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Griechenland Fußball ist das nationale Thema - Olympia kann warten

15.06.2004 ·  Wen interessiert es schon, ob die olympischen Sportstätten rechtzeitig fertig sind, wen belasten Lästereien aus aller Welt: Griechenland sonnt sich im Schein seiner Fußball-Nationalelf.

Von Torsten Haselbauer
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Stelios Giannakopoulos schießt den Ball aus zwanzig Metern flach in das spanische Tor - in schöner Regelmäßigkeit zeigt das griechische Staatsfernsehen ERT diese Spielszene. Fast genau vor einem Jahr, am 7. Juni 2003, begann mit diesem 1:0-Auswärtserfolg der griechischen Fußballnationalmannschaft im Europameisterschafts-Qualifikationsspiel in Saragossa das griechische Fußballwunder. Es ist noch viel zu jung und seine große Bedeutung für das kleine Fußball-Land Griechenland wurde wohl auch noch nicht so erfaßt, als daß darüber in Hellas dicke Bücher geschrieben oder lange Spielfilme gedreht werden. Der griechische Fußball ist in seiner leidvollen, erfolglosen Geschichte zu arm an Mythen und Legenden, die pralle neunzig Minuten Kinoleinwand füllen könnten.

Deshalb seit Tagen immer nur das eine: Stelios Giannakopoulos schießt den Ball aus zwanzig Metern flach in das spanische Tor - und weist so plakativ darauf hin, daß es ein Wiedersehen gibt. Diesmal in Porto, bei der EM-Endrunde. Dort kommt es zum Treffen von zwei Auftaktgewinnern, da die Griechen seit dem 2:1-Erfolg über Gastgeber Portugal in einer Art kollektivem Freudentaumel und die Spanier, der Gegner aus der Vorrundengruppe A, ihre Pflicht erfüllt und ihre EM-Premiere zu einem 1:0-Sieg über Rußland genutzt haben.

Der in Hellas von kaum jemand erwartete Auftakterfolg hat das Land aus seiner frühsommerlichen Balance geworfen. Die obligatorischen Tavernenbesuche und Wochenendausflüge ans Meer richten sich plötzlich nach dem strengen EM-Spielplan, statt wie sonst üblich nach der Laune des Augenblicks. Gewinnt die Mannschaft des deutschen Trainers Otto Rehagel gegen Spanien und qualifiziert sie sich damit womöglich schon für das Viertelfinale, spricht 58 Tage vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Athen so gut wie kein Mensch mehr im ganzen Land von dem bevorstehenden nationalen, historischen Ereignis. Der alles dominierende Sinnlieferant der vergangenen sieben Jahre ist vorläufig durch den Fußball abgelöst worden - Rehhagel macht's möglich.

Keine besserwisserische Lästerei

Jeden Tag zitiert die griechische Presse die vor Hochachtung für die griechischen Spieler und ihren "deutschen Trainerstrategen" strotzenden ausländischen Medien. Endlich also beherrscht keine besserwisserische Lästerei über die olympischen Baustellen oder fast schon hysterisches Geschimpfe über löchrige olympische Sicherheitssysteme die Schlagzeilen der Zeitungen anderer Länder.

Die Zäsur in der Außendarstellung Griechenlands kommt dem Land gerade recht. Noch eine Woche zuvor trauerte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, öffentlich der Standortentscheidung für die Olympischen Spiele 2004 gegen Rom (und für Athen) hinterher. Doch selbst diese Meldung, die zu einem anderen Zeitpunkt in Griechenland noch für gehörigen Aufruhr gesorgt hätte, verschwand ziemlich schnell aus der Öffentlichkeit, bevor eiligst wieder nach Portugal geschaltet wurde.

Dort bewundern die Griechen nicht nur ihr eigenes Team. Sichtlichen Eindruck hinterlassen in Athen auch die zehn formschönen portugiesischen Stadien, die in Rekordzeit und zu vernünftigen Preisen gebaut wurden - und das alles "ohne den Streß des letzten Moments", wie es die griechische Zeitung "Kathimerini" neidlos und selbstkritisch in einem Kommentar anerkannte. In vollen Zügen kosten die Griechen ihren fußballerischen Höhenflug aus. Nach dem Spiel gegen Portugal feierten sie ausgelassen auf den öffentlichen Plätzen im ganzen Land. Denn das "Wunder von Porto", aber auch der dritte Platz des griechischen Schönlings und Sängers Tsakis beim Grand Prix d'Eurovision in Istanbul ("Shake it") im vergangenen Monat bedeuten für Griechenland weit mehr als nur überraschende, singuläre Erfolge.

Kein neidischer Blick mehr

Es sind vielmehr große nationale Glücksmomente für ein Zehnmillionenvolk, das in seiner langen Geschichte zuletzt nur selten Anlaß zum Feiern hatte. Das alles hilft, wie auch das endlich vollendete postmoderne Calatrava-Dach auf dem Olympiastadion, sich als ein moderner, wettbewerbsfähiger Staat zu präsentieren. Weil Griechenland gerade auch im Fußball "in" ist, denkt die griechische Regierung wie ihr Sportstaatssekretär Georgios Orfanos in Porto verriet, darüber nach, sich um die Ausrichtung der EM 2012 zu bewerben. "Das ist eine gute Lösung, um die Kosten für die Errichtung und Wartung der olympischen Sportstätten zu amortisieren."

In der schönen Gegenwart wünschen sich die Griechen heimlich das, was ihnen ihr Nachbar und ewiger Konkurrent, die Türkei, bei der vergangenen Fußballweltmeisterschaft vor zwei Jahren in Japan und Südkorea vorgemacht hat: Als Außenseiter erreichten die Türken 2002 völlig überraschend das Halbfinale und wurden am Ende WM-Dritte. Neidisch schauten die Hellenen damals über die Landesgrenzen in Richtung Osten. In Portugal können jetzt auch die Griechen große Fußballgeschichte schreiben. Olympia kommt später.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. 06. 2004, Nr. 137 / Seite 34
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