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Hamburger SV Die Mini-Beckhams

 ·  Der niederländische Nationalspieler Rafael van der Vaart und seine Frau Sylvie elektrisieren Hamburg. Der Rückkehrer soll den HSV aus der Krise führen - und zwar am besten sofort.

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© dpa Hamburg im Ausnahmezustand: Silvie und Rafael van der Vaart

Ein ungemütlicher Vormittag in Hamburg, kalter Wind pfeift über den Trainingsplatz vor der Arena, Regen tröpfelt auf den Rasen, und trotzdem drängeln sich wieder Hunderte Fans an den Zaun. Der Star ist zurück beim HSV, und sie wollen ihn sehen. „Schau dir das mal an, das ist doch unglaublich“, sagt ein alter Mann mit Hut und zeigt auf den Platz. Rafael van der Vaart nimmt den Ball an, er schaut kurz nach oben, dreht sich und trifft aus zwanzig Metern direkt in den Winkel.

Applaus, staunende Blicke, so etwas haben sie hier schon lange nicht mehr erlebt. Alles sieht ganz leicht aus in diesem Moment, als wäre Fußball ein Kinderspiel. Die Verpflichtung des Niederländers am letzten Tag der Transferperiode Ende August ist eine der spektakulärsten Rückholaktionen in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Eine Stadt ist seitdem in heller Begeisterung, ein Verein im Fieber. „Die Leute erwarten viel. Aber das ist schön, das gehört dazu. Damit muss man leben“, sagt van der Vaart.

Nicht einmal zwei Wochen hat er gebraucht, und schon ist der Neunundzwanzigjährige wieder der Mittelpunkt der Mannschaft. An diesem Sonntag (Anstoß: 17.30 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker) läuft er bei Eintracht Frankfurt erstmals seit vier Jahren wieder für den HSV auf, und sie hoffen, dass er den Verein sofort aus der Krise herausführen wird. „Rafael hat unglaubliche fußballerische Fähigkeiten, er ist eine Persönlichkeit. Andere orientieren sich an ihm“, sagt HSV-Torhüter René Adler.

Hamburg im Ausnahmezustand

Platz fünfzehn nach zwei Spieltagen, punkt- und torlos - in Hamburg denken viele seit Jahren, dass der Verein eigentlich in eine andere Liga gehört, dass er sich mit den Besten Europas messen muss. Nun stimmt zumindest der Glitzer- und Glamourfaktor wieder. Mit Rafael van der Vaart kommt seine fünf Jahre ältere Frau Sylvie zurück in die Liga - und gehört fortan wieder zu ihren schönsten Gesichtern. Zusammen gelten sie als die „Mini-Beckhams“ - nicht ganz so bekannt wie das Original, dafür aber auch nicht so abgehoben.

Hamburg erlebt den Ausnahmezustand. Das Trikot mit der Nummer 23 und dem Namen „van der Vaart“ auf dem Rücken wurde bisher 5000 Mal verkauft, die Leibchen der anderen Spieler wollten seit Saisonbeginn zusammen nur rund 9500 Anhänger haben. Zum ersten Testspiel mit dem Niederländer beim Sechstligaklub SC Schwarzenbek kamen 2500 Zuschauer und sieben Kamerateams, kurz vor dem Anpfiff mussten noch neue Ordner organisiert werden. Ungefähr 200 Interviewanfragen sind beim HSV eingegangen, darunter nicht nur Sportzeitungen, sondern auch Lifestyle- und Modemagazine.

Als van der Vaart in dieser Woche nach dem Training mit seinem sechsjährigen Sohn Damian noch ein bisschen spielte, da waren die Fotos davon am Tag danach in der „Bild“-Zeitung. Alle bekannten Makler der Stadt und einige Privatleute haben sich beim HSV gemeldet und boten den van der Vaarts eine Wohnung an. Inzwischen haben sie sich entschieden, in vier bis sechs Wochen ziehen sie wieder ins schicke Eppendorf. 400 Quadratmeter soll das Anwesen groß sein, es liegt mitten in der Stadt. „Wir wollen es schön gemütlich haben, wie eine ganz normale Familie“, sagt Sylvie van der Vaart.

Für Hamburg sind sie eine Attraktion: der Fußballer und das Model. „Wir spüren hier diese Wärme, nicht nur im Verein, in der ganzen Stadt“, sagt van der Vaart. „Die Leute lieben uns - und das ist immer gut.“ Es war Liebe auf den ersten Blick. Nachdem der Regisseur 2005 von Ajax Amsterdam verpflichtet worden ist, verzückte er mit seiner Leichtigkeit und Raffinesse schnell die Anhänger und wurde zu einem der besten Profis der Liga. Seine Frau machte ebenfalls Karriere und wurde von RTL entdeckt. Ein Paar, das die Öffentlichkeit nicht scheut, das sich scheinbar federleicht auf dem öffentlichen Parkett bewegt.

In dieser Woche standen sie beim „Tag der Legenden“ im Blitzlicht und stahlen Lothar Matthäus und sogar Thomas Gottschalk die Schau. Der Boulevard liebt die van der Vaarts. Bei der Hochzeit der beiden im Juni 2005 waren rund 1,4 Millionen Niederländer dabei. Das Paar hatte die Übertragungsrechte zuvor an einen Fernsehsender verkauft. Vier Jahre später scheute sich Sylvie van der Vaart nicht, öffentlich über ihre Brustkrebserkrankung zu sprechen.

HSV kämpfte zwei Jahre

Amsterdam, Madrid, London - die van der Vaarts haben in einigen der schönsten Städte Europas gelebt, und trotzdem zieht es sie nun in den Norden der Republik zurück. „Ich als Hamburger kann sehr gut verstehen, dass sie sich hier wohl fühlen“, sagt Carl-Edgar Jarchow. Der Siebenundfünfzigjährige war einmal für die FDP in der Hamburger Bürgerschaft, seit eineinhalb Jahren ist er Vorstandsvorsitzender des HSV. Jarchow sitzt auf einem schwarzen Ledersofa, er legt die Beine hoch, er ist zufrieden: „Mir war immer klar: Wenn ein Spieler überhaupt sofort für einen Stimmungsumschwung sorgen kann, dann ist das Rafael.“

Seit zwei Jahren, seit van der Vaart von Real Madrid zu Tottenham Hotspur gewechselt ist, kämpfte der Verein um diese Rückkehr. Und stets war damit der Name Klaus-Michael Kühne verbunden. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ führt den Fünfundsiebzigjährigen auf Platz 98 der reichsten Menschen der Welt und schätzt sein Vermögen auf 7,8 Milliarden Euro. Ohne Kühne wäre van der Vaart nicht zurückgekommen zum HSV.

12,5 Millionen Euro Ablöse, geschätzt 3,5 Millionen Jahresgehalt - zu viel Geld, das war auch den Verantwortlichen im Klub bewusst. Erst 2015 läuft der Vertrag mit dem Vermarkter „Sportfive“ aus, die Rückzahlung des Stadionkredits endet 2017, die finanziellen Möglichkeiten sind deshalb begrenzt. Kühne übernahm 8 Millionen des Transfers, ab 2016 beginnt der HSV mit der Rückzahlung dieses Darlehens, der Zinssatz soll unter fünf Prozent liegen. „Ich bin Kaufmann, Sponsor und HSV-Fan. Ich habe immer davon geträumt, Rafael wieder nach Hamburg zu holen“, sagt Kühne, der mit einem Logistik-Unternehmen zu einem reichen Mann geworden ist.

Allerdings ging es ihm nicht schnell genug, immer wieder warf er dem HSV vor, zu passiv zu sein. „Das ist nicht richtig“, sagt Jarchow. „Aber ein Milliardär hat ein anderes Verhältnis zu zwei oder drei Millionen als wir.“ Die Verpflichtung von van der Vaart war ein Kraftakt - und natürlich ist mit einem Transfer dieser Größenordnung auch ein Risiko verbunden. Kritiker glauben, der HSV hat damit einen Tabubruch begangen, sich abhängig gemacht. Doch Jarchow sagt: „Wir haben Herrn van der Vaart nicht verpflichtet, weil es der Wunsch von Herrn Kühne war.“

Wie zuletzt bei Keegan oder Seeler

Donnerstagnachmittag in der Arena. Drei Tage vor dem Spiel gegen die Eintracht gibt van der Vaart eine eigene Pressekonferenz. Er hat einen feinen Bart und einen unschuldigen Gesichtsausdruck, einige nennen ihn „der kleine Engel“. Er kennt das Leben im Rampenlicht. Mit 15 unterschrieb van der Vaart seinen ersten Profivertrag bei Ajax Amsterdam, mit 17 debütierte er in der Ehrendivision, mit 18 in der niederländischen Nationalmannschaft. Er war 21, als in seiner Heimat die erste Biographie über ihn erschien: „Rafael Ferdinand van der Vaart. Fenomeen“. Nun soll er wieder zeigen, was er kann. „Ich werde alles aus mir herausholen und immer versuchen, vorneweg zu gehen. Das verspreche ich“, sagt er. Van der Vaart spricht dieses Deutsch-Holländisch, das immer ein bisschen witzig und doch sympathisch klingt.

Selten konnte sich die Fangemeinde in Hamburg so sehr für einen Spieler begeistern, zuletzt hat man dies nur bei Größen wie Kevin Keegan und Uwe Seeler erlebt. Bei Spielern, die zu Idolen ihrer Zeit geworden sind. „Ich will das gar nicht vergleichen“, sagt Seeler. „Rafael ist natürlich ein ganz besonderer Spieler. Aber sicher ist: Er ist jetzt die Schlüsselfigur, er hat hier eine große Aufgabe, und ich hoffe, dass er sie lösen wird.“ Von der Leistung van der Vaarts hängt die Zukunft des Vereins ab. Und das, was von diesem Mann in Hamburg in Erinnerung bleiben wird.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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