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Fußball und Lyrik „Dichter brauchen Instinkt - wie Stürmer“

02.08.2005 ·  Pünktlich zum Start der WM-Saison präsentiert Dichter und Fußballfreund Robert Gernhardt Gedichte zum runden Leder auf Plakaten. Im Interview spricht er über Fußball, Lyrik und „La Ola“ der Leser.

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Robert Gernhardt ist Dichter, Zeichner und Gewinner des Heinrich-Heine-Preises. Pünktlich zum Start der WM-Saison präsentiert er Fußball-Gedichte auf Plakaten. Im Interview spricht er über Fußball, Lyrik und „La Ola“ der Leser.

Die Bundesligasaison steht unmittelbar bevor, die Weltmeisterschaft rückt näher, und nun sind in acht Städten Fußballgedichte von Ihnen und sieben anderen Dichtern auf 5000 Plakaten sowie in Bahnhöfen zu sehen und zu lesen. Wieviel Fußball verträgt der Mensch?

Ziemlich viel, wenn er spannend ist. Ich beiße nur an, wenn es um etwas Großes geht. Als ich während der WM 2002 in Italien weilte, habe ich sogar vormittags ständig vor dem Fernseher gesessen.

Warum hat der Fußball so viele Fans, die Lyrik so wenig Leser?

Die Lyrik hat einen unglaublichen Vorlauf vor dem Fußball. Sie ist Tausende von Jahren alt, den Fußball gibt es erst seit etwa 1850. Möglicherweise haben die Menschen mittlerweile genug von der Lyrik. Trotzdem paßt sie gut in die Zeit. Ein Fußballspiel dauert neunzig Minuten, Gedichte als Kurzform sind viel leichter in den Alltag zu integrieren.

Welchen Zweck erfüllt die Plakataktion, die ja Teil des Fifa-Kulturprogramms zur WM 2006 ist?

Offenbar besteht ein Bedürfnis, den Fußball kulturell aufzuwerten. Dabei sagt der Begriff Spielkultur doch eigentlich alles. Aber es ist nicht sträflich, Botschaften zu vermitteln, die nicht unbedingt etwas verkaufen wollen. Gedichte sind nicht zweckgerichtet, aber vielleicht kommen die Leute ins Grübeln und lesen mal wieder.

Passen Sport und Literatur denn überhaupt zusammen?

Von seiten der Literaten gibt es wenig Berührungsscheu, und ab und zu wird auch von einem Fußballspieler gesagt, er lese Siegfried Lenz. In der Öffentlichkeit stehen die Profis aber selten dazu, vielleicht ist es schlecht fürs Image.

Ist ein gelungener Reim oder eine Pointe für den Dichter so etwas wie ein erzieltes Tor für einen Stürmer?

Dies gilt nicht nur bei Gedichten, sondern auch bei komischen Szenen. Ein Dichter braucht einen Pointeninstinkt, wie Stürmer einen Torinstinkt brauchen. Man muß sich auf die Pointe zubewegen und im entscheidenden Moment verwerten. Auf den Abschluß kommt es an, mit einem Unterschied: Trifft einer ins Tor, dann ist eindeutig, daß es geklappt hat. Ob eine Pointe gelungen ist, ist längst nicht so klar. Im Gegensatz zum Fußballer weiß der Dichter deshalb nicht, wie gut er ist. Hölderlin war ja ein Riesentalent, wurde aber erst spät gewürdigt. So etwas passiert Ballack nicht.

Vielleicht fehlt den Dichtern ja eine spontane Reaktion des Publikums ...

Ich würde mir bei Lesungