Home
http://www.faz.net/-gtm-753d8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußballverein SV Muslime Im Namen des Propheten

 ·  Beim SV Muslime geht es nicht um religiöse Debatten, sondern ums Toreschießen: Anfangs argwöhnisch beobachtet, hat sich der Fußballklub in Hamburg etabliert. „Bei uns ist jeder willkommen.“

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (8)
© Henning Bode Hier wird nicht die Welt erklärt, sondern die Taktik: Trainer Mahmut Sariz legt Wert auf Zweikampfverhalten

Ein Ascheplatz im Zentrum von Hamburg. Fahles Flutlicht scheint von den Masten herunter, ein Gitter umrahmt das Feld, und in der Mitte des Platzes steht Mahmut Sariz im Halbdunkel. „Leute“, sagt er, „ich will, dass wir an unserem Defensivverhalten feilen. Das hat mir zuletzt überhaupt nicht gefallen.“ Sariz ist ein großer und kräftiger Mann, zweimal in der Woche hat er hier das Sagen, der Achtundzwanzigjährige ist Trainer der Fußballspieler vom SV Muslime. Einer Mannschaft aus der Kreisklasse 10 in Hamburg. Die Spieler sind Deutsche, Türken, Syrer, Marokkaner, Palästinenser, manche kommen aus Saudi-Arabien oder dem Jemen. Der Glaube eint sie, denn auf jeder Position läuft ein bekennender Muslim auf. „Wir sind kein ganz normaler Sportverein“, sagt Sariz. „Aber wir sind noch immer ein Sportverein - und keine Glaubensgemeinschaft.“

„Im Namen Allahs“

Ein Sportverein mit eindeutigen Regeln. Über dem Mitgliedsschaftantrag steht in fettgedruckten Buchstaben: „Im Namen Allahs, des Allerbarmenden, des Barmherzigen.“ Darunter: „Absichtserklärung über die Wahrung der muslimischen Umgangsformen“. Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Flüche, keine kurzen Hosen, kein Nacktduschen - der SV Muslime ist der erste Sportverein in Deutschland, der ausschließlich nach islamischen Glaubensgrundsätzen geführt wird. „Wenn wir nach Rahmenbedingungen für unseren Sport suchen, die es nicht gibt, dann können wir uns hinsetzen und heulen“, sagt Sariz. „Wir können aber auch aktiv werden, und genau das haben wir gemacht.“ Er verschränkt die Arme vor seinem Bauch, beobachtet seine Spieler und ruft: „Soll das etwa ein richtiger Zweikampf sein?“

Im Oktober 2008 wurde der Verein gegründet, innerhalb weniger Wochen traten mehr als dreißig junge Männer ein, aber nicht einmal die Hälfte von ihnen konnte wirklich Fußball spielen. Sariz erinnert sich, und er lacht, wenn er an die Anfänge denkt: „Viele hatten noch nie elf gegen elf gespielt, die waren verloren auf dem Platz. Aber damals haben wir jeden genommen, Hauptsache, er war gläubig“, sagt er. „Das ist vorbei. Wir sind kein Spaßverein. Unseren Leuten muss klar sein, dass das eine das andere nicht ausschließt: Du kannst gläubiger Muslim sein und trotzdem für Sieg und guten Fußball stehen.“

In der vergangenen Saison ist das Team aus der Kreisliga abgestiegen, nun wollen sie wieder aufsteigen. In die Winterpause geht die Mannschaft als Tabellendritter, knapp hinter dem Störtebeker SV und dem FTSV Lorbeer-Rothenburgsort. „Noch ist alles möglich“, sagt Sariz. Er trägt einen Trainingsanzug, direkt über der linken Brust prangt das Vereinswappen des SV Muslime. „Im Vertrauen auf Gott“ steht dort, doch Sariz vertraut auch den eigenen Fähigkeiten. Gerade arbeitet er an seiner C-Lizenz für Trainer, er lässt seine Spieler gern angreifen, er will Tore sehen.

Der SV Muslime - anfangs sorgte der Verein in Hamburg für Erstaunen und Skepsis. „Viele waren vollkommen erschrocken, als sie unseren Namen gelesen haben“, sagt Sariz. In Internetforen wurde diskutiert, die Gegner kamen mit einer Mischung aus Neugierde und Respekt auf den Platz, der Hamburger Fußball-Verband (HFV) erteilte die Mitgliedschaft zunächst nur auf Probe, was allerdings nicht ungewöhnlich ist. „Die haben eine klare Ansage gemacht, sie haben gesagt: ,Wir haben keinen Bock auf noch eine Kanaken-Mannschaft. Wir haben schon genug von der Sorte, die jede Woche für Spielabbrüche sorgen’“, sagt Sariz. „Das hat mir gefallen, das war nicht verlogen.“ Der HFV bestreitet diese Aussagen. „Von uns kam so etwas nicht“, sagt Karsten Marschner, der Geschäftsführer des HFV. „Dass Einzelne bei über 170.000 Mitgliedern diese Meinung hatten, das kann ich nicht ausschließen.“

Fairness-Preis in Hamburg

Nach einem halben Jahr gewann der SV Muslime zum ersten Mal den Fairness-Preis in Hamburg, negativ aufgefallen ist der Verein bis heute nicht. „Der SV Muslime ist kein Beobachtungsobjekt von uns“, sagt Hartmut Licht, Stellvertretender Abteilungsleiter Staatsschutz in Hamburg. „Wie es in Sportvereinen üblich ist, tummeln sich dort solche und solche Leute, und natürlich sind da auch einige dabei, die wir kennen. Wir gehen davon aus, dass darunter auch Muslimbrüder sind. Aber warum sollen die nicht auch einmal Sport treiben?“

Auf dem Parkplatz der Oskar-Keßlau-Sportanlage, im Herzen Hamburgs, steht der Imbisswagen von Antonio Martins. Er sitzt an einem Holztisch, darauf stehen Bier und Wein, eine Zigarette qualmt im Aschenbecher. Martins schaut auf den Fußballplatz, dann sagte er: „Die trinken keinen Alkohol bei mir, sie trinken noch nicht einmal Kaffee oder Wasser. Mit denen mache ich keinen Umsatz.“ Martins ist 51 Jahre alt und kommt aus Portugal, er hat diesen Imbiss und arbeitet als Platzwart. „Mit der Zeit lernt man sich kennen“, sagt er. „Man hat ja schon öfter von ihrer Religion gehört, dass sie nichts zeigen dürfen und so. Mich stört das eigentlich nicht.“ Die Mannschaft des SV Muslime steht erst zwanzig Minuten auf dem Platz, als sie ihn geschlossen wieder verlässt. Viele Spieler ziehen die Turnschuhe aus, einige nicht, dann richten sie sich nach Mekka aus, knien auf dem Steinboden neben dem Parkplatz und beginnen mit dem Abendgebet. In langen Sporthosen, Trikots und Stutzen.

Seit den sechziger Jahren gibt es in der Republik Vereine, die von Fußballern verschiedener Nationalitäten gegründet worden sind - sogenannte Nationalitäten-Klubs. Bei Türkspor in Berlin spielten die Türken, beim Club Castello in Hamburg die Italiener, beim SVS Mesopotamien kamen Menschen zusammen, die Aramäisch sprechen. Der SV Muslime bringt nun die Religion als Identitätsgrundlage dazu. Eine Parallelgesellschaft? „Nein“, sagt Sariz. „Bei uns ist jeder willkommen - auch Christen oder Atheisten. Uns geht es allein um den Verein, um den Erfolg, und all das wollen wir nicht kaputtmachen durch irgendwelche dummen Diskussionen untereinander.“

Er spricht ohne Akzent, seine Eltern stammen ursprünglich aus der Türkei, Sariz aber ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Er bestand den Hauptschulabschluss, den erweiterten Realschulabschluss, ging zur Handelsschule, absolvierte eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, machte sich mit einem Hähnchengrill selbständig, er heiratete, wurde Vater - und doch begleitete Sariz stets das gleiche Gefühl: „Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert und Muslime beteiligt sind, dann muss ich mich hier in Hamburg für meinen Glauben rechtfertigen. Das nervt mich unheimlich.“

Vor ein paar Monaten waren Reporter vom Norddeutschen Rundfunk da und haben einen Beitrag über den Verein gedreht. Der Titel: „Die Koran-Kicker“. Das hat nicht jedem in der Mannschaft gefallen, für einige war der Titel zu polemisch. Immer mehr Fernsehsender, Magazine und Zeitungen interessieren sich seitdem für den Verein. „Aber wir sprechen nicht mit jedem“, sagt Sebastian Hollatz. „Wir haben eine Black List.“ Darauf stehen alle Zeitungen des Axel-Springer-Verlages und RTL.

Keine Debatten, keine politischen Diskussionen

Hollatz trägt einen Vollbart, er humpelt ein wenig, seit im Sommer erst das Kreuzband und dann auch noch das Innen- und Außenband im rechten Knie rissen. Der Fünfundzwanzigjährige ist 2003 zum Islam konvertiert und nennt sich seitdem Hamza. Warum er Muslim werden wollte? „Ich war sechzehn, als ich mich für das Leben des Propheten interessiert habe, ich wollte immer mehr wissen.“ Er lernte die arabische Sprache, das islamische Recht, die Suren. Und er fragte sich, ob er weiter in einem ganz normalen Sportverein Fußball spielen darf. Erst hörte Hamza auf, dann wechselte er den Verein.

Kurz vor zehn Uhr am Abend. Sariz klatscht in die Hände, bedankt sich für den Einsatz seiner Mannschaft. Er sammelt die Hütchen ein, bringt die Bälle ins Auto, zählt die Leibchen durch. Warmer Wasserdampf zieht aus der Umkleide nach draußen in die Kälte, die Spieler wickeln sich Handtücher um die Lenden, dann ziehen sie eine Badehose an und steigen unter die Dusche. „Es gab noch keinen Streit untereinander, was ich für eine kleines Wunder halte, weil wir Muslime eigentlich dazu neigen, uns gegenseitig zu Tode zu diskutieren. Wir diskutieren gern bis ins kleinste Detail, als wären wir die größten Gelehrten, obwohl keiner von uns wirklich Ahnung hat“, sagt Sariz. „Aber wir kommen alle wegen des Fußballs her und nicht weil wir irgendwelche Debatten oder politischen Diskussionen führen wollen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1981, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Jubiläumsgeschenk als Verpflichtung

Von Daniel Meuren

Die Jubiläums-Saison ist vorbei. Das Geschenk für 50 Jahre Bundesliga gibt es aber erst in Wembley. Nun muss die Liga ihr gewachsenes Ansehen nutzen, um auf die Chancengleichheit zu achten. Mehr 2