Im chinesischen Fußball ist die Revolution ausgebrochen. Der erst Anfang dieses Jahres neu formierten chinesischen Profifußballiga "China Football Super League" droht schon nach drei Viertel der Saison das mögliche Ende.
Sieben aufständische Klubs von insgesamt zwölf in der Liga haben am Wochenende in einem offenen Brief den chinesischen Fußballverband aufgefordert, die Saison auf der Stelle zu unterbrechen und erst dann wieder fortzusetzen, nachdem dringend nötige Reformschritte unternommen seien. Bis dahin würden sie alle Ligaspiele boykottieren.
Selbstverpflichtung gegen Bestechung gefordert
Die Reformmaßnahmen, die diese Klubs in ihrem offenen Brief fordern, sind vor allem die Offenlegung der Verbandsfinanzen sowie die Trennung von Politik und Fußball, genauer, die Trennung von dem staatlichem Fußballverband und der Profiliga. Für deren Management solle in Zukunft eine Ligafirma alleinzuständig sein. Schließlich sollen alle Vereine der Liga eine Selbstverpflichtung unterzeichnen, in der sie erklären, keinen Schiedsrichter, Trainer oder Spieler mehr zu bestechen.
Damit ist das eigentliche Problem angesprochen worden, nämlich die in China grassierende Korruption, die 1989 schon zu den großen Studentenprotesten geführt hat. In diesen Tagen drehen sich viele der aufgeregten Diskussionen im chinesischen Fußball um Arie Haan, der seit Dezember 2002 Trainer der chinesischen Fußballnationalmannschaft ist. Bei der Asien-Meisterschaft vor zwei Monaten wäre er beinahe noch Chinas Nationalheld wie vor zwei Jahren, bei der Weltmeisterschaft, sein niederländischer Landsmann Guus Hiddink in Südkorea geworden: Haans Team unterlag erst im Finale den Japanern. Doch da der Fußball ein besonders schnellebiges Geschäft ist, endete die große Bewunderung der Chinesen für den Holländer am Abend des 13. Oktober: In Kuweit verlor China das Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft 2006 0:1 und damit die Spitzenposition in seiner Gruppe.
Hetzkampagne gegen Haan
Die punktgleichen Kuweiter haben nun nicht nur zwei Tore mehr geschossen. Sie haben im letzten Gruppenspiel mit Malaysia auch den vermeintlich leichteren Gegner vor sich, während sich die Chinesen mit den tapferen Hongkongern traditionell schwertun. Noch nie gewann das große China gegen Hongkong höher als mit einer Differenz von zwei Toren. Es muß also viel passieren, will sich China doch noch in die nächste Runde der Asien-Qualifikation vorankämpfen. Von der WM 2006 in Deutschland 2006 ganz zu schweigen. Nach einer unerwarteten Niederlage wie der in Kuweit steht auch in China jeder Trainer in der Kritik. Was jedoch wirklich geschah, war weitaus schlimmer: Gegen Haan ist eine Hetzkampagne losgetreten worden, und zwar von den Sportfunktionären, die damit versuchen, von ihren eigenen Problemen abzulenken.
In Peking tagte das nationale Sportbüro. Es faßte den einstimmigen Beschluß, daß Haan für die nahezu aussichtslose Lage die Hauptverantwortung trage. In den Medien kursiert seitdem eine "Zehn-Punkte-Anklageschrift" gegen den Holländer, die der verantwortliche Vizepräsident des chinesischen Fußballverbandes, Yan Shiduo, verfaßt haben soll. Darin wird Haans Trainerfähigkeit in Zweifel gezogen: Seine Methoden seien ziellos, seine Taktik veraltet und konservativ. Des weiteren wird ihm vorgeworfen, er sei kommunikationsunfähig, gehe schlecht mit den chinesischen Spielern und Trainerkollegen um, habe unbegründetes Selbstbewußtsein und verfolge eine fragwürdige Personalpolitik.
Dem Trainer gehe es nur ums Geld
So habe er in dem wichtigen Gruppenspiel gegen Kuweit den im Dienst des englischen Premier-League-Klubs Manchester City stehenden Sun Jihai, den zur Zeit besten Flügelspieler Chinas, achtzig Minuten lang auf der Ersatzbank schmoren lassen. Schließlich sei Haan mit einem falschen Sendungsbewußtsein gekommen: Er komme, um China zu retten. In Wahrheit aber gehe es ihm bloß ums Geld, wie die "Shanghai Morning Post" in einer "Enthüllungsstory" am 18. Oktober behauptet. Um in die Nationalmannschaft zu kommen, sollen demnach Spieler Trainer Haan und seinem Assistenten, Theo De Jong, Geld zugesteckt haben. Allerdings hat der anonyme Insider für seinen schweren Vorwurf keinen einzigen Beweis vorzuweisen.
