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Fußball und Rassismus Balotelli, das Feindbild Nummer eins

09.01.2010 ·  Mario Balotelli, der dunkelhäutige Stürmer von Inter Mailand, wird fast überall in Italien ausgepfiffen. Am schlimmsten treiben es die Fans von Juventus Turin: Hassgesänge gegen Balotelli gibt es in fast jedem Spiel - und sie zeigen Wirkung.

Von Tom Mustroph, Mailand
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Mario Balotelli hat es schwer in Italien, dabei ist der dynamische Angreifer doch eines der größten Talente im Land des Weltmeisters. Mit nur 19 Jahren hat er sich in der namhaft besetzten Offensivabteilung von Inter Mailand durchgesetzt, und beim Rückrundenstart sorgte er mit dem Siegtreffer in Verona dafür, dass sein Klub den souveränen Vorsprung gegenüber dem ebenfalls siegreichen Verfolgerduo AC Mailand (8 Punkte zurück) und Juventus Turin (9) bewahren konnte.

Doch weil dem in Palermo als Mario Barwuah geborenen und in Brescia bei der Pflegefamilie Balotelli aufgewachsenen jungen Mann ganz deutlich das Erbgut seiner aus Ghana stammenden leiblichen Eltern anzusehen ist, wird er immer wieder zum Objekt rassistischer Attacken gegnerischer Fans. Auch im ansonsten für sein eher faires Publikum bekannten Verona erging es ihm am Mittwoch nicht anders – Balotelli wurde beständig ausgebuht und revanchierte sich mit einigen Gesten.

Dafür wurde er nun von einem Sportrichter zu einer Geldstrafe von 7500 Euro verurteilt. Auch sein Verein muss zahlen – 15.000 Euro, weil Inter-Fans den ebenfalls dunkelhäutigen gegnerischen Spieler Luciano rassistisch beschimpft hatten. Chievo Verona wurde für die Ausrufe seiner Anhänger nicht belangt.

„Eine Schande, die aufhören muss“

„Ich habe mich in Verona für unsere Fans geschämt. Das ist eine Schande, die aufhören muss“, schreibt Balotelli auf seiner Website und entschuldigt sich bei den Zuschauern, die sich nicht an den Schmährufen gegen ihn beteiligt hätten. „Aber ich habe es satt, rassistische Sprüche selbst dann zu hören, wenn ich mich auf dem Platz gut verhalte.“

Schon direkt nach dem Spiel hatte er sich über die feindselige Einstellung der Chievo-Fans beschwert. Diese Klage wurde ihm vom Bürgermeister der Stadt als schlechter Stil angekreidet. „Aus Balotelli wird nie ein echter Champion“, ließ sich Flavio Tosi vernehmen. Der Politiker der Lega Nord fiel schon im Jahr 2001 wegen rassistischer Parolen gegen Roma und Sinti auf und wurde im vergangenen Jahr wegen ähnlicher Vorfälle verurteilt.

Beschimpfungen zeigen bei Balotelli Wirkung

Mittlerweile zeigen die Beschimpfungen bei Balotelli Wirkung, weil er darauf häufiger reagiert. Dabei lässt sich folgende Korrelation zwischen Leistung und Pfeifkonzert feststellen: Je besser er spielt, desto heftiger ist das Getöse auf den Rängen. Auf die unflätigsten Beschimpfungen trifft Balotelli seitens der Fans von Juventus Turin.

Sie haben ihn seit der Begegnung gegen Inter im vergangenen Frühjahr im Visier. Balotelli erzielte damals die 1:0-Führung. Vom weiß-schwarzen Fanlager wurde er so heftig provoziert, dass er sich eine Gelbe Karte einhandelte und Trainer Jos Mourinho ihn schließlich aus Sicherheitsgründen vom Platz nahm. Juventus gelang noch der Ausgleich. Der Disziplinarausschuss des Verbandes entschied wegen des unsportlichen Verhaltens der Fans, dass Juventus das nächste Heimspiel vor leeren Rängen austragen musste.

Immer wieder schallende Hasschöre

Doch diese Strafe hatte nur geringe Wirkung. Bei den Juve-Fans haben sich Anti-Balotelli-Sprechchöre als beliebtes Ventil durchgesetzt. Sie gebrauchen es in absurder Regelmäßigkeit, selbst wenn Balotelli Hunderte Kilometer entfernt ganz andere Gegner schwindlig spielt. Trotz seiner Abwesenheit formieren sich Juve-Anhänger immer wieder zu schallenden Hasschören. So geschah es vor ein paar Wochen zur Verblüffung der französischen Fans selbst in Bordeaux, als Juventus dort seinen Ausstieg aus der Champions League einleitete.

Das Schauspiel wiederholte sich bei der Turiner Heimniederlage gegen Catania, die das vergangenen Jahr beschloss. Der sportliche Misserfolg – fünf Niederlagen in den letzten sechs Partien des Jahres 2009 – wurde von zwei Strafen zu je 10.000 Euro wegen der Schmähgesänge gegen Balotelli begleitet. Der Verein aber ringt sich trotz dieses Imageverlustes wenn überhaupt, dann nur zu halbherzigen Ermahnungen durch.

Diego und Felipe Melo gelten manchen Fans als Versager

Weil die gegenwärtige Lage trotz des knappen Sieges beim FC Parma auch sportlich weiter recht düster ist, attackieren die enttäuschten Fans jetzt nicht mehr nur Balotelli. Ihre Wut ist auch ins eigene Lager gerichtet. Die teuren Neueinkäufe Diego und Felipe Melo (insgesamt 50 Millionen Euro) gelten ihnen als Versager. Den wenig geliebten Rückkehrer Fabio Cannavaro bedenken sie wegen dessen neapolitanischer Herkunft ebenfalls mit Schmähreden. Präsident Jean Claude Blanc werfen sie neben mangelnden Fußballsachverstand immer wieder auch dessen französische Nationalität vor. Die Neigung, wenig geschätzte Personen vor allem aufgrund ihrer Herkunft zu diffamieren, deutet auf eine wenig ausgereifte soziale Grundstruktur hin.

Bei einem Sieg von Juventus gegen den AC Mailand am Sonntag wird Mario Balotelli vielleicht im Turiner Stadio Olimpico einmal nicht beschimpft werden. Bei dem mit einer Niederlage verbundenen sportlichen Absturz – Juve wäre bei dann bei vier Punkten Rückstand auf den AC Mailand (zudem ein Spiel weniger) und deren zwölf auf Inter (empfängt den Tabellenletzten Siena) – im Titelkampf fast schon hoffnungslos abgeschlagen – ist aber das Schlimmste für den Fortgang der Spielzeit und für Balotelli zu befürchten.

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