Home
http://www.faz.net/-gtm-vd3l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußballtrainer Krautzun im Gespräch „Ich konnte die totale Isolation nicht mehr ertragen“

20.09.2007 ·  Im Moment steht Chinas Frauenteam bei der WM im eigenen Land stark unter Erfolgsdruck. Der Deutsche Eckhard Krautzun wird dort als Fußballexperte hochgeschätzt. Im Interview spricht er über Trainingszentren, Versagensängste der Spieler und politische Kommentare.

Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (0)

Eckhard Krautzun war bis Anfang des Jahres Berater der chinesischen Frauen-Nationalmannschaft. Er betreute das Team noch beim Vier-Nationen-Turnier im Januar. Zuvor hatte Krautzun jahrelang mit anderen chinesischen Auswahlmannschaften gearbeitet, unter anderen mit der U 20 der Männer. Zuletzt war er auch als Trainer der A-Nationalmannschaft im Gespräch. In China ist Krautzun als Fußballtrainer hochgeschätzt, fast täglich bekommt er Interviewanfragen von chinesischen Medien. Krautzun reist in dieser Woche als Ehrengast zur Weltmeisterschaft und wird unter anderen vor chinesischen Trainern referieren.

Am Donnerstag schafften die chinesischen Frauen bei der WM im eigenen Land den Einzug ins Viertelfinale. Sie kennen das Team ja gut - wie sind Sie dazu gekommen, die chinesischen Frauen zu betreuen? Sie hatten vorher doch nur Männer trainiert.

In China geht das so: Wenn man als Trainer mit seinem Team erfolgreich ist, wie wir bei der U-20-WM vor zwei Jahren in den Niederlanden, wird ein solches Betreuerteam vom Sportministerium oft zum nächsten großen Ereignis geschickt. Sie sagen dann zu allen Trainern, Managern und Betreuern: „Ihr geht jetzt rüber zu den Frauen. Ihr seid gut gewesen - und wir haben die WM vor der Tür.“ Ich hatte an der Aufgabe gar kein großes Interesse. Aber sie haben mich inständig gebeten und ein sehr gutes Angebot gemacht.

Nach wenigen Monaten wollten Sie dann aber doch nicht mehr, warum?

Ich konnte die totale Isolation bei den Trainingscamps nicht mehr ertragen, außerdem hat irgendwann mein Magen rebelliert - da wollte ich mich lieber in Deutschland behandeln lassen. Die Trainingszentren der Chinesen sind zwar sehr modern, aber dort ist man als Europäer sozial vollkommen isoliert. Oft kann man sich nur mit wenigen Teammitgliedern unterhalten. Englisch ist noch nicht so verbreitet. Die Trainingszentren liegen außerdem weit weg auf dem Land. Deutsche Spieler werden im Trainingslager ja schon nach fünf Tagen nervös. Die Chinesen aber sind daran gewöhnt. Ein Trainingslager dauert da vier bis sechs Wochen, dann bekommen die Spielerinnen einige Tage frei - und dann geht es wieder auf Reisen.

Wie reagieren die chinesischen Spielerinnen und Spieler auf die Kasernierung?

Ich war vor einigen Jahren mit der chinesischen U 16 in Bad Kissingen, wo wir ja auch die Deutsch-Chinesische Fußballakademie hatten. Da waren wir monatelang zusammen. Ich habe mich immer gefragt: Wann bekommen die Jungs Heimweh, wann drehen die durch? Als es dann nach Hause ging, haben einige sogar geweint. Die chinesischen Sportler kennen es einfach nicht anders. Sie kommen schon in sehr jungen Jahren in die Camps und gewöhnen sich an die langen Abwesenheiten von zu Hause - und was hinzukommt, ist sicher die Ein-Kind-Politik. Ein Familienleben mit mehreren Geschwistern kennen sie nicht, sie fühlen sich dann unter Gleichaltrigen sehr wohl. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass die Trennung von ihren Eltern für diese Jugendlichen kein so großes Problem ist.

Wie haben Sie die Arbeit dort erlebt?

Man muss sich sehr intensiv auf die Trainingseinheiten vorbereiten. Alle Einheiten werden in Theorie und Praxis dokumentiert. Die Ausarbeitungen werden dann durch die entsprechenden Sportgremien begutachtet. Das Training wird jeden Tag eine Stunde vorgeplant - und danach exakt analysiert. Die Chinesen arbeiten ungeheuer analytisch. Sie sind hervorragend vorbereitet - ob das aber genügt, um Weltmeister zu werden, ist eine andere Sache. Die Chinesinnen sind durch das schwedische Trainerteam fachlich jedenfalls absolut top vorbereitet, sie haben auch drei herausragende Spielerinnen. Aber die lange Isolierung bringt Probleme mit sich.

Welche?

Es gibt mehrere Gründe, warum diese Art der Vorbereitung nicht gut war und nicht gut ist. Die lange Isolierung führt zur Lethargie, zu einer psychischen Ermüdung. Die Isolierung ist außerdem oft von Nachteil, weil die chinesischen Jugendlichen inzwischen modern denken. Sie wollen auch ausgehen und ihren Spaß in der Disco haben. Das Fernhalten vom pulsierenden Leben in den Großstädten, da kommen die Spielerinnen und Spieler ja her, ist für sie schwierig. Einige Funktionäre, wie der Vizepräsident des Verbandes, haben das mittlerweile erkannt. Sie merken allmählich, dass sie den jungen Leuten auch mal Pausen gönnen müssen. Vor der U-20-WM habe ich dem Präsidenten vorgeschlagen, mal eine Woche nach Valencia zu gehen. Da haben wir am Strand nur Volleyball gespielt. Das kam super an. Wir kamen mental total erholt zur WM. Wir sind im Viertelfinale zwar in letzter Minute gegen Deutschland ausgeschieden, haben aber die meisten Tore im Turnier erzielt. Das hat noch keine chinesische Mannschaft geschafft. Wir hatten nachts Einschaltzahlen von 250 bis 300 Millionen.

Sie klingen etwas skeptisch, was den ganz großen Erfolg der chinesischen Frauen-Nationalelf angeht - dabei setzt China große Hoffnungen darauf.

Die WM ist eine Prestigesache für China, es ist auch eine Generalprobe für Olympia - und wenn es gut läuft, werden sie sich wohl auch um die WM der Männer bewerben. Der Erwartungsdruck, der von ganz oben auf die Spielerinnen aufgebaut wird, ist enorm. Das Turnier wird sich für die Chinesinnen daher nicht in den Beinen entscheiden, sondern im Kopf. Das Halbfinale ist das mindeste, was von ihnen erwartet wird. Sie haben sich jetzt zwei Jahre lang nur auf dieses Turnier vorbereitet - immer nur Training, Reisen, Training. Man muss aber wissen, dass die chinesischen Fußballer unter Druck schon oft versagt haben. Ich denke, es handelt sich um Versagensangst und die Konsequenzen. Am Druck ist schon die Olympiamannschaft gescheitert und auch die gute A-Nationalmannschaft von Arie Haan bei der WM-Qualifikation. Die Angst vor dem Verlieren zeigt sich auch oft in der Art des Fußballs, den die Chinesen spielen: Sicherheitsfußball.

Woran zeigt sich in China im Alltag der Druck, auch für einen Trainer?

Es fängt damit an, dass man vor jedem Spiel abends noch ein Meeting machen muss. Es gibt überhaupt ständig für alles Meetings. Da muss der Trainer dem chinesischen Teammanager erklären, was er vorhat. Ich musste erklären, mit welcher Taktik ich spielen lassen will und mit welchen Spielern. Mir aber hat niemand reingeredet. Ausländische Trainer haben in China von vornherein erst einmal Autorität und einen Bonus, chinesische Trainer nicht. Nach meinem Rücktritt haben sie es auch nur kurz mit einem chinesischen Trainer versucht, dann erst kam die Schwedin Marika Domansky-Lynfors mit ihren beiden Assistentinnen.

Endet in China nicht auch die Autorität ausländischer Trainer bei Niederlagen?

Man muss wissen, auf was man sich als Trainer in China einlässt, kulturell und politisch. Man sollte von sich selbst wissen, wie weit man sich diesen Dingen anpassen kann. Man sollte sich jeden politischen Kommentars enthalten. Und man muss improvisieren können und versuchen, sein Konzept gegen alle Widerstände durchzusetzen. Man muss die Unterstützung der Verbandsfunktionäre haben, sonst ist man verloren - erfolgreich muss man ohnehin sein. Außerdem sollte man sich in China alles schriftlich geben lassen. Für einen ausländischen Trainer ist der Vertrag daher sehr wichtig. Im Zweifelsfall gilt das chinesische Recht. Ich hatte wenigstens im Vertrag stehen, dass in eventuellen Streitfragen der Sportgerichtshof in Lausanne entscheidet. Aber das Wichtigste bleibt: Man muss Land und Leute lieben. Das haben die Chinesen bei mir gespürt.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z., 20.09.2007, Nr. 219 / Seite 34
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr

Ergebnisse, Tabellen und Statistik