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Fußball-WM 2006 Der Sommer, in dem alles anders kam

10.06.2007 ·  Vor einem Jahr begann die Fußball-WM. Deutschland erlebte 33 Sommertage, in denen das Land der mürrischen Fleißarbeiter in der Welt plötzlich sexy wurde. Ein Land lernte, sich selber zu mögen. Von Christian Eichler.

Von Christian Eichler
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Es war einmal... ein Fußballsommer, in dem alles anders kam. Schon im Auftaktspiel: endlose Einlasskontrollen; gereizte Sicherheitskräfte; Handgemenge mit verärgerten Besuchern; schales Bier, fünfwöchiger Dauerregen. Dazu eine deutsche Mannschaft, die sich in der Manier der achtziger Jahre zu einem 1:0 gegen Costa Rica wurstelt. Tags darauf fallen englische und polnische Hooligans über Deutschland her, und die sogenannten Fanmeilen entpuppen sich als einzige Ansammlung von Alkoholexzessen und Schlägereien. Und dann der Stunk im deutschen Team.

Nach dem 0:0 gegen Polen fordert „Bild“ Lothar Matthäus als neuen Teamchef; Jürgen Klinsmann tritt vor Wut ein Loch in ein Zeitungshäuschen. Oliver Kahn mixt Rizinusöl in Jens Lehmanns Trinkflasche, der kassiert vier Tore gegen Ecuador. Angela Merkel jubelt aus Versehen bei einem Gegentor und fällt auf einen Abstiegsplatz im Polit-Barometer. Und Beckenbauer schläft schon bei seinem 13. WM-Spiel auf der Tribüne ein. Nur dank der Blödheit der anderen erreicht der Gastgeber das Achtelfinale. Der Gegner heißt England, und dann geschieht das Ungeheuerliche: England gewinnt - im Elfmeterschießen! Weil jemand dem Torwart den falschen Zettel untergeschoben hat. Der Rest ist Jammern und Wehklagen. Deutschland, ein Sommer-Albtraum.

Fünf Flitterwochen mit der eigenen Nation

Ja, so hätte alles kommen können, als die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 diesen Samstag vor einem Jahr begann. Und so wäre es auch gekommen, wenn die von Machern und Medien geschürten negativen Erwartungen des Frühjahrs 2006 ihre eigene Realität hätten kreieren können. Aber es kam anders. Und so blickt Deutschland ein Jahr danach auf einen Wirtschaftsaufschwung zurück und einen Baby-Boom, wie ihn die Franzosen neun Monate nach dem WM-Sieg 1998 erlebten; auf 33 Sommertage, in denen das Land der mürrischen Fleißarbeiter in der Welt plötzlich sexy wurde - kurzum: auf den Sommer, in dem ein Land lernte, sich selber zu mögen.

Fußball-WM 2006: Der Sommer, in dem alles anders kam

„Noch immer das hölzern pedantische Volk Noch immer ein rechter Winkel In jeder Bewegung, und im Gesicht Der eingefrorene Dünkel.“ So erlebte Heinrich Heine bei der Heimkehr aus dem Exil 1843 die Landsleute in „Deutschland - ein Wintermärchen“. Im „Sommermärchen“ von 2006 sah das ganz anders aus: fünf Flitterwochen mit der eigenen Nation. Sie waren gut für Deutschland - aber waren sie auch gut für den deutschen Fußball? Oder ist er immer noch, was er vor der WM war: Mittelmaß? Nur eines, das sich nach dieser WM besser anfühlt?

Eine kindlich-schrille Fußballbegeisterung

Es gibt zwei große Unterschiede zu der Zeit vor Klinsmann, vor der WM: Erstens spielt das Nationalteam Fußball, der Spaß macht; zweitens findet es ein Publikum, das für den Spaß empfänglich ist. Das kollektive WM-Erlebnis hat eine kindlich-schrille Fußballbegeisterung in die Generation der Acht- bis Achtzehnjährigen eingepflanzt und dazu bei den etwas Älteren, den jungen Erwachsenen der „Party-Generation“, Fußball als Erlebnisfaktor verankert. Beides garantiert der Bundesliga und dem Nationalteam, was andere, alternde Branchen händeringend suchen: eine junge, nachwachsende Kundschaft. Zugleich verführt die Begeisterungsfähigkeit, die mit der Verjüngung des Publikums einhergeht, dazu, alles ein wenig zu sehr zu bejubeln. Bis zum vorletzten Frühjahr war Grau in Grau die Modefarbe im deutschen Fußball. Seit der Sommersaison 2006 heißt sie Rosarot.

Ist die Nationalelf so stark, wie viele glauben? Sie ist mühelos und schwungvoll durch ihre EM-Qualifikationsgruppe marschiert, die allerdings die vermutlich schwächste von allen ist. Schon gilt Deutschland als EM-Favorit. Dass ausgerechnet Beckenbauer das erklärt, sollte stutzig machen. Seine Prognosen waren stets mindestens zu 50 Prozent falsch. Man weiß vorher nur nicht, welche 50 Prozent.

Das Land mit der besten Laune

Die deutschen Klubteams enttäuschten abermals im Europapokal. Milan brauchte nur zweimal leicht in den Bayern-Ballon zu pieksen, dann war die Luft raus. Und Werder machte zwei gute Heimspiele gegen Barca und Chelsea, doch die Zugabe im Uefa-Cup war eine spielerische Qual.

Die Bundesliga ließ viele schwärmen, aber nur solche, die Spannung mit Qualität verwechseln. Dass Stuttgart Meister wurde, machte Spaß und erinnerte deshalb an die WM-Laune. Aber in einem normalen Jahr, also einem Jahr mit Bayern und Werder in Normalform, hätte die Leistung der Stuttgarter nur zu Platz drei gereicht.

Aber was soll das Genörgel? Genau das macht ja die Revolution im deutschen Gefühlshaushalt aus, die durch den Fußball kam: die neue Fähigkeit, unvollkommen heiter zu sein. Früher hieß es: Deutschland jammert auf hohem Niveau, heute müsste es heißen: Deutschland feiert gehobenes Mittelmaß. Und das ist gut, denn es ist das Talent zum Glück. Wir sind nicht das Land mit dem besten Fußball, aber das mit der besten Laune. Wo früher genörgelt wurde, wird jetzt genossen. Oder wenigstens geträumt - von jenem Sommer, in dem alles anders kam.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.06.2007, Nr. 23 / Seite 18
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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