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Griechenland Auch der Koloß von Rhodos klopft an die Tür zum Paradies

25.06.2004 ·  Otto Rehhagel sei dank: Würde der Titel nach Harmoniewerten vergeben, hätte Griechenland bessere Chancen als Frankreich, sein Gegner im Viertelfinale.

Von Peter Heß, Porto
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Was ist ein Gentleman? Ein Gentleman kann Akkordeon spielen, tut es aber nicht. Angelos Charisteas würde nie seine Umwelt quälen, er hat tadellose Umgangsformen.

Der Stürmer ist aber auch eine wichtige Integrationsfigur in der griechischen Fußball-Nationalmannschaft. Deshalb greift der Profi von Werder Bremen manchmal zur Bouzouki und spielt den Kollegen auf seinem Lieblingsinstrument etwas vor. Wenn die Europameisterschaft in Portugal nach Harmoniewerten vergeben würde, hätte Griechenland die besseren Chancen auf den Titel als nach rein fußballerischen Parametern. Frankreich heißt der Gegner im Viertelfinale, und für viele Experten endet an diesem Punkt das griechische Fußballwunder.

"Normalerweise müßten wir Millionen zahlen, um bei so einem Spiel mitmachen zu dürfen. Wir bekommen es umsonst", umschrieb Nationaltrainer Otto Rehhagel blumig die Außenseiterrolle seiner Mannschaft. Niemand hätte den Einzug ins Viertelfinale erwartet. Ein Schlüssel zum Erfolg ist neben der taktischen Disziplin auf dem Spielfeld der Zusammenhalt neben dem Platz.

„Bei mir haben persönliche Animositäten nichts verloren"

Das war in der Vergangenheit ganz anders. Die Rivalität der großen Klubmannschaften Panathinaikos, AEK und Olympiakos vergiftete auch die Atmosphäre in der Nationalelf. Bei Niederlagen setzte das beliebte Spielchen der gegenseitigen Schuldzuweisung ein. In den Klubs verhätschelte Stars, beim Verband legten sie ihr Gehabe nicht ab - bis Rehhagel kam. "Mir ist es egal, was im Verein passiert, bei mir haben persönliche Animositäten nichts verloren", stellte der Fünfundsechzigjährige früh klar.

Seine schwersten Fälle waren Nikolaidis und Tsiartas. Der eine ließ aus Eitelkeit seinen kompliziert klingenden Namen Tsartas-Tsertsis in Tsiartas ändern, der andere plusterte sich wie ein Gockel auf, wenn ihm im Training ein Beinschuß gelungen war. Nun spielen die beiden gemeinsam Billard, ohne sich die Queues auf die Köpfe zu schlagen. Noch nicht einmal die Absicht Nikolaidis, mit einigen Geschäftsfreunden seinen ehemaligen Verein AEK Athen aufzukaufen, sorgte für Unruhe im Nationalteam, auch nicht unter den Spielern von AEK.

Millionen für die Spieler

Der Mannschaftsgeist zahlt sich für sie aus. Die Regierung legte für das Erreichen des Viertelfinales zu den zwei Millionen Euro des Fußballverbandes noch eine Million drauf. 5000 Griechen werden sie an diesem Freitag beim Versuch unterstützen, auch gegen Frankreich für eine Überraschung zu sorgen.

Das Trauma gegen Rußland, als nach einem frühen 0:2-Rückstand das Weiterkommen auf der Kippe stand, sei überwunden, versichert der gelbgesperrte Vryzas: "Wir klopften an das Tor zur Hölle, glücklicherweise war keine da", sagte der Torschütze zum weiterführenden 1:2.

Sein Stürmerkollege Charisteas glaubt, daß solche Erfahrungen die Mannschaft noch stärker machen. "Wir wissen jetzt, daß wir ein Spiel noch umbiegen können." Die Qualität der griechischen Einzelspieler ist mit der der französischen Stars nicht vergleichbar. Die in Portugal überragenden Dellas (AS Rom), Karagounis (Inter Mailand), Vryzas (AC Florenz) und Charisteas (Werder Bremen) spielen in ihren prominenten Klubs nur untergeordnete Rollen. Aber in Portugal trumpfen sie auf, und in ihrer Geschlossenheit ist die griechische Mannschaft nicht zu unterschätzen.

Daß seine Taktik antike Züge trägt, ficht Rehhagel nicht an. Er scheut sich nicht einmal, Dellas einen klassischen Libero hinter der Abwehr spielen zu lassen: "Wenn ich Nowotny und Lucio habe, kann ich mit Viererkette spielen, wenn ich zwei 15-Sekunden-Läufer über 100 Meter habe, dann nicht." Trainer sollten sich bei der Taktik nach ihren Spielern richten, nicht nach ihren Träumen. Und im Fall von Dellas fühlt er sich voll bestätigt: "Ich habe meinen Koloß von Rhodos gebracht, und er hat den Erfolg gebracht."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.2004, Nr. 145 / Seite 36
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