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Fußball-WM der Frauen Große Perspektiven

24.09.2007 ·  Vier Spiele ohne Gegentor und die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Trainerin Sylvia Neid: Die deutschen Fußball-Frauen haben schon vor dem WM-Halbfinale gegen Norwegen die nahtlose Fortsetzung ihrer Erfolgsgeschichte geschafft.

Von Michael Horeni, Wuhan
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Silvia Neid vermied jeden Anflug von Emotion. Nachdem die deutsche Nationalmannschaft in ihrer bisher härtesten Auseinandersetzung bei der Weltmeisterschaft den Angriff der potentiellen Fußball-Großmacht Nordkorea abgewehrt hatte und mit einem 3:0-Sieg ins Halbfinale vorgedrungen war, sprach die Bundestrainerin die Worte, die sie immer in diesen Tagen spricht.

Sie sagte, sie sei „sehr zufrieden“ mit der Mannschaft. Sie lobte dann noch die „Mannschaftsleistung“, aber ansonsten fiel ihr Ausblick in die nähere Zukunft ausgesprochen zaghaft aus. „Wir müssen aus diesem Spiel einfach Selbstbewusstsein gewinnen“, sagte Silvia Neid, und es war nicht recht klar, ob sie das mit Blick auf das Halbfinale am Mittwoch gegen Norwegen (1:0 gegen Gastgeber China) nun schon für eine Tatsache hielt oder nur für eine Hoffnung.

„Die Mannschaft kann den Titel holen“

Ein paar Minuten nachdem Silvia Neid die Bühne verlassen hatte, trat Theo Zwanziger vor die Medien, und es war schon erstaunlich, welche Diskrepanz sich da in Sachen Emotionen, Offenheit und Perspektiven auftat. Zwanziger war sichtlich bewegt und berührt von einem Sieg, den er gleich in einen großen Zusammenhang einzuordnen verstand.

Fußball-WM der Frauen: Große Perspektiven

„Die Mannschaft kann den Titel holen, wenn sie es schafft, diese Leistung zu wiederholen“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Er verkündete daraufhin die Vertragsverlängerung mit der Bundestrainerin und schlug sogleich seinen traumhaften Bogen bis zur Weltmeisterschaft 2011. „Am schönsten wäre es, wenn Silvia Neid dann bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land zum zweiten Mal den Titel verteidigen kann.“

Ein befreiendes WM-Erlebnis

Die Selbstverständlichkeit, mit der Zwanziger große Ziele benennt und Schwächen nicht verschweigt, ist in der Welt des deutschen Frauenfußballs ziemlich unbekannt. Da drückt man sich öffentlich auch jetzt noch lieber vor ein paar unliebsamen Wahrheiten, etwa über die beiden letzten Auftritte in der Vorrunde. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Mannschaft in der Lage ist, sich so zu steigern“, sagte Zwanziger nach dem 3:0.

„In der Vorrunde war ich noch nicht so weit zu glauben, dass die Mannschaft den Titel gewinnen kann.“ Aber wie sich das Team nun trotz zahlreicher Unsicherheiten zu Beginn und regelmäßiger Torchancen der Nordkoreanerinnen dank mannschaftlicher Geschlossenheit und individueller Stärken nicht zuletzt von Torhüterin Nadine Angerer in die Partie gegen einen der Kandidaten auf den Titel hineinarbeitete und sie schließlich beherrschte, war nicht nur für Zwanziger ein befreiendes WM-Erlebnis.

Nahtlose Fortsetzung der Erfolgsgeschichte

Mit dem herrlichen Führungstreffer kurz vor der Pause durch Kerstin Garefrekes (44. Minute) kippte das Spiel zugunsten der Weltmeisterinnen, mit dem noch schöneren 2:0 durch Renate Lingor (68. Minute) war es entschieden. Der dritte Treffer kurz darauf durch Abwehrspielerin Annike Krahn war nur noch die nette Verzierung eines Erfolgs, der nicht weniger bedeutete als die nahtlose Fortsetzung der Erfolgsgeschichte des deutschen Frauenfußballs. Mit einem Ausscheiden im Viertelfinale wäre nach Jahren des stetigen Wachstums die erste sportliche Delle gefolgt.

Nun aber, mit dem Einzug ins Halbfinale und der Gewissheit, bis zum letzten WM-Tag bei der Weltmeisterschaft präsent zu sein, war für Zwanziger der Blick schon frei bis 2011. Für den großen Promoter des Frauenfußballs im DFB ergibt sich eine einzige gerade Linie an Ereignissen, die den Frauenfußball weiter mit neuem Treibstoff versorgen sollen. Die WM ist für den Präsidenten schon jetzt ein Erfolg, „im nächsten Jahr folgen die Olympischen Spiele, 2009 für die Europameisterschaft sind wir auch schon fast qualifiziert, und schließlich kommt 2011 die WM - hoffentlich in Deutschland“, sagt Zwanziger.

Mit Silvia Neid bis 2011

Diese Konstellation war auch ein Grund, den ursprünglich bis 2009 datierten Vertrag mit Silvia Neid vorzeitig zu verlängern. „Für uns war klar, dass Silvia Neid uns dorthin führen muss.“ Schon in der Vorrunde waren sich Zwanziger und Silvia Neid einig geworden. Bei seiner zwischenzeitlichen Rückkehr nach Deutschland stimmte sich Zwanziger in der vergangenen Woche dann nur noch mit seinen zuständigen Kollegen im DFB ab.

Er gab der Bundestrainerin in Wuhan aber auch die klipp und klar ausgesprochene Erwartung mit auf dem Weg, dass sich die „Nationalmannschaft in den nächsten Jahren verjüngen muss“. Diesen Umbruch, mit dem Ziel 2011, soll Silvia Neid nach der WM perspektivisch in den Blick nehmen. Dass dies der früheren Nachwuchstrainerin beim DFB gelingt, ist für Zwanziger keine Frage. „Ich kann mir keine bessere Bundestrainerin vorstellen.“

Nach vier Spielen ohne Gegentor

Wie sehr die aktuelle Nationalmannschaft den Ruhm des DFB bei dieser WM noch mehrt, ist nicht ausgemacht. Dafür waren die Anfälligkeiten trotz des klaren Ergebnisses immer wieder zu offensichtlich. Aber wie sich die deutschen Frauen mit großem Willen, einigem taktischen Geschick und auch etwas Glück gegen die Nordkoreanerinnen behaupteten, war für Zwanziger genau die Mischung, die ein Team weiterbringt.

Zudem bot Torhüterin Nadine Angerer eine erstklassige Leistung und verschaffte dem deutschen Team das gute Gefühl, bei der WM nach vier Spielen weiter ohne Gegentor geblieben zu sein. „Sie hat gezeigt, dass sie eine Weltklasse-Torhüterin ist“, lobte Zwanziger die deutsche Nummer eins zwar ganz speziell. Aber an diesem Abend, da es dem Präsidenten vor allem ums große Ganze ging, gönnte sich Zwanziger noch lieber ein bisschen Pathos für alle: „Ich bin stolz auf diese Frauen-Nationalmannschaft.“

Quelle: F.A.Z., 24.09.2007, Nr. 222 / Seite 32
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