08.11.2009 · Der Wissenschaftler Hanns Leske ist Experte für den DDR-Fußball. Im Interview spricht der West-Berliner über die Meisterschaften des BFC Dynamo Berlin, manipulierte Spiele und vorauseilenden Gehorsam der Schiedsrichter.
Der Wissenschaftler Hanns Leske ist Experte für den DDR-Fußball. Er schrieb die „Enzyklopädie des DDR-Fußballs“ und hat jüngst ein Buch über den ASK Vorwärts veröffentlicht, der von Leipzig über Berlin nach Frankfurt an der Oder verpflanzt wurde. Im Interview spricht er über manipulierte Spiele und vorauseilenden Gehorsam der Schiedsrichter.
Die Zeitung „Neues Deutschland“ hat Ihr Lexikon des DDR-Fußballs in dem Sinne besprochen, dass man eigentlich so schön in Erinnerungen schwelgen könnte, der Autor aber leider so politisch sei...
Man stört eine Idylle. Und mir fehlt der Stallgeruch. Als ich 2001 mit dem damaligen Mönchengladbacher Trainer Hans Meyer über seine Stasi-Akte reden wollte, fragte er: Wo kommen Sie denn her? Ich sage: Ich bin Berliner. Fragt er: West oder Ost? Ich sage: West-Berliner. Sagt er: Mit Ihnen spreche ich nicht. Bis heute bestreitet er – ganz anders als Eduard Geyer –, dass er für die Stasi gearbeitet habe. Auch die Akten können ihn nicht überzeugen. Anderseits riet er, als er Trainer von Hertha BSC war, Journalisten, wenn ihnen nichts Kritisches einfalle, sollten sie doch in seine Stasi-Akten schauen.
Ist in den zwanzig Jahren seit dem Fall der Mauer die Aufgeschlossenheit der Beteiligten gewachsen, über Manipulationen im DDR-Fußball zu sprechen?
Die Vereine haben kein Interesse. Weil Dynamo Dresden absprang, sagte die sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen eine bereits terminierte Veranstaltung mit mir ab der Präsident des BFC Dynamo lehnte ab, weil er, wie er sagte, meine Sicherheit nicht garantieren könne.
Und die Fans?
Viele sagen nach meinen Veröffentlichungen: Ja, so war‘s. Aber wenn ich mit den Akteuren von damals spreche, erlebe ich immer noch das große Schweigen. Bodo Rudwaleit, der als Torwart zehnmal Meister mit dem BFC wurde, hat mal erzählt, dass er, als seine Mannschaft in Jena einen Elfmeter bekam und Rainer Ernst verschoss, nach vorn gerannt sei und gesagt habe: Hast du gut gemacht. Damit deutete er an, dass er bemerkt habe, dass der BFC bevorzugt wurde. Weiter geht kaum einer. Rainer Ernst, der Stürmer, ist eine Ausnahme, wenn er sagt, von den zehnmal, die wir DDR-Meister wurden, hätten es drei-, viermal auch andere werden können. Auch Trainer Jürgen Bogs leugnet die Manipulationen bis heute.
Dabei belegen Sie sie doch in Ihren Büchern.
Die Bevorzugung der Mannschaften der bewaffneten Organe durch die Schiedsrichter zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des DDR-Fußballs. Ich habe das zum ersten Mal 1960 beim ASK gefunden: Da hat ein Schiedsrichter namens Vetter aus Schönebeck dem ASK Vorwärts Berlin in Halle zu einem 3:0 verholfen. Es gab schwere Ausschreitungen, und der Bus der Berliner wurde auseinandergenommen. Die Volkspolizei musste die Spieler schützen. Als der ASK nach Frankfurt an der Oder umgesiedelt worden war, konzentrierten sich die Manipulationen auf den BFC Dynamo.
Wie sah das aus?
Die Benachteiligung von Dynamo Schwerin in der Partie 1968 gegen den BFC Dynamo waren so himmelschreiend, dass selbst Stasi-Leute auf den Schiedsrichter losgegangen sind. Das war wieder Erwin Vetter aus Schönebeck. Bei einer Veranstaltung vierzig Jahre später in Schwerin wirkte sein Name immer noch als Reizwort. Den kennt dort fast jeder Fußballfan. Die Stimmung war enorm aufgeheizt damals. Die Schweriner waren schon im Hinspiel in Berlin verpfiffen worden, dann kam ein Politfunktionär vor dem Rückspiel und forderte sie auf, einen Gang rauszunehmen. Es ging darum, dass die Berliner nach ihrem Abstieg zurück in die Oberliga sollten. Aber die Schweriner wollten Rache. Der damalige Schweriner Torwart hat im vergangenen Jahr erzählt, dass Mannschaftskapitän Potyralla sein Team damals richtig angestachelt habe. Der war hauptberuflicher Stasi-Mann.
Haben nur Schiedsrichter manipuliert?
Als Stahl Eisenhüttenstadt 1967/68 den Magdeburger Aufstieg gefährdete, setzte der Verband eine Finanzrevision an. Es kam heraus, dass der Klub – vielmehr: das Stahlwerk – doppelte Gehälter zahlte. Stahl wurden fünf Punkte abgezogen. Die Mannschaft war aber so gut, dass das nicht reichte. Also wurden vier Spieler, unter ihnen der erfolgreichste Stürmer, mitten in der Saison zum Wehrdienst bei der NVA eingezogen. Das wirkte. Magdeburg stieg auf. Eisenhüttenstadt wurde unter anderem deshalb zu einer missliebigen BSG, weil der Klub immer wieder Spieler verpflichtete, die woanders ausdelegiert worden waren. Nicht zuletzt deshalb und auch weil Eisenhüttenstadt als Konkurrent des künftigen FC Vorwärts Frankfurt gedeckelt werden sollte, hat der Verband sie zwei Jahre später aus der DDR-Liga in die Bezirksliga versetzt und Spieler und Trainer gesperrt. Grund waren wieder Schwarzzahlungen. Andere Vereine haben das genauso gemacht, doch da hat niemand kontrolliert.
Ist die Gewalt in den Stadien mit solchen Manipulationen zu erklären?
In den achtziger Jahren wurde der Unmut über die himmelschreienden Schiedsrichterleistungen auch deshalb so groß, weil das, was man im Fernsehen sah und in den Zeitungen las, nichts mit dem zu tun hatte, was man im Stadion erlebt hatte. In Babelsberg können Sie die Filmschnipsel finden, die „Sport aktuell“ damals nicht zeigte. Da sind die Abseitstore zu erkennen, die Elfmeter, die aus heiterem Himmel gepfiffen wurden. . .
Hatten diese offensichtlichen Eingriffe gesellschaftliche und politische Folgen?
Sie haben das Vertrauen in die Sportinstitutionen und in die Medien der DDR erschüttert. Im Bundesarchiv gibt es einen Band mit Eingaben und Beschwerden an die Abteilung Sport im Zentralkomitee der SED, manche direkt an Krenz und Honecker. Da schreibt zum Beispiel ein Kombinatsdirektor, dass seine Tochter Manipulationen bei Spielen von Lok Leipzig beobachtet habe, wie man sie nur bei Spielen in kapitalistischen Ländern erwarte. Das sei doch der sozialistischen Gesellschaft abträglich. So haben sich viele Genossen geäußert. Da kann man sich vorstellen, wie diejenigen gedacht haben, die nicht in der Partei waren.
Hatte das Folgen?
1983 versuchte der Verband, die Notbremse zu ziehen, indem er Karl Zimmermann aus Leipzig als Generalsekretär berief. Er sollte Reformen durchsetzen. Aber er hat sich bitter über mangelnde Unterstützung beklagt und dass man gegen ihn arbeite. Ich bin überzeugt, dass er auch physisch an den Widerständen kaputtgegangen ist. Er starb 1987.
Was hat Zimmermann versucht?
Als die Manipulationen unerträglich wurden, hat der Verband die Saison untersuchen lassen; das war die von 1984/85. Man kam zu dem Ergebnis, dass der BFC bevorzugt und seine direkten Verfolger Dresden und Lok Leipzig benachteiligt wurden. In dem Bericht sind die Schiedsrichter benannt und das, was sie so angestellt haben. Das Pokalendspiel – es kam live im Fernsehen – wurde in einer geschlossenen Tagung vollständig ausgewertet. Daraufhin wurde die Schiedsrichterkommission umstrukturiert, einige Schiedsrichter wurden aussortiert, und das wurde auch publiziert. Nach dem Skandalspiel 1986 zwischen Lok Leipzig und dem BFC – Lok führte trotz Platzverweises bis zur 96. Minute, dann kam der Elfmeter für den BFC – ist Schiedsrichter Stumpf aus Jena mit Billigung von Krenz gesperrt worden. Das Volk hatte einfach die Schnauze voll, und die Spitze der SED wünschte einfach keine BFC-Diskussion mehr.
Haben sich die Fußballfans nicht dezidiert gegen die Staatsmacht und den Staat gewendet?
Gewalt war überwiegend unpolitisch. Viele haben das nachgemacht, was sie aus dem Westen hörten und sahen. Die DDR hatte eine Mordsangst, dass ihr so etwas wie Heysel 1985 passieren könnte. Deshalb gab es ständige Berichte zur Sicherheitslage. Bei Union Berlin, Chemie Leipzig und in Halle eskalierte der Widerstand, da waren die Aussagen oft auch politisch. Aber das Zerschlagen von Reichsbahnwaggons war sicher nicht politisch motiviert.
Von Erich Mielke, dem Chef des Staatssicherheitsdienstes, ist bekannt, dass er ein fanatischer Fußballfan war und auch zu Schiedsrichtern in die Kabine stürzte. Hat er Manipulationen angeordnet?
Er hat, als Dynamo Dresden 1978 Meister wurde, bei der Gratulation gesagt, die falsche Mannschaft sei Meister geworden. Das ist unbestreitbar. Aber vieles war bei den Schiedsrichtern vorauseilender Gehorsam. Sie wollten international pfeifen, sie wollten in den Westen reisen und Tagegeld in Schweizer Franken bekommen. Dazu reichte es nicht, gut zu sein, was sie waren. Dazu brauchten sie auch die Bestätigung als Reisekader, jedes Jahr aufs neue. Und die gab es nur von der Staatssicherheit. Schiedsrichter, die international sehr gut gepfiffen haben, haben in der DDR-Oberliga den BFC bevorteilt. Schiedsrichter Stumpf, ein Hundertprozentiger, hat mir das als ausgleichende Gerechtigkeit beschrieben. Alle seien doch gegen den BFC gewesen. Er sagte den bemerkenswerten Satz, dass die Stimmung im Stadion der im Land entsprochen habe. Da habe er helfen müssen.
Hat der Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit zum Ende der DDR beigetragen?
Die Fußballer hätten keine Revolution gemacht. Es gab zwar ein paar Unioner, die auf dem Alexanderplatz verhaftet wurden, und ein paar Leipziger, die sich an der Montagsdemonstration beteiligten. Wie in allen Bereichen hat es auch im Fußball gebrodelt in der DDR, gerade in Leipzig und Halle, wo man sich besonders benachteiligt fühlte. Aber eine Revolte hat es im Fußball nicht gegeben, auch nicht von den Fans. So mutig waren sie dann doch nicht.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 20 | 31 | 43 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 20 | 33 | 41 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 20 | -1 | 32 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 20 | 1 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 20 | -2 | 30 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 20 | -2 | 24 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 11. | ![]() |
VfB Stuttgart | 20 | -2 | 23 | ![]() |
| 12. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 20 | -6 | 22 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 20 | -6 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 20 | -9 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |