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Hillsborough Die späte Wahrheit

 ·  Es ist das schlimmste Unglück der britischen Fußballgeschichte: In Sheffield sterben am 15. April 1989 96 Menschen nach einer Massenpanik. 23 Jahre später enthüllt eine unabhängige Untersuchungskommission das volle Ausmaß der Vertuschungsmanöver der Polizei.

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© dapd In Gedanken bei den Opfern: Viele Menschen erinnern 23 Jahre später an das Unglück

23 Jahre nach dem schlimmsten Unglück der britischen Fußballgeschichte stellt sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass die ganze Wahrheit über die Kette des Versagens und der Verschleierungen an jenem verhängnisvollen Samstag im Hillsborough Stadion von Sheffield so lange unterdrückt wurde und sind institutionelle Fehler dafür verantwortlich?

Eine erste Untersuchung der bestürzenden Umstände, die beim Halbfinalspiel um den FA-Pokal zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest auf den überfüllten Stehrängen den Tod von 96 Liverpool-Anhängern zur Folge hatten, befand bereits 1990, dass die Katastrophe vor allem auf Organisationsfehler der Polizei zurückzuführen sei. Sie hatte durch die Öffnung eines Tores zu vielen Zuschauern Zugang zum Stadion verschafft. Nach dem Anpfiff strömten die Liverpool-Fans immer noch auf die für sie vorgesehenen Tribünen, wo sie hinter Gittern eingepfercht waren wie Vieh. Es brach Panik aus. Die Menschen wurden gegen die Zäune gepresst oder niedergetrampelt.

Niemand wurde zur Rechenschaft gezogen

Trotz der Kritik wurde damals niemand zur Rechenschaft gezogen. In einer Zeit, da das rowdyhafte Benehmen britischer Fußballfans ständig in den Schlagzeilen war, beschuldigte die Polizei sogar vermeintlich trunkene, gewalttätige und kartenlose Liverpool-Anhänger das Unglück verursacht zu haben. Die Hinterbliebenen haben den gerichtsmedizinischen Befund - „Tod durch Unfall“ - nie akzeptiert und kämpfen seit dem Unglück um die Wahrheit. In dieser Woche hat der von einer unabhängigen Untersuchungskommission unter dem Vorsitz des anglikanischen Bischofs von Liverpool endlich das volle Ausmaß der Vertuschungsmanöver der Polizei enthüllt, die zur eigenen Entlastung nicht nur Aussagen manipulierte, sondern auch eine gezielte Verleumdungskampagne gegen die Liverpool-Anhänger lancierte.

Wie sich nach der Sichtung von 450.000 Dokumenten herausstellte, hat die Polizei von Süd-Yorkshire 116 von 164 Aussagen verändert, um die Kritik der Zeugen zu entschärfen. Zudem hat sie durch eine Nachrichtenagentur in Sheffield und den damaligen konservativen Abgeordneten Sir Irvine Patnick Falschinformationen verbreiten lassen, um die Fans anzuschwärzen. Bei der „Sun“ stießen diese Bemühungen auf fruchtbaren Boden. Das Massenblatt veröffentlichte vier Tage nach dem Unglück unter der Schlagzeile „Die Wahrheit“ einen umstrittenen Bericht, wonach Fans die Toten ausgeraubt, die „mutigen“ Polizisten angepinkelt und diese dabei behindert hätten, erste Hilfe zu leisten.

Darüber hinaus hat die unabhängige Untersuchungskommission Mängel bei der gerichtlichen Untersuchung der Todesursache ermittelt. Indem der Gerichtsmediziner die Todeszeit strikt auf 15.15 Uhr festlegte, konnten keine Beweismaterialien über potentielle Rettungsmöglichkeiten nach dieser Frist berücksichtigt werden. Anne Williams, die Mutter eines fünfzehn Jahre alten Jungen, der um 15.28 Uhr auf einer improvisierten Tragbahre aus dem Gewühl geborgen wurde und noch Lebenszeichen von sich gab, gehört zu denen, die darauf hinwirkten, dass die offizielle Todesursache nicht „Tod durch Unfall“, sondern „fahrlässige Tötung“ lautet.

Die erschütternden Befunde des 395 Seiten umfassenden Berichts haben den britischen Premierminister David Cameron zu einer Erklärung im Parlament veranlasst, nach der Art der Entschuldigung für das Vorgehen der britischen Fallschirmjäger im nordirischen Londonderry am „Blutigen Sonntag“ des Jahres 1972. Im Lichte der neuen Belege sei es richtig, dass er sich als Premierminister im Namen der Regierung und des Landes angemessen bei den Angehörigen der 96 Opfer für alles entschuldige, was sie in den letzten Jahren erlitten hätten, verkündete Cameron vor der nach dem üblichen Tumult der parlamentarischen Fragestunde in andächtige Stille verfallenen Kammer. Den Hinterbliebenen sei ein doppeltes Unrecht widerfahren: zum einen das Versagen des Staates, ihre Angehörigen zu schützen, und das unvertretbare Warten auf die Wahrheit; zum anderen „das Unrecht der Verunglimpfung der Toten - dass sie irgendwie selber Schuld gewesen seien an ihrem eigenen Tod“.

„Die Lügen“, statt „Die Wahrheiten“

Neben dem Premierminister haben sich mehrere Akteure der Kampagne beeilt, verspätete Entschuldigungen vorzutragen: Kelvin Mackenzie, der damalige Chefredakteur der „Sun“, gestand, die Schlagzeile hätte „Die Lügen“, statt „Die Wahrheit“ heißen müssen, er habe jedoch in gutem Glauben gehandelt. Ähnliches behauptete Sir Irvine Patnick. Auch Londons sich noch im Olympia-Jubel sonnender Bürgermeister Boris Johnson, der als Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Spectator“ einen kritischen Bericht veröffentlicht hatte, leistete Abbitte.

Zusätzlich zu einer strafrechtlichen Untersuchung wird auch eine neue gerichtliche Untersuchung der Todesursache erwägt. Bei einigen Beteiligten, wie dem ehemaligen Abgeordneten Patnick, wird die Aberkennung von Ehrentiteln gefordert. Darüber hinaus wurde eine heftige Debatte entfacht über das damalige Verhältnis von Regierung und Polizei insbesondere vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen mit der Bergarbeitergewerkschaft, bei der die Polizei von Süd-Yorkshire stark im Einsatz war. Manche Kritiker, wie der ehemalige Labour-Minister Jack Straw, behaupten, diese Verstrickung habe dazu geführt, dass die Wahrheit so lange vertuscht wurde.

Die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher hatte von der Kritik an den Sicherheitskräften nichts wissen wollen. „Was wollen wir mit der Bemerkung, wir begrüßen den Grundtenor des Berichts?“, hatte sie an den Rand eines Memorandums über die erste Untersuchung des Unglücks geschrieben. „Der Grundtenor ist vernichtende Kritik an der Polizei. Müssen wir das begrüßen?“

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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