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Hans Meyer im Interview „Klinsmanns Übungen haben wir schon 1969 gemacht“

19.11.2005 ·  Bundesliga-Trainer Hans Meyer spricht im F.A.Z.-Gespräch über Schein und Sein, Neues und Altes im Fußball sowie die Chancen seines neuen Vereins 1. FC Nürnberg im Abstiegskampf der ersten Liga.

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Bundesliga-Trainer Hans Meyer im F.A.Z.-Gespräch über Schein und Sein, Neues und Altes im Fußball sowie die Chancen seines neuen Vereins 1. FC Nürnberg im Abstiegskampf. An diesem Samstag tritt der „Club“ in der ersten Partie unter der Anleitung von Meyer beim 1. FC Kaiserslautern an (FAZ.NET-Liveticker).

2001 haben Sie angekündigt, 2002 aufzuhören. Im Sommer 2004 quittierten Sie bei Hertha tatsächlich den Dienst, obwohl Sie gebeten wurden, als Trainer weiterzumachen. Warum rudern Sie schon wieder zurück?

Es gibt Lebenssituationen, in denen sich feste Ansichten ändern. Stellen Sie sich vor, Sie entschließen sich, Ihre Karriere als Journalist aufzugeben und Ihr Leben nur noch mit Ihrer Familie im Garten zu verbringen. Und plötzlich haut Ihre Frau ab. Sie glauben, Sie müßten Selbstmord begehen, wenn Sie alleine zu Hause hocken bleiben. Dann pfeifen Sie doch auf Ihr dummes Geschwätz von vor zwei Jahren und fangen wieder an.

Das klingt dramatisch.

Ja, aber ich bin der Meinung, daß nicht jeder wissen muß, warum ich etwas tue oder nicht. Ich bin keinem Rechenschaft schuldig. Deshalb habe ich bei der Vorstellung in Nürnberg gesagt: Den wahren Grund nenne ich euch nicht, und habe sechs spaßige Möglichkeiten genannt, mit dem Hinweis: Sucht euch eine aus.

Warum ausgerechnet Nürnberg?

Die Nürnberger waren die ersten, die von meiner neuen Lage erfahren hatten. Über den Hertha-Manager Dieter Hoeneß. Er und der Nürnberger Manager Bader kennen sich aus gemeinsamen Zeiten bei der Hertha. Hoeneß wußte auch als einziger, daß Theo Zwanziger versucht hat, den Hans Meyer zu überreden, eine Funktion beim DFB zu übernehmen. Alle anderen glaubten, wenn der großartige Mensch Meyer was sagt, gilt das für Jahrhunderte.

Waren Sie überrascht, in Nürnberg einen Teppich als Einstandsgeschenk zu erhalten?

Nein, ich bin doch gut informiert. Die Mannschaft kannte ich zwar überhaupt nicht, aber ich wußte, daß Präsident Roth Teppichhändler ist. Ich wäre überrascht gewesen, wenn ich keinen Teppich bekommen hätte.

Sie übernahmen Gladbach und Hertha, als die Teams weit unter ihren Möglichkeiten spielten. Ist auch das Potential des „Clubs“ so viel besser als der Tabellenplatz, so daß Sie gar nicht viel falsch machen können?

Ich kann diese problematische Frage nicht beantworten, weil ich nicht weiß, um wieviel die Nürnberger Erwartungen ihren Möglichkeiten vorausmarschiert sind. Aus der Ferne habe ich den Eindruck, daß die Nürnberger im Moment vier, fünf Punkte mehr haben könnten. Als ich die Hertha übernahm, lag sie 13, 14 Punkte hinter den Erwartungen zurück - das ist ein Unterschied. Wenn man mich vor der Saison gefragt hätte, hätte ich gesagt, der „Club“ ist mitten im Kreis der Abstiegskandidaten. Ich sage das nicht, weil ich ein schlauer Fuchs bin und um es mir leichter zu machen.

Können Sie nach Ihrem ersten Eindruck sagen, ob die Mannschaft die Klasse hält?

Ich möchte meinen Eindruck nicht schildern, weil in den Medien viele Dinge auf unglaubliche Weise überinterpretiert werden. Es gibt nur noch Titanen und Versager. Aber im Fußball ist es wie im Leben: Da gibt es unheimlich viele Nuancen dazwischen. Erst am Freitag konnte ich das erste Mal mit dem kompletten Kader trainieren, wie sollte ich da jetzt ein seriöses Urteil fällen? Aber ich kann nicht erkennen, warum nicht drei Mannschaften am Saisonende hinter Nürnberg stehen sollten, andere haben auch nicht mehr Potential. Der „Club“ liegt vier Punkte hinter Platz 15 zurück, das ist im Moment nicht schlimm, kann sich allerdings noch zur Katastrophe ausweiten.

Sie haben Ihren Vorgänger Wolfgang Wolf getroffen: Was haben Sie mit ihm besprochen?

Wir haben bei einem netten Italiener gegessen und haben uns ausgetauscht. Das habe ich mit allen Trainern gemacht, die mir nachgefolgt sind. Für mich ist es das Normalste auf der Welt, als gutbezahlter Angestellter des Vereins meinem Nachfolger Hinweise zu geben, um Dinge schneller zu durchschauen. Wolf, der gute Arbeit geleistet hat, denkt wie ich. Es war klar, daß wir uns treffen würden.

Quält es Sie, daß es keine guten und schlechten Trainer mehr gibt, sondern nur noch Trainer, die gewinnen oder verlieren?

Gute Trainer und gewinnen ist ja kein Widerspruch. Wenn es mir gelingt, in eine Mannschaft Ordnung reinzubringen, ihr eine aktive Spielweise mit Kraft und Mut vermittele, dann weiß ich, die Leute nehmen das dankbar an, weil es Fußball wie in England attraktiver macht. Laufschnelligkeit und - noch wichtiger - gedankliche Schnelligkeit imponieren den Zuschauern. Wenn ich so spielen lasse, dann aber nicht, weil die Zuschauer es schön finden, sondern weil ich glaube, daß wir dadurch erfolgreicher sind. Selbst ein unattraktives Spiel, das Otto Rehhagel untergejubelt wurde, ist legitim, wenn es zur Mannschaft paßt, wie es bei den Griechen während der EM 2004 der Fall war. Ob es zur Richtlinie der Jugendarbeit werden sollte, ist eine andere Frage. Da ist mir das Beispiel Belgien schon lieber, wo mein Enkel mit elf Jahren Fußball spielt. Dort gibt es keine Tabellen und keine Absteiger und deshalb keine dicken Jungs, die Ausputzer spielen und alles weghauen, was ihnen entgegenläuft.

Sie kritisieren einerseits leidenschaftlich den Fußball, andererseits sprechen Sie voller Begeisterung über ihn: Bereiten Ihnen die Mißstände keinen Frust?

Es gibt keinen Grund, mit meiner Karriere unzufrieden zu sein, obwohl ich nie einen Titel gewonnen habe. Ich bin sehr dankbar, in dem herrlichen Sport arbeiten zu können. Mit jeder Mannschaft in den 33 Jahren habe ich Spaß gehabt, zugegeben nicht in jeder Phase. Ich gehe immer noch unheimlich gerne in die Stadien, viele Facetten des Fußballs begeistern mich noch immer. Ich bin nur ein bißchen frustriert, weil die Nachwuchsarbeit immer noch auf einem völlig falschen Weg ist.

Wieso?

Fußball wird oft nicht mehr durch fußballspezifische Spielformen gelehrt. Fußballfremde junge Leute aus der Leichtathletik und der allgemeinen Trainingslehre werfen dem deutschen Fußball vor, nicht wissenschaftlich genug zu sein. Aber was läßt sich im Fußball denn überhaupt wissenschaftlich erfassen? Höchstens zehn Prozent, wenn es um Ausdauer und Kondition geht. Relevant sind andere Dinge. Die Erfahrungen, die wir im DDR-Leistungsfußball gemacht haben und mit denen wir auf die Schnauze gefallen sind, müssen wir in Gesamtdeutschland nicht wiederholen, nur weil sich Wissenschaftler in den Vordergrund rücken wollen.

Dann halten Sie Klinsmanns neue Methoden bei der Nationalmannschaft nicht für wirkungsvoll?

Neu? Koordinationsübungen, Laufen gegen Widerstände, das haben wir 1969 in Jena schon gemacht. Lachen Sie nicht, das kann ich belegen, die Unterlagen besitze ich noch. Wir haben auch schon drei Masseure gehabt. Jürgen Klinsmann hat total recht, wenn er durch Individualisierung des Trainings Reserven herausholen möchte. Er kann bei dem einen oder anderen Spieler die Fitneß verbessern, die Trainingsstände sind unterschiedlich. Aber das grundsätzliche Problem ist nicht die Athletik, sondern ein taktisches. Wir entwickeln Spieler, die die Spielsituation zu spät erkennen, zu langsam denken. Es ist im deutschen Fußball der völlig falsche Ansatz, alles zu verwissenschaftlichen. Nur die allgemeine Athletik ist überhaupt wissenschaftlich faßbar. Wenn behauptet wird, in Holland und England würde besser Fußball gespielt wegen der höheren Wissenschaftlichkeit, dann ist das Unsinn. Ich war in Holland, die sind auf diesem Gebiet blind, da sind wir viel wissenschaftlicher. Aber sie haben Praktiker, die den jungen Leuten das Fußballspielen beibringen können. Und in England wird nicht mehr trainiert, wie manche behaupten, sondern weniger als bei uns, weil sie noch mehr Wettkämpfe haben.

Ist es heutzutage wichtiger, durch geschicktes Auftreten von den Spielern und der Presse respektiert zu werden, als durch gute Arbeit die Qualität der Mannschaft zu verbessern?

Nein, ich behaupte, der zweite Aspekt ist immer noch der wichtigste. Mein Auftreten gegenüber der Boulevardpresse in Mönchengladbach ist drei Jahre lang kritisiert worden, ich wurde auf ganz üble Weise angefeindet. Und dennoch hatte ich das Gefühl, von Präsidium und Fans anerkannt zu werden.

Wird der Einfluß der Trainer gemeinhin über- oder unterschätzt?

In der Regel wird er überschätzt. Ich kenne wenige Trainer, die aus Scheiße Butter machen können. Doch acht bis zwölf Prozent der Arbeit, dort, wo ein direkter Einfluß besteht, kann ein Trainer besser oder schlechter machen. Und diese acht bis zwölf Prozent können manchmal viel bewirken. Aber ich gebe zu, manchmal paßt es auch einfach menschlich nicht. Rinus Michels war sicher ein Welttrainer, aber er kam in Leverkusen einfach nicht zurecht.

Sie waren einer der erfolgreichsten und beliebtesten Vereinstrainer der DDR. Trauern Sie manchmal den guten alten Zeiten ohne Mediendruck und mit gehorsamen, leistungswilligen Spielern nach?

Gar nicht, das hieße ja, heute wären die Profis nicht leistungswillig. Wenn Sie sich ein Training bei uns in Nürnberg ansehen würden, würden Sie die Frage hinterher nicht stellen.

Die Klagen über Wohlstandsjünglinge und schlechte Manieren werden immer wieder von Trainern, unter anderem von Berti Vogts und Jupp Heynckes, geführt.

Wohlstandsjünglinge gibt es natürlich überall. Heynckes meinte das anders, als er die spanischen Profis hervorhob. Dort gibt es einfach ungeschriebene Gesetze, die die Profis demütiger sein lassen: im Umgang mit den Vereinsangestellten, die Achtung vor den Masseuren und so weiter. In Deutschland verkraften die jungen Männer den Reichtum schwerer, auch weil sie keine klare Ansage kriegen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit danebenbenehmen. Sie bekommen es sogar vorgelebt von einigen Stars oder ehemaligen Stars, die sich unglaublich respektlos über andere äußern.

Erreichen Sie noch die Spieler, ist mit 63 Jahren nicht ein Generationskonflikt programmiert?

Ich hatte bei der Hertha nicht das Gefühl, daß die Spieler aufstöhnten, als der alte Knacker in die Kabine reinkam, und erleichtert waren, als der schon etwas muffig Riechende endlich weg war. Solange es noch so ist, werde ich weitermachen.

Das Gespräch führte Peter Heß.

Quelle: F.A.Z. vom 19. November 2005
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