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Fußball und Statistik Die Bundesliga im Datenrausch

18.05.2009 ·  Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast. Dennoch ziehen Fußballtrainer immer öfter Daten heran. Sind diese aber überhaupt objektiv? Oder lassen Sie nur Legenden entstehen?

Von Mischa Drautz
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Hans Meyer hatte sich auf den Angriff bestens vorbereitet. Warum er Marko Marin so wenig spielen lasse, wurde der Gladbacher Trainer beim sonntäglichen Fernseh-Stammtisch angegangen, der Nationalspieler könne doch so klasse Fußball spielen. Ja, ein wundervoller Junge, sagte Meyer. Deswegen habe er Marin auch in allen Spielen eingesetzt, außer als er wegen einer Gelbsperre fehlte. Aber einen jungen Mann neunzig Minuten spielen zu lassen sei so eine Sache. Fünfzehnmal habe Marin in dieser Saison durchgespielt, und dabei habe Mönchengladbach wie viele Punkte geholt? Meyer beugte sich aus seinem Sessel vor, schaute erwartungsfroh in die Runde und sagte: „Drei Punkte!“ Dann lehnte er sich genüsslich zurück. Journalisten, Experten und Zuschauer schwiegen. Die einen sahen geknickt, die anderen beeindruckt aus.

In einer Zeit, in der Spielanalytiker mit Hilfe ihrer Computerprogramme ein Fußballspiel in 10.000 Datensätze zerlegen, kann niemand mehr auf die Macht der Zahlen verzichten – zumindest nicht rhetorisch. „Zahlen sind ein geschicktes Totschlag-Argument“, sagt der Münchner Sportwissenschaftler Roland Loy. Das weiß auch Bruno Labbadia. Der Leverkusener Trainer sagt zum Beispiel: „Immer wenn Patrick Helmes viel unterwegs ist, wenn er in die Räume reinstartet, dann ist er erfolgreich.“ Dann schiebt er nach: „Man kann das nachweisen anhand der Statistiken.“

Sind die Daten überhaupt objektiv?

Während Meyer unspektakuläre Werte wie Spielzeiten und Auswechslungen hervorkramte, bezieht sich Labbadia auf analysierte Laufwege. Die Datenflut gibt selbstverständlich noch mehr her: Von der Anzahl der Sprints eines Spielers bis zum Schusswinkel bei einem Freistoß wird alles erfasst. Die vielen Analysewerte bedienen die Sehnsucht der Fußballwelt nach objektiven Erfolgskriterien. Doch sind überhaupt die Daten objektiv?

Der Markt für Fußball-Spielanalyse ist umkämpft. Während einige Firmen wie „Mastercoach“, deren Analysesystem von der deutschen Nationalmannschaft oder dem FC Bayern genutzt wird, und „Sports Analytics“ (unter anderem tätig für Wolfsburg, Bremen und Schalke) vor allem auf taktische Analyse spezialisiert sind, führt die Münchner Firma „Impire“ zusätzlich die größte Bundesliga-Datenbank. „Jeder Anbieter hat seinen besonderen Fokus, seine speziellen Methoden und erhebt Daten in unterschiedlicher Detailtiefe und Qualität“, sagt Mario Hanus von „Impire“: „Deswegen kommen tatsächlich nicht alle auf die gleichen Ergebnisse.“ Bei gewonnenen Zweikampfwerten sind zehn Prozent Unterschied keine Seltenheit. „Letztlich unterscheiden sich die Ergebnisse in fast allen Bereichen“, sagt Hanus, „außer bei Standardwerten wie Karten oder Toren.“

Lassen Zahlen die Legende vom schnellen englischen Spiel entstehen?

Es ist aber nur ein Problem, dass mit grundsätzlich unsicheren Werten argumentiert wird oder im Eifer des Gefechts falsche Zahlen verwendet werden (Marko Marin spielte bis dahin sechzehnmal und nicht, wie Meyer behauptete, fünfzehnmal komplett durch). Denn selbst objektiv unstrittige Werte können, ohne Kontext betrachtet, falsche Schlussfolgerungen auslösen. „Es gibt Zahlen, die bewusst allein stehend verwendet werden und Legenden entstehen lassen“, sagt Holger Rahlfs von der Firma „Impire“ und verweist auf die extreme Passgeschwindigkeit in England. Er vermutet, dass die Ballbesitzzeit in der Premier League nicht nur wegen des rasanten Spiels der Topmannschaften kürzer als in der Bundesliga ist, sondern auch, weil schwächere Teams dort noch häufig „Kick & Rush“ spielten. Außerdem könne der Wert auch entstehen, weil sich Spieler den Ball zwar schnell, aber quer zuspielen. „Man muss also immer vertikales Passen und die Fehlpassquote berücksichtigen“, sagt Rahlfs.

Christofer Clemens vom Konkurrenten „Mastercoach“ kann da nur zustimmen: „Intern wissen Trainer mit den Daten seriös umzugehen. Aber in der Öffentlichkeit wird nur an der Oberfläche der Spielanalyse gekratzt. Da werden Daten bewusst populistisch eingesetzt.“ Von Sportlern – und von Medien. So musste sich Jürgen Klinsmann kurz vor seiner Entlassung von einigen Journalisten anhand ausgewählter Lauf- und Zweikampfwerte vorrechnen lassen, dass sich die Bayern-Spieler seit seiner Ankunft nicht jeden Tag verbessert, sondern verschlechtert hätten. Ähnlich bewaffnet, sollen zuletzt Vereinsmanager und Spielerberater in Vertragsverhandlungen gezogen sein. „Zahlen lassen sich nur schwer wegdiskutieren“, sagt David Rosenkranz von „Sports Analytics“.

Endet der Datenhype bald?

Den Spielanalyse-Firmen, die für ihre Dienste von einem Verein zwischen 20.000 und 100.000 Euro pro Saison kassieren, nutzen die Diskussionen, weil sie ihre Bedeutung erhöhen. Sie schaden ihnen aber auch, weil im öffentlichen Umgang mit ihren Daten viel Unsinn getrieben wird. „Die moderne Technik der Spielanalyse beeinflusst jede Trainerarbeit“, sagt Rosenkranz – und meint das positiv. Mit alten Videozusammenschnitten hat die heutige Analyse nicht mehr viel gemein. Mit wenigen Mausklicks kann ein Trainer am Computer beispielsweise jeden gewonnenen Zweikampf von Topstürmer Grafite aufrufen. Zwar reißt man auch bei visuellen Analysen Szenen aus ihrem Kontext, aber sie werden bisher immerhin weniger populistisch in der Öffentlichkeit eingesetzt als Zahlen.

Christofer Clemens von „Mastercoach“ geht davon aus, dass sich der öffentliche Daten-Hype beruhigt. Vermutlich sei es nur eine typische Pendelbewegung. „Die Bundesliga hat sich in der Spielanalyse lange jungfräulich und konservativ verhalten. Jetzt redet man eben eine Weile übertrieben viel darüber.“ In England rege das Thema kaum noch jemanden auf, sagt Clemens. Technisch ausgefeilte Spielanalysen gehören dort zum Alltag – und werden mit wachsener Seriosität begleitet. An der John-Moores-Universität in Liverpool gibt es mittlerweile einen Studiengang, in dem Spielanalysten ausgebildet werden.

Und Marko Marins gruselige Neunzig-Minuten-Bilanz? „Das liegt nicht an Marko“, sagte Hans Meyer beim Fußball-Stammtisch noch – und ließ den Satz so stehen. Der Trainer hatte bestimmt im Kopf, dass er Marin bei drei der sechs Gladbacher Saisonsiege wohl nur ausgewechselt hatte, damit die Fans dem Matchwinner extra applaudieren konnten. Aber das auszuplaudern passte diesmal nicht in Meyers Konzept.

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