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Fußballverein SV Muslime Im Namen des Propheten

Beim SV Muslime geht es nicht um religiöse Debatten, sondern ums Toreschießen: Anfangs argwöhnisch beobachtet, hat sich der Fußballklub in Hamburg etabliert. „Bei uns ist jeder willkommen.“

© Henning Bode Vergrößern Hier wird nicht die Welt erklärt, sondern die Taktik: Trainer Mahmut Sariz legt Wert auf Zweikampfverhalten

Ein Ascheplatz im Zentrum von Hamburg. Fahles Flutlicht scheint von den Masten herunter, ein Gitter umrahmt das Feld, und in der Mitte des Platzes steht Mahmut Sariz im Halbdunkel. „Leute“, sagt er, „ich will, dass wir an unserem Defensivverhalten feilen. Das hat mir zuletzt überhaupt nicht gefallen.“ Sariz ist ein großer und kräftiger Mann, zweimal in der Woche hat er hier das Sagen, der Achtundzwanzigjährige ist Trainer der Fußballspieler vom SV Muslime. Einer Mannschaft aus der Kreisklasse 10 in Hamburg. Die Spieler sind Deutsche, Türken, Syrer, Marokkaner, Palästinenser, manche kommen aus Saudi-Arabien oder dem Jemen. Der Glaube eint sie, denn auf jeder Position läuft ein bekennender Muslim auf. „Wir sind kein ganz normaler Sportverein“, sagt Sariz. „Aber wir sind noch immer ein Sportverein - und keine Glaubensgemeinschaft.“

„Im Namen Allahs“

Ein Sportverein mit eindeutigen Regeln. Über dem Mitgliedsschaftantrag steht in fettgedruckten Buchstaben: „Im Namen Allahs, des Allerbarmenden, des Barmherzigen.“ Darunter: „Absichtserklärung über die Wahrung der muslimischen Umgangsformen“. Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Flüche, keine kurzen Hosen, kein Nacktduschen - der SV Muslime ist der erste Sportverein in Deutschland, der ausschließlich nach islamischen Glaubensgrundsätzen geführt wird. „Wenn wir nach Rahmenbedingungen für unseren Sport suchen, die es nicht gibt, dann können wir uns hinsetzen und heulen“, sagt Sariz. „Wir können aber auch aktiv werden, und genau das haben wir gemacht.“ Er verschränkt die Arme vor seinem Bauch, beobachtet seine Spieler und ruft: „Soll das etwa ein richtiger Zweikampf sein?“

Im Oktober 2008 wurde der Verein gegründet, innerhalb weniger Wochen traten mehr als dreißig junge Männer ein, aber nicht einmal die Hälfte von ihnen konnte wirklich Fußball spielen. Sariz erinnert sich, und er lacht, wenn er an die Anfänge denkt: „Viele hatten noch nie elf gegen elf gespielt, die waren verloren auf dem Platz. Aber damals haben wir jeden genommen, Hauptsache, er war gläubig“, sagt er. „Das ist vorbei. Wir sind kein Spaßverein. Unseren Leuten muss klar sein, dass das eine das andere nicht ausschließt: Du kannst gläubiger Muslim sein und trotzdem für Sieg und guten Fußball stehen.“

SV Muslime - Der Sportverein mit dem Sparten Fußball und Basketball bietet Sport in islamischer Atmosphäre, ohne Alkohol, in langen Hosen, mit gemeinsamen Gebeten und Duschen nur in Badehose. © Henning Bode Vergrößern „Kein Spaßverein“ - die Muslime dribbeln für den Erfolg

In der vergangenen Saison ist das Team aus der Kreisliga abgestiegen, nun wollen sie wieder aufsteigen. In die Winterpause geht die Mannschaft als Tabellendritter, knapp hinter dem Störtebeker SV und dem FTSV Lorbeer-Rothenburgsort. „Noch ist alles möglich“, sagt Sariz. Er trägt einen Trainingsanzug, direkt über der linken Brust prangt das Vereinswappen des SV Muslime. „Im Vertrauen auf Gott“ steht dort, doch Sariz vertraut auch den eigenen Fähigkeiten. Gerade arbeitet er an seiner C-Lizenz für Trainer, er lässt seine Spieler gern angreifen, er will Tore sehen.

Der SV Muslime - anfangs sorgte der Verein in Hamburg für Erstaunen und Skepsis. „Viele waren vollkommen erschrocken, als sie unseren Namen gelesen haben“, sagt Sariz. In Internetforen wurde diskutiert, die Gegner kamen mit einer Mischung aus Neugierde und Respekt auf den Platz, der Hamburger Fußball-Verband (HFV) erteilte die Mitgliedschaft zunächst nur auf Probe, was allerdings nicht ungewöhnlich ist. „Die haben eine klare Ansage gemacht, sie haben gesagt: ,Wir haben keinen Bock auf noch eine Kanaken-Mannschaft. Wir haben schon genug von der Sorte, die jede Woche für Spielabbrüche sorgen’“, sagt Sariz. „Das hat mir gefallen, das war nicht verlogen.“ Der HFV bestreitet diese Aussagen. „Von uns kam so etwas nicht“, sagt Karsten Marschner, der Geschäftsführer des HFV. „Dass Einzelne bei über 170.000 Mitgliedern diese Meinung hatten, das kann ich nicht ausschließen.“

Fairness-Preis in Hamburg

Nach einem halben Jahr gewann der SV Muslime zum ersten Mal den Fairness-Preis in Hamburg, negativ aufgefallen ist der Verein bis heute nicht. „Der SV Muslime ist kein Beobachtungsobjekt von uns“, sagt Hartmut Licht, Stellvertretender Abteilungsleiter Staatsschutz in Hamburg. „Wie es in Sportvereinen üblich ist, tummeln sich dort solche und solche Leute, und natürlich sind da auch einige dabei, die wir kennen. Wir gehen davon aus, dass darunter auch Muslimbrüder sind. Aber warum sollen die nicht auch einmal Sport treiben?“

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