Die Hetzkampagne in den staatlichen Medien deutet eher auf die Fragwürdigkeit des dort gepflegten Kampagnenjournalismus. In den Internetforen, wo es relativ offener, freier und daher auch sauberer zugeht, richtet sich die Kritik keinesfalls gegen Haan, den man eher als Opfer eines durch und durch korrupten Systems ansieht. Die Wut der Fans bekommt vor allem der chinesische Fußballverband zu spüren, der unwillig sei, gegen die Korruption anzukämpfen. So etwa in Sachen Schiedsrichter. Von den 348 Ligaschiedsrichtern verbürgt sich Yang Yimin, als Verbandsvizepräsident ein Insider, öffentlich nur für die Integrität von zwei Unparteiischen.
"Es gibt kein einziges Ligaspiel ohne Betrug"
Yang Ming, ein Journalist der regierungsamtlichen Xinhua-Agentur, stellte 2002 in seinem für die Öffentlichkeit noch "gereinigten" Bestseller, "Nachforschung: Schwarzpfeife" fest: "Unvorstellbar korrupt ist der Fußball. Es gibt kein einziges Ligaspiel ohne Betrug." Daraufhin wurde eine große Untersuchung des Fußballverbands angekündigt. Das Ergebnis? Anfang 2003 wurde Gong Jianping, ein Schiedsrichter aus Peking, der bloß ein kleiner Fisch in dem großen trüben Teich des chinesischen Fußballs ist, zum Sündenbock gemacht: Für 100.000 Yuan (etwa 10.000 Euro) Bestechungsgeld bekam er zehn Jahre Gefängnisstrafe. Er starb im Juli dieses Jahres. Seine unvollendete "Beichte" darf heute nicht veröffentlicht werden.
Mit Gongs Verurteilung wurde die Kampagne gegen die "Schwarzpfeife" gleich eingestellt und weitere Berichte darüber untersagt. Denn eigentlich sind alle im System, Spieler wie Trainer, Klubbesitzer wie Sportfunktionär, darin verwickelt gewesen. Die Summe, die jede Saison unter dem Tisch gezahlt worden sei, belief sich laut "Nachforschung: Schwarzpfeife" auf über zehn Millionen Yuan. Warum aber geben die Klubbesitzer so viel Geld für Bestechung aus? Teils weil sie unter Systemzwang stehen, teils weil sie selbst korrupt sind. Denn ein Team, das gut in der Tabelle steht, fördert das Image der Stadt, in der das Team seinen Sitz hat, und damit die Aufstiegschancen der Parteikader der Stadt. Steigen die Parteikader höher auf, werden sie immer mächtiger, das heißt, sie verfügen über immer mehr Staatsressourcen. Davon profitieren wiederum die Klubbesitzer. In Endresultat ist es also ein "Win-Win-Geschäft". Wer sollte da wem den Prozeß machen?
Die Zuschauer wenden sich ab
In der Klemme fiel dem chinesischen Fußballverband 2003 die einfache, aber geniale Lösung ein: Aus der zehn Jahre alten "Football League of China", die ihren Ruf verspielt hatte, wurde seit diesem Jahr die "China Football Super League". Die Probleme indes sind geblieben. Inzwischen wollen nicht einmal mehr die Wettbüros in Macao mit dieser Liga zu tun haben. Und in China selbst lockt der Fußball immer weniger Zuschauer - in der Regel nur einige tausend pro Spiel - in Stadien mit 50.000 oder 80.000 Plätzen. Und das zu denkbar niedrigen Preisen. In Schanghai kostet eine Eintrittskarte für ein Ligaspiel lächerliche 0,5 Yuan, fünf Cent also.
Auch Skandale gibt es wieder. Kurz vor dem Gruppenspiel gegen Kuweit verweigerte das Team vom Klub Guoan aus Peking mitten in einer Begegnung das Weiterspielen, weil es sich vom Schiedsrichter schlecht behandelt fühlte. Der Klub mußte danach 37.000 Yuan Geldstrafe bezahlen, der Schiedsrichter wurde für den Rest der Saison gesperrt. Am vergangenen Samstag kam es zu neuen Eklats. In Dalian wollte das Team vom Klub Shide nicht mehr spielen, in Tianjin wurde ein Linienrichter geschlagen. Auch wegen der wachsenden Gewalt im chinesischen Fußball plant das Land ein Anti-Hooligan-Gesetz, das Haft- und Geldstrafen für Randalierer vorsieht.
"Lieber sterben als ehrlos weiterleben"
Spätestens jetzt ist jedem klargeworden, daß vieles am System nicht stimmt. Dennoch hätte man alles in Kauf genommen und bis Saisonende gewartet, hätte nur das Nationalteam gut gespielt, sagte Zhang Hai, der Klubchef von Jianli-bao aus Shenzhen. Und er enthüllte lachend, daß in der letzten Saison der "Football League of China" "die Plätze zwei und drei durch Auslosung bestimmt wurden".
Am Wochenende haben sich die Aufständischen der Liga getroffen und "den Geist der vierten Konferenz des sechzehnten Parteitages" studiert. Danach steht ihr Schluß fest: Revolution! Und ihre Losung lautet: "Lieber sterben als ehrlos weiterleben." Daran hat Arie Haan, als er den Job in China annahm, bestimmt nicht gedacht.