namenswechseln zu Lira Alushi und Celia Sasic in Schweden auf der Suche nach geeigneter Hochzeitsmode waren.

Die Beziehungen von Spielerinnen zu Frauen, obwohl sie wohl noch die Mehrzahl der geliebten Wirklichkeit im Nationalteam darstellen, fanden medial nicht statt. Nur eine aktive Spielerin hat sich überhaupt jemals öffentlich zu ihren sexuellen Neigungen geäußert. Torhüterin Nadine Angerer erklärte vor der WM 2011, dass sie offen sei für Männer wie Frauen, dass sie den Menschen liebe und nicht ein Geschlecht. Ursula Holl, die ehemalige Ersatztorfrau, hatte zudem ihre langjährige Freundin im Beisein von Kameras geehelicht. Beide Fälle erregten öffentliches Interesse, aber keine Aufregung.

„Warum hätte ich die Öffentlichkeit suchen sollen?“

„Die Situationen bei Frauen und den Männern sind nicht vergleichbar“, sagt Steffi Jones. „Der öffentliche Druck bei den Männern ist ein ganz anderer.“ Die ehemalige Nationalspielerin und heutige Direktorin Frauenfußball im Deutschen Fußball-Bund (DFB) hat im vergangenen Jahr beim Ball des Sports auf Nachfrage der „Bild“-Zeitung ihre Beziehung zu ihrer Begleiterin öffentlich gemacht.

Kürzlich hat sie angekündigt, dass sie bald eine eingetragene Lebensgemeinschaft eingehen werde. „Ich habe es öffentlich gemacht, weil ich mir bei Nicole sicher war“, sagte Steffi Jones. „In früheren Beziehungen mit Männern oder Frauen zu Zeiten als Spielerin war ich mir doch selbst noch nicht sicher, wie mein Leben verläuft. Warum hätte ich damals also die Öffentlichkeit suchen sollen? Jetzt bin ich 40 und weiß, dass ich mit ihr den Rest meines Lebens verbringen will.“

Carina Holl -Die Ehefrau der Nationaltorhüterin Ursula Holl sieht sich das Spiel Deutschland gegen Frankfreich in der WM-Arena Borussia-Park in Mönchengladbach an und trifft anschließend ihre Frau. © Fricke, Helmut Vergrößern Die frühere Nationaltorhüterin Ursula Holl (rechts) und ihre Frau Carina

Als eine Vorreiterin dafür, „dass sich jetzt alle Mädels outen sollen“, versteht sich die Frankfurterin nicht. „Das ist und bleibt Privatsache jedes Menschen“, sagt Steffi Jones. „Man sollte grundsätzlich keinen Druck ausüben, dass sich jemand outen soll. Ich wollte zudem immer als Sportlerin geschätzt werden und nicht wegen eines Coming-outs.“

Für den weitgehend normalen Umgang mit Homosexualität innerhalb des Frauenfußballs ist auch die Geschichte verantwortlich: Der Sport war nach der Aufhebung des DFB-Verbots im Jahr 1970 zwar nicht betont lesbisch. Aber er bot, da das weibliche Spiel mit dem Ball ohnehin von Vorurteilen belastet war, auch den gesellschaftlich im Abseits stehenden Lesben eine Nische, in der sie akzeptiert wurden.

Berater streuen bei der WM 2011 Gerüchte

Die sexuelle Orientierung spielte weitgehend keine Rolle, da alle Frauen erst einmal in ihrem Kampf um Anerkennung für ihr fußballerisches Treiben geeint waren. Der Anteil homosexueller Spielerinnen war in den achtziger Jahren deutlich höher als im Querschnitt der Gesellschaft. Die ehemalige Bundestrainerin Tina Theune-Meyer nennt in ihrer Diplomarbeit aus den frühen achtziger Jahren einen Anteil von 20 bis 40 Prozent, im Spitzenbereich gar weit über 50 Prozent.

Wenn sich im Frauenfußball jemals jemand wegen seiner sexuellen Orientierung in der Minderheit gefühlt haben sollte, dann damals eher heterosexuelle Spielerinnen. Noch rund um die WM 2011 streute mancher Berater Gerüchte, dass seine heterosexuelle Spielerin schlechtere Chancen hätte. Nach Kenntnis und Einschätzung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung entsprach das aber nie der Wirklichkeit.

Steffi Jones und Nicole Parma © dpa Vergrößern Steffi Jones (links) will mit ihrer Lebensgefährtin Nicole bald eine eingetragene Lebensgemeinschaft eingehen

Problematisch sind derweil Beziehungsprobleme innerhalb von Teams. 2003 musste eine Ersatzspielerin von der WM in den Vereinigten Staaten abreisen, da sie schlechte Stimmung in den Kader des späteren deutschen Weltmeisterteams zu bringen drohte. Angeblich wurde sie von ihrer nicht nominierten Freundin negativ beeinflusst.

Insider warnen wegen ähnlicher Erfahrungen davor, Beziehungen innerhalb eines Teams zumindest dort zu dulden, wo Frauenfußball zum Profisport geworden ist. Trotzdem sind sogenannte Doppelwechsel noch immer selbst bei Spitzenklubs an der Tagesordnung. Dabei nimmt ein Verein nicht nur die Wunschspielerin, sondern auch deren ebenfalls fußballspielende Lebensgefährtin unter Vertrag.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
1:0 gegen Nigeria Deutschland ist Weltmeisterin

Die deutschen Fußball-Juniorinnen schlagen Nigeria im WM-Finale 1:0 nach Verlängerung. Damit sichern die Frauen dem Deutschen Fußball-Bund den zweiten Weltmeistertitel in diesem Jahr. Mehr

25.08.2014, 03:39 Uhr | Sport
US Open „CiCi“ spielt sich in die Geschichtsbücher

Die US Open haben ihre erste Sensation. Die erst 15 Jahre alte Catherine Bellis schlug die an Nummer zwölf gesetzte Dominika Cibulkova in der ersten Runde. Wer ist diese junge Amerikanerin? Mehr

27.08.2014, 12:01 Uhr | Sport
U20-WM der Fußballfrauen Aus dem Vorprogramm ins Finale

Die deutschen Fußballfrauen stehen im Finale der U20-Weltmeisterschaft in Kanada. Gegen Nigeria (Montag, 1 Uhr) kommt es auch auf Torjägerin Pauline Bremer an. Die 18 Jahre alte Stürmerin hat schon reichlich Erfahrung auf großen Bühnen gesammelt. Mehr

24.08.2014, 11:39 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.01.2014, 17:26 Uhr

Umfrage

Wer soll Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Kapitän Khedira?

Von Christian Kamp

Wer wird nach Lahms Rücktritt Kapitän der Fußball-Nationalelf?  Hummels, Müller, Neuer und Khedira kommen in Frage, Schweinsteiger wohl eher nicht. Eine Abwägung vor dem Spiel gegen Argentinien. Mehr 4 2

Ergebnisse, Tabellen und Statistik