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Generalprobe Ligapokal Kuranyi tritt, Lincoln spuckt - und Schalke schluckt

03.08.2005 ·  Eigentlich müßte sich Schalkes Trainer Ralf Rangnick über den erstmaligen Gewinn des Ligapokals freuen. Doch die beiden Platzverweise für Kevin Kuranyi und Lincoln drücken die königsblaue Begeisterung vor dem Start in die Fußball-Bundesliga-Saison enorm.

Von Uwe Marx
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Nun hat Ralf Rangnick also seinen ersten Titel, aber auch Probleme. Was bedeutet es schon, Gewinner des Ligapokals zu sein, wenn die Bundesliga vor der Tür steht und dort ein böses Erwachen droht? „Nichts“, sagte der Trainer des FC Schalke 04 nach dem 1:0 seiner Mannschaft im Finale gegen den VfB Stuttgart in branchenunüblicher Offenheit, „der Titel bedeutet mir nichts. Es ist keine Freude da.“ Ihm wäre es lieber, statt der Schalker würden sich die Schwaben den zehn Kilogramm schweren Siegerpokal in die Vereinsvitrine stellen, und er hätte dafür all seine teuren, hochbegabten, bayernjagenden Profis am ersten Spieltag zur Verfügung. Dann also, wenn es wirklich zählt.

Aber hier beginnen die Probleme. Nummer eins: Kevin Kuranyi sah gegen seinen alten Verein die Rote Karte, weil er nach einem Gegenspieler trat (67. Minute). Nummer zwei: Auch Spielmacher Lincoln wurde vom Platz gestellt. Der allerdings wegen einer nicht nur im Fußball verpönten Häßlichkeit - er spuckte in einer unschönen Szene in der Nachspielzeit Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ins Gesicht. Platzverweise nach solchen Rüpeleien können auch Spielsperren in einem anderen nationalen Wettbewerb als dem Ligapokal nach sich ziehen. In der Bundesliga zum Beispiel. Das Regelwerk setzt „schwerwiegende Sportverfehlungen“ voraus. Kuranyi, vor allem aber Lincoln hatten einiges dafür getan, die Kriterien zu erfüllen.

Geschichte zweier großer Dummheiten

Der Brasilianer wurde am Mittwoch nachmittag dann auch vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für vier Wochen gesperrt. Er fällt damit für drei Bundesligaspiele und in der 1. Runde um den DFB-Pokal aus. Zudem wurde Lincoln für zwei Partien im Ligapokal gesperrt. Sein Teamkollege Kevin Kuranyi steht den Schalkern beim Saisonauftakt am Sonntag gegen den 1. FC Kaiserslautern zur Verfügung. Der Nationalstürmer wurde lediglich für drei Ligapokal-Spiele gesperrt.

So wird den Königsblauen zumindest einer der auffälligsten Spieler des Leipziger Finales im Ligapokal beim Start der Bundesliga fehlen. Kuranyi, der Torschütze, ist dabei, Lincoln, der überragende Vorbereiter und Spielgestalter, fehlt. Früh, schon in der zehnten Minute, hatte der deutsche Nationalstürmer die Partie gegen jenen Verein entschieden, den er erst in diesem Sommer verlassen hatte. Sein Treffer sicherte Schalke 04 den ersten Erfolg im Ligapokal seit dessen Erfindung vor acht Jahren und 1,8 Millionen Euro Siegprämie. Der verlorene Fußballsohn schlägt seinen alten Verein, das war über eine Stunde lang die Geschichte dieses Spiels. Danach wurde es die Geschichte zweier großer Dummheiten.

Rangnick reagierte im Fall Lincoln, abgesehen von seinem Ärger, mit jenem Reflex, der vielen Trainern eigen ist. Ein Vergehen kann nie so groß sein, daß man nicht doch noch eine Reihe von Entschuldigungen findet. Die Zurechtweisung für den Spieler fiel knapp aus (“das macht man nicht“), die Beschwichtigungen dafür um so ausführlicher. Schiedsrichter Lutz Wagner habe die Spieler „an der langen Leine“ geführt und sie danach „nicht mehr einfangen können“. Er habe so die Kontrolle über die Partie verloren. Außerdem sei einer wie Lincoln ein armer Kerl, weil er ständig gefoult werde. „Solche Spieler müssen geschützt werden“, forderte Rangnick.

Königsblaue Fußball-Logik

Dieser bedenklichen Sicht der Dinge stand die 90. Minute gegenüber: Lincoln, vorher schon von Fall zu Fall erregt mit dem Unparteiischen diskutierend, ließ sich zu seiner Unbeherrschtheit in der Nachspielzeit hinreißen. Und das, obwohl die Partie so gut wie entschieden war und seine Auswechselung unmittelbar bevorstand. Er war bis dahin der überragende Spieler auf dem Platz. Danach war er der umstrittenste. Kommentieren wollte er sein Vergehen nicht. Kevin Kuranyi ließ immerhin wissen, er habe sich „ein bißchen dumm“ verhalten und seinen Gegner Silvio Meißner „weggestoßen“.

Da war es vorbei mit den Nettigkeiten - hier ein freundschaftlicher Klaps, da eine helfende Hand - gegenüber den alten Kollegen. Rangnick wiederum sagte, Meißner habe in der betreffenden Szene „zweimal sehr erfolgreich versucht, die Achillessehne von Kuranyi zu treffen“. Fußball-Logik in Königsblau. Lincoln hat er für den Ligastart offenbar schon abgeschrieben. Bei Kuranyi aber mache ihm Hoffnung, daß die Szene „nicht so klar“ gewesen sei.

VfB-Neuzugänge fielen nicht auf

Im Grunde war Rangnick zu bedauern. Seine Mannschaft hatte lange Zeit so gespielt, wie man es von einer Mannschaft erwartet, die sich dem Meister FC Bayern am nächsten wähnt: einfallsreich im rechten Moment, beeindruckend homogen, stark in Offensive und Defensive. Giovanni Trapattoni, der arme neue Trainer des VfB Stuttgart, gab zu, daß er über diese Lektion gründlich nachdenken müsse. „Wir haben keine Entschuldigung“, sagte er, und das klang wie unerwartet ernüchtert.

Seine beiden millionenteuren dänischen Zugänge, der zur Pause eingewechselte Jon Dahl Tomasson, und vor allem der allerdings erst am Wochenende verpflichtete und in der zweiten Halbzeit ausgewechselte Jesper Grönkjaer fielen nicht weiter auf, ob der Gegner nun in Unterzahl spielte oder nicht. Schalke war schlicht zu stark. „Das kam dem sehr nahe, was wir uns für die ganze Saison vorstellen“, sagte Ralf Rangnick, und in diesem Punkt konnte man ihm uneingeschränkt folgen.

Der ehrgeizige Trainer bekommt auch ohne einen seiner Besten eine starke Mannschaft zusammen, wenn am Sonntag gegen den 1. FC Kaiserslautern die Saison für den FC Schalke beginnt. Aber er will keine starke, sondern die beste. Und endlich einen Titel, der wirklich zählt.

Quelle: F.A.Z. vom 4. August 2005
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Jahrgang 1964, Sportredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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