Wenn sich der größte Finanzier der Bundesliga dieser Tage zur bevorstehenden Saison äußert, dann ist zuerst ein kurzer Seufzer zu hören. Womöglich erinnert sich Georg Kofler, der Vorstandsvorsitzende des Bezahlfernsehsenders Premiere, an das vergangene Fußballjahr, welches in den Köpfen von Millionen Fans als eines der drögesten hängenbleiben wird. Eine Saison der biederen Fußballkost mit dominanten Bayern, langweiligem Wettbewerb auf mittelmäßigem Niveau und dazu zwei dicken Skandalen. Kofler atmet durch und sagt dann hoffnungsvoll: „Ich erwarte viel Drama, attraktive Spielpaarungen und spielerische Qualität, daß sich die Liga weiterentwickelt.“
Hohe Erwartungen lasten auf der neuerlichen Inszenierung des Bundesligafußballs 2005/2006. Die Vereine müssen sich ihrem Verliererimage stellen und beweisen, daß sie unter fast perfekten Rahmenbedingungen ein attraktives Unterhaltungsprogramm auf die Beine stellen und über die deutschen Grenzen hinaus dem globalen Vergleich standhalten. Zudem rückt die Weltmeisterschaft im eigenen Lande als ultimativer Kraftakt immer näher, der vielen Beteiligten schon jetzt besondere Konzentration abverlangt.
Das System Klinsmann als Maßstab
Nicht wenige sehen deshalb nach dem Frühlingserwachen der Nationalkicker während des Confederations Cup das System Klinsmann als Maßstab und Vorbild für die Liga. „Die Nationalmannschaft hat gezeigt, welcher neue Optimismus den Fußball durchweht. Das würde ich mir auch von der Bundesliga wünschen“, sagt der Fernsehmann Kofler. Der Geschäftsführende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, geht davon aus, „daß sich die Faszination Nationalelf auf die Bundesliga überträgt“. Nicht alle Vereine hätten vergangene Saison gehalten, was sich von ihnen versprochen wurde. „Da gibt es international klaren Nachholbedarf“, sagt Zwanziger. Die Bundesliga in der Bringschuld - wie schnell sich die Perspektive doch verändert.
FAZ.NET-Spezial: Die Fußball-Bundesliga-Saison 2005/2006
Dabei ist festzustellen, daß nach mageren Jahren gerade diese WM-Saison an den verschiedenen Fußballstandorten des Landes neue Phantasie entfacht. Bevor der Anpfiff für das Eröffnungsspiel am kommenden Freitag zwischen dem Meister FC Bayern und Borussia Mönchengladbach erfolgt, ist von Rekorden die Rede. Die Bundesliga boomt. Der Ball wird durch die modernsten Fußballarenen der Welt rollen, selbst die drei Aufsteiger aus Frankfurt, Köln und Duisburg bieten ihrer Kundschaft alles andere als ein altes, zugiges Stadionoval.
Dauerkartenverkauf in neuen Höhen
Der Zuschauer nimmt das Angebot trotz schlechter Erfahrungen in jüngster Vergangenheit gerne an und treibt in diesen Wochen den Dauerkartenverkauf in neue Höhen; von bald 400.000 Tickets ist zu hören. Beim Abonnentensender Premiere in München, der die Direktübertragungsrechte an der Bundesliga hält, kommen derzeit jeden Tag 3.000 bis 4.000 Neukunden hinzu, berichtet Kofler. Auch die Sponsoren der Bundesliga setzen auf das Produkt und zahlen zusammen allen 18 Vereinen für die Werbefläche auf dem Trikot erstmals mehr als 100 Millionen Euro. Den Investoren wird gelegen kommen, daß ihre Fußballpartner vereinzelt versuchen, den Glamourfaktor des Geschäfts zumindest etwas zu beleben. Erstmals nach vier Jahren steigen die Aufwendungen für Personaltransfers leicht. In Stuttgart bedient man sich der Dienste der schauspieltauglichen Trainerlegende Trapattoni und verpflichtete mit den Dänen Tomasson und Grönkjaer zwei klangvolle Namen.
Einen Hauch von großer weiter Fußballwelt versprüht auch der niederländische Ballvirtuose van der Vaart beim Hamburger SV - und wer weiß, ob nicht Schalke 04 in diesen Tagen noch mal nachlegt und einen holt wie den tschechischen Schönling Baros von Liverpool. In Zeiten, in denen die Verpackung eines Produkts immer wichtiger wird, braucht eine Fußball-Liga Typen und Geschichten - wie einen Ballack oder Schweinsteiger in München, einen Podolski in Köln oder Marcelinho in Berlin.
„Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören“
„Ich kann dieses ganze Gejammer bei uns nicht mehr hören“, klagt der Bremer Manager Klaus Allofs, „weil ich keine große Diskrepanz zwischen uns und den anderen starken Ligen in Europa sehe.“ Gäbe es da nicht die unmißverständlichen Erfahrungswerte, man könnte sich Hand in Hand mit Allofs auf grandiose Fußballfeste deutscher Teams freuen. Doch ausgerechnet seine Mannschaft wurde in der abgelaufenen Saison von Lyon in der Champions League mit zehn Gegentoren in zwei Spielen abgefertigt.
Hinter Spanien, Italien, England, Frankreich und mittlerweile auch Portugal muß die Bundesliga im Europa-Ranking befürchten, durchgereicht zu werden und einen weiteren Startplatz in der Königsklasse zu verlieren. Gerade schieden die Dortmunder sang- und klanglos im UI-Cup gegen den tschechischen Provinzklub Olmütz aus. „Gegen solche Mannschaften wäre früher jeder Bundesligaklub weitergekommen. Das muß man ganz nüchtern sehen“, wettert Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern. Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, steht deutscher Fußball für Standfußball.
Vielleicht sind Trainer und Spieler schlechter?
Verantwortliche wie Rummenigge sehen den Hauptgrund dafür vor allem in der Finanzkraft und hier ganz speziell im mangelnden Kapitalzufluß durch das Fernsehen. Während in Italien oder England die TV-Partner 500 oder sogar mehr als 700 Millionen Euro pro Saison für die Übertragungsrechte überweisen, erhält die Bundesliga gerade einmal 300 Millionen Euro. Andere sehen das Problem woanders. „Wenn Struktur und Geld allein die Wettbewerbsfähigkeit ausmachen würden, dann müßte Dortmund 8:0 gegen Olmütz gewinnen“, sagt Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender des Aufsteigers Eintracht Frankfurt.
Vielleicht sind also die Ausbilder, Spielerbeobachter, Einkäufer und Trainer in Deutschland im Vergleich ganz einfach schlechter. So gesehen, stehen die Liga und ihre Klubs wieder einmal vor einer Bewährungsprobe. Im Herbst werden zudem die Verhandlungen über die Fernsehverträge, gültig für die nächsten drei Jahre von 2006 an, beginnen. Premiere-Chef Kofler verfolgt da eine ganz einfache Logik: „Wenn eine Verdopplung der Fernseheinnahmen gewünscht ist, dann muß die Bundesliga dafür sorgen, daß wir die Zahl unserer Abonnenten verdoppeln.“ Und das erreicht man nicht ausschließlich durch zeitlich weit nach hinten versetzte Fußballberichte im frei empfangbaren Fernsehen, sondern auch mit einem deutlichen Qualitätssprung auf dem Platz.