Der Neue zeigte sich von seiner besten Seite und lobte erst einmal die Untergebenen: "Die Mannschaft hat das Potential, die Klasse zu halten." Was sollte Ewald Lienen auch anderes sagen als Mutmachendes?
Er habe unbedingt zurück in die Bundesliga gewollt, erklärte Lienen am Dienstag nachmittag bei seiner Vorstellung als neuer Trainer von Hannover 96. Es sei gleichermaßen Ehre und Herausforderung, den Job anzunehmen, auch wenn er nicht restlos glücklich mit der Situation sei: "Es wäre besser, vor Beginn einer Saison den Posten zu übernehmen, als jetzt die Karre aus dem Dreck zu ziehen." Lienen erhält in Hannover einen Vertrag bis 2006. Martin Kind, der Vorstandsvorsitzende von Hannover 96, begründete seine Wahl so: "Er kennt unsere Mannschaft aus der Liga, und er hat im Kampf um den Klassenverbleib mit Gladbach schon Erfolg gehabt." Nach der Vorstellung trainierte Lienen am frühen Abend gleich das erste Mal mit der neuen Mannschaft. Er wolle ihr Selbstbewußtsein zurückgeben und Spannung aufbauen, sagte er.
Kreis der Kandidaten wurde immer kleiner
Der 50 Jahre alte Westfale bringt seinen Assistenten gleich mit - es ist der ehemalige Nationalspieler Michael Frontzeck. Frontzeck war schon bei Lienens letztem Arbeitgeber Borussia Mönchengladbach Co-Trainer gewesen; bei seinem Stammverein als Spieler hatte sich Lienen nur ein halbes Jahr gehalten, die "Fohlen" zwar zunächst vor dem Anstieg gerettet, war dann aber im September 2003 nach schleichendem Ansehensverlust im Team entlassen worden. Pikanterweise nach einer Niederlage in Hannover. Lienen trainierte zuvor den MSV Duisburg, Hansa Rostock und den 1. FC Köln, den er in die Bundesliga führte.
Der Kreis der Kandidaten bei "96" war zuletzt immer kleiner geworden. Der Favorit Erik Gerets sowie Huub Stevens wollten nicht, und der favorisierte Friedhelm Funkel handelte selbst nach den wenig kleinlichen Maßstäben von Hannover 96 unmoralisch, als er sich beim DSF-"Stammtisch" am Sonntag morgen als neuer Trainer anbot. Das war rund zwei Stunden vor der Pressekonferenz, in der Kind die Trennung von Ralf Rangnick bekanntgab. Funkel war ausgeschieden, nicht zuletzt deswegen, weil er bei den Fans einen schweren Stand gehabt hätte. Zu ihm nahm Hannover 96 keinen Kontakt mehr auf.
Moar geht am Saisonende
So verhandelte der abstiegsbedrohte niedersächsische Verein am Montag abermals abend mit Lienen. Kind hatte schon am vergangenen Mittwoch am Firmensitz von "Kind Hörgeräte" in Großburgwedel ein "Kennenlerngespräch" mit Lienen geführt. Die Zeit drängte - das wegweisende Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern am Samstag steht vor der Tür. Bei den Unterredungen mit Lienen soll der spanische Sportdirektor Ricardo Moar dem Vernehmen nach nur noch am Rande beteiligt gewesen sein. Es gilt in Hannover als sicher, daß Moar seinen bis 2005 datierten Job zum Saisonende verliert.
Lienen steht in Hannover vor der Aufgabe, eine nach zuletzt fünf Spielen ohne Sieg verunsicherte Mannschaft vor allem defensiv stabiler aufzustellen. Hannover 96 hat die meisten Gegentore der Bundesliga. Daran haben auch die fünf Nachverpflichtungen der Winterpause nichts geändert. Rangnick hatte zuletzt gesagt, Hauptgrund für den steten Niedergang nach dem guten Saisonstart seien die fehlenden Stammkräfte Altin Lala (Schambeinverletzung) und Jan Simak (Erschöpfungssyndrom).
Rangnick wird Gerüchten zufolge mit dem SC Freiburg in Verbindung gebracht: Mancher will gehört haben, daß er dort zur nächsten Saison Nachfolger des Fußball-Lehrers Volker Finke werden soll, der dafür den Posten des Managers übernehme.