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Hintergrund Fitnesstests für die gläsernen Athleten

04.10.2005 ·  Beim Klinsmann-TÜV müssen Nationalspieler mit Übungen zur Ausdauer, zum Sprintvermögen und zur Koordination ihre Fähigkeiten ohne Ball nachweisen. Warum der ganze Aufwand? Die Fitness ist am leichtesten zu verbessern.

Von Frank Heike
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An Tim Meyers Tisch sind noch Plätze frei. Das ist ein kleines Wunder an diesem Vormittag in Hamburg, denn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat zum Medientag eingeladen. Im edlen Literaturhauscafe an der Außenalster drängeln sich 150 Journalisten, um ein paar Sätze mit den Verantwortlichen der Nationalmannschaft zu wechseln. Das lockere Miteinander von Entscheidern und Beschreibern habe sich beim Confederations Cup als gute Alternative zu den täglichen Pressekonferenzen erwiesen, sagt DFB-Sprecher Harald Stenger.

Während Klinsmann, Bierhoff und Löw an ihren Tischen belagert werden, gibt es bei Meyer, dem 37 Jahre alten Internisten des DFB, weniger Andrang. Das hat nichts damit zu tun, daß der sachliche Mediziner weniger von Belang zu sagen hätte. Im Gegenteil, er ist in diesen Tagen ein gesuchter Gesprächspartner, denn Meyer referiert über das Tagesgeschäft: Die Nationalmannschaft hat sich unter der Anleitung von Meyer und der beiden Fitnesstrainer Mark Verstegen und Oliver Schmidtlein zum Test versammelt.

Nationalspieler als Belohnung

Es ist der dritte Klinsmann-TÜV mit Übungen zur Ausdauer, zum Sprintvermögen und zur Koordination nach September 2004 und März 2005. Zwei Tage macht sich das Trainerteam ein genaues Bild vom physiologischen Leistungsstand der Profis. Heraus kommt so etwas wie der gläserne Athlet, oder wie Meyer sagt: "Die Spieler sind vollkommen transparent. Jeder Vereinstrainer kann nach unserer Auswertung alle Daten bekommen." Meyer sagt, daß sich die Zusammenarbeit mit den Bundesliga-Trainern und -Ärzten verbessert habe: "Die Trainer sind offener geworden."

Zunächst haben die Profis in einem Hotel nahe dem Gänsemarkt den sogenannten Functional Movement Screen absolviert, eine Testbatterie, die Beweglichkeit mißt, deren stabilisierende Übungen Verletzungen vorbeugen soll.

Ballfreie Zone Nationalmannschaft

Am nächsten Morgen bei strahlender Sonne folgt auf einem Platz im Hamburger Nordwesten der "Illinois Agility Test": Fünf Sprints à dreißig Meter sind über einen speziellen Parcours zu absolvieren. Dreißig Meter und weniger sind die häufigsten Sprintdistanzen im Fußball. Schnelligkeit und Wendigkeit werden gemessen. Neun Mitarbeiter Meyers von der Universität Saarbrücken nehmen die Daten. Es sind Doktoranden und Diplomanden, für die die Arbeit mit den Nationalspielern eine Belohnung sei. Warum der ganze Aufwand? Meyer sagt: "Die Fitness ist am leichtesten zu verbessern." Es seien nur fünf bis sechs anstrengende Minuten. Der beste und der schlechteste Sprinter im DFB-Dreß lägen etwa drei Zehntelsekunden auseinander.

Namen nennt er im Gespräch nicht, natürlich nicht, nur soviel: "Wenn ich jemanden nicht für fit hielte, würde ich es Jürgen Klinsmann sagen." Die Spieler nähmen die Tests gelassen, sagt Meyer, "sie haben sich daran gewöhnt, daß getestet wird. Und sie haben auch Zeit, sich darauf einzustellen, denn jeder kennt die Termine. Es wird nicht rumgestöhnt." Am Nachmittag und am nächsten Morgen wurde weiter getestet: ballfreie Zone Nationalmannschaft.

Von zwei Spielen wird keiner krank

Meyer weiß, daß in Norwegen, Dänemark, Frankreich, Spanien und England ähnliche Übungen mit den Nationalspielern gemacht werden, in Skandinavien auch in den Vereinen. Er selbst kannte den "Illinois Agility Test" bis zum vergangenen Jahr nur aus der Literatur. Im September 2004 hat er ihn angeleitet von Verstegen dann zum ersten Mal gesehen.

Ein bißchen gewundert hat sich der seit 2002 für den DFB tätige Internist über die zuletzt geführte Klage einiger Bundesligatrainer wie Doll und Völler. Zwei Spiele innerhalb von drei Tagen, das sei sicher nicht optimal, sagt Meyer, aber davon werde keiner krank. "Da sollte niemand ins Jammern verfallen", sagt er. Entscheidend sei seiner Meinung nach, die Belastbarkeit der Profis hochzuschrauben.

„Alle Nahrungsergänzungsmittel getestet“

Auch durch gute Ernährung. Immer wieder kämen Nationalspieler zu ihm und fragten nach sportgerechter Nahrung. Die häufigste Frage sei, welche Zusatzprodukte sinnvoll und sicher seien. Meyer sagt: "Wir haben alle Nahrungsergänzungsmittel, die wir anbieten, auf Einzelbasis getestet, jede einzelne Charge. Mehr geht nicht." Illusionen macht sich der DFB-Internist in Sachen Ernährung aber nicht: "Wenn wir gerade gewonnen haben, muß ich nicht mit Kohlehydratriegeln kommen." Meyer hat selbst gespielt, er weiß, daß die "Fußballer-Ernährung" nicht immer die beste ist.

Quelle: F.A.Z. vom 5. Oktober 2005
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