http://www.faz.net/-gtl-u9e6

Georg Buschner gestorben : Selbstverliebt - und ein wenig unnahbar

  • -Aktualisiert am

WM '74: Georg Buschner bejubelt den 1:0-Sieg gegen den „Klassenfeind” Bild: AP

Ob er eine „Trainer-Legende“ ist, darüber darf man sich streiten. Auf jeden Fall steht er für die erfolgreichste Phase des DDR-Fußballs mit dem 1:0-Sieg über das westdeutsche Team bei der WM '74. Georg Buschner ist im Alter von 81 Jahren gestorben.

          Die Mitteilung über seinen Tod kam vom FC Carl Zeiss Jena, dem er sich ein Leben lang verbunden fühlte. Für diesen Klub hatte Georg Buschner als knallharter Außenverteidiger in der DDR-Oberliga gespielt, bevor er im Zuge einer auf einer Moskau-Reise beschlossenen Verjüngungskur mit 33 Jahren die Verantwortung als Trainer bekam. Auch als er Verbandstrainer war, blieb Jena seine Heimat, wo Buschner in der Nacht zum Montag im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Es wird berichtet, dass sich Buschner am vergangenen Sonntag noch den 2:0-Sieg „seines“ FC Carl Zeiss gegen Rot-Weiss Essen angeschaut hat.

          Ob es berechtigt ist, Buschner eine Trainer-„Legende“ zu nennen, darüber darf gestritten werden. Solche Attribute verdienen zunächst einmal der Dresdner Walter Fritzsch und Heinz Krügel, der mit dem 1. FC Magdeburg die Einmaligkeit eines Europapokal-Gewinns schaffte. Freilich steht Buschner für die erfolgreichste Schaffensperiode der DDR-Auswahl: Höhepunkte waren die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1972 in München, der Olympiasieg 1976 in Montreal und - zwischendurch - die erste und einzige Weltmeisterschafts-Teilnahme der DDR-Fußballer 1974 in der Bundesrepublik. Der 22. Juni, der 1:0-Sieg über den „Klassenfeind“ auf dessen Territorium, hat vor allem anderen die Vita des Thüringers geprägt. „Ich möchte allen Aktiven bescheinigen, dass sie die taktische Konzeption gut verwirklicht haben.“ So hörte sich nach dem Triumph von Hamburg das betont sachliche Lob des Trainers für Sparwasser & Co an.

          Die Spieler nannten ihn „den Grafen“

          So war Georg Buschner. Ein harter Hund, der - wie sich die Bilder glichen - auf „deutsche Tugenden“ wie Athletik und Disziplin setzte. Die Spieler nannten ihn „den Grafen“: ein knorriger Typ, selbstverliebt, ein bisschen unnahbar, sagen die einen. „Fachlich hervorragend“, schreiben die Leute vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über den Absolventen der Uni Jena, der Geschichte, Pädagogik und Sportwissenschaft studiert hat. Aber die Stasi berichtet auch über Beschwerdeführer. Buschner sei „ehrgeizig, skrupellos, charakterlos“.

          Buschner mit Jubiläumsball des FC Carl Zeiss Jena, seines Heimatvereins
          Buschner mit Jubiläumsball des FC Carl Zeiss Jena, seines Heimatvereins : Bild: ddp

          In seinem Verein hatte er ein System der gestaffelten Zuteilung von Prämien erfunden, das offiziell „Stimulantien“ genannt wird. Buschner bestimmte, wer was bekam. Als im Sommer 1966 Jenas Stürmer Michael Polywka bei einem Intercup-Spiel in Braunschweig bleibt, tritt der Coach auf Wunsch der Stasi in aktiven Kontakt mit dem „Republik-Flüchtling“. 1969 verpflichtet sich Buschner als „GMS Georg“ - per Handschlag, wie der Berliner Historiker Hanns Leske anhand von Stasi-Dokumenten belegt hat. Dass Buschner einen Bruder im Westen hatte, gab er im kleinen Kreis während der WM 74 zu, nicht ohne ganz schnell hinzuzufügen, dass er „mit dem aber keinen Kontakt“ habe.

          Mielke „aus der Kabine geschmissen“

          In Interviews hat Buschner später eine Zusammenarbeit mit dem MfS stets bestritten. Im Gegenteil, er habe einmal in Berlin Stasi-Chef Mielke persönlich „aus der Kabine geschmissen“. Nach Ende der DDR meldete sich der Mann, der so viel zu sagen gehabt hätte, kaum noch zu Wort. Offiziellen Einladungen durch den DFB blieb er in der Regel fern. Nach der 2:3-Niederlage gegen Polen in der WM-Qualifikation im Oktober 1981 war Georg Buschner - nach 60 Siegen, 33 Unentschieden und 22 Niederlagen - als DDR-Verbandstrainer entlassen worden. Der Frust über diesen Rauswurf durch die SED-Funktionäre hatte ihn bis zuletzt nicht verlassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimaforschung : Der Planet steht, das System wankt

          Von wegen Pause: Im Meer, im Eis, im Grünen und in großer Höhe, der Klimawandel kommt immer schneller auf Touren und hinterlässt radikaler denn je seine Spuren in den Datenreihen.

          Vor Gipfeltreffen : Nordkorea beansprucht mit Testverzicht Status als Atommacht

          Amerikas Präsident Donald Trump und die Regierung in Seoul sind erfreut, dass Pjöngjang Raketen- und Atomwaffentests aussetzen will. Doch die Ankündigung Kim Jong-uns symbolisiert den Anspruch, als Atommacht ernst genommen zu werden.

          Brief aus Istanbul : Hallo, Taxi! Hallo, Verräter!

          Das Unternehmen Uber ist nirgends so richtig beliebt. Am schlimmsten aber ist es in Istanbul: Hier kann es sogar den Fahrgästen an den Kragen gehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.