29.07.2005 · Kaum Zuhörer, keine Visionen - die Münchner Konferenz „Visions of Football“ ein Jahr vor der WM ist ein millionenteurer Flop. Während Ministerpräsident Stoiber die Tagung unverdrossen schönredet, können sich die Fußball-Funktionäre den Spott nicht verkneifen.
Von Roland ZornVisionen, Illusionen, Realitäten - denen, die eine megabedeutende, ultragewichtige Münchner Konferenz unter dem englischen Leitmotiv "Visions of Football" inszenieren wollten, ist zunächst einmal die graue Tagungswirklichkeit vor Augen geführt worden. Als am Mittwoch nachmittag die Spitzen des Weltfußballs und des Freistaats Bayern im Saal 1 des Internationalen Congress Centers (ICM) der Neuen Messe die dreitägige Veranstaltung mit fünf Themenschwerpunkten eröffneten, blickten sie auch ins Leere.
Der Tagungsort mit seinen 1.200 Sitzplätzen war bestenfalls zu einem Drittel gefüllt, so daß unbefangene Beobachter sogleich skeptisch wurden, ob sich hier tatsächlich 1.600 Teilnehmer und 400 Journalisten aus aller Welt angemeldet hatten. „Meine Vision ist, daß die Autobahn zwischen Stuttgart und München so leer ist wie dieser Saal“, spottete der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes Gerhard Mayer-Vorfelder in seinem Redebeitrag, er hatte auf dem Weg zur Tagung im Stau gestanden.
„Das war heute ein bißchen wenig“
Der Auftakt jedenfalls, intoniert von Joseph Blatter, dem Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), Lennart Johansson, dem Präsidenten der Europäischen Fußball-Union (Uefa), Franz Beckenbauer, dem Präsidenten des deutschen Organisationskomitees (OK) der Weltmeisterschaft 2006, und natürlich Edmund Stoiber, dem bayerischen Ministerpräsidenten, geriet zu einem Wortgeplänkel im resonanzarmen, zum Glück aber klimatisierten Raum.
Draußen, an den vierzig Ausstellungsständen, warteten unterdessen die Abgesandten verschiedener Firmen, Institutionen oder Tourismusbehörden meist vergeblich auf Interessenten und Kundschaft. "Das war heute ein bißchen wenig", resümierte eine junge Frau mit futuristischer Deutschland-Brille den ersten Fußball-Messetag ohne jeden Verkaufsschlager. Die Klage klang verständlich, hatte doch das von ihr vertretene Verpackungsunternehmen nach den Worten seiner Repräsentantin rund 6.000 Euro Standmiete für die drei Konferenztage bezahlt. Trotz des erkennbar maßvollen Zuspruchs pries Stoiber, dessen Bayerische Staatsregierung Mitinitiator des Fußballforums für Visionen ist, die Konferenz unverdrossen als einen "Meilenstein auf dem Weg zur WM".
Ballspielenden „Solidaritätskolonne“
Dieser unscheinbare Meilenstein kam trotz großer Worte, die vor allem Blatter fand, nur mühsam ins Rollen. Der schon immer phantasievolle schweizerische Fifa-Präsident nutzte die programmatische Gelegenheit wieder einmal zu einer Walliser Bergpredigt über die "positiven Energien" des Fußballs. Dabei streifte Blatter auch schon mal die Grenze zur Komik, als er sein Referat zum Generalthema "Fußball und Gesellschaft" mit Sätzen würzte wie: "Jedes Kind kommt als Fußballer zur Welt. Denn das ungeborene Kind im Mutterleib boxt nicht mit den Händen, es benutzt nicht den Kopf, es kickt." Blatter, dessen Weltverband sich in der Tat um die Bedürftigen des Fußballs kümmert, entwarf in München das Bild einer ballspielenden "Solidaritätskolonne", die dazu beitragen solle, "daß es allen bessergeht in dieser Welt". Böse Welt, guter Fußball?
Der sendungsbewußte Schweizer mußte sich von "Focus"-Herausgeber Helmut Markwort, der eine Diskussionsrunde moderierte, ironisch fragen lassen, ob sich die Fifa inzwischen als "Weltfriedensorganisation" betrachte. Grimmig konterte der Fußball-Präsident: "Es ist ein sehr gefährliches Unterfangen, über Frieden zu sprechen, denn es wird soviel gekämpft und getötet im Namen des Friedens." Damit hatte Blatter die Brücke zu dem wirklichen Thema des Tages geschlagen, und dabei ging es nicht um wunderbare Aussichten in der großen, kleinen Familienwelt des Fußballs, sondern um veritable Schreckensvisionen.
Eher altbekannt als neu erdacht
Die vergangenen Terrorwochen mit verheerenden Anschlägen in London und Scharm al Scheich haben auch bei den Organisatoren der Fußball-WM in Deutschland Befürchtungen geweckt. "Es besteht eine abstrakte Gefahr", beschrieb Stoiber die Lage, "daß der Fußball vom internationalen Terror mißbraucht wird. Ich bin aber davon überzeugt, daß die Sicherheit gewährleistet sein wird." Beckenbauer wagte ebenfalls einen Blick in den Abgrund, als er sagte: "Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, aber wenn wir uns terrorisieren lassen, können wir den Laden gleich zusperren." Das wäre dann die "Bankrotterklärung des Sports", von der Uefa-Präsident Johansson sprach.
Wenn es einen deutschen Ort gibt, an dem sich das gründliche Nachdenken über die Bedrohung durch den inzwischen allgegenwärtigen Terror wie von selbst versteht, ist das München. Hier starben 1972 während der bis dahin durchweg heiteren Olympischen Sommerspiele israelische Sportler durch ein palästinensisches Attentat. Hier trat zu Beginn dieser Woche eine israelisch-palästinensische Jugendmannschaft gegen ein Team des FC Bayern an - zum Zeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Was am Montag in der Allianz-Arena zu sehen war, wirkte wie eine konkrete Vision; was am Mittwoch auf der Münchner Messe zu hören war, klang eher altbekannt als neu erdacht. Der Fußball, lautete die unausgesprochene Tagesbotschaft, wird erst dann aufregend, wenn er rollt - und nicht, wenn über ihn, und sei es am Stammtisch der Oberexperten, geredet wird.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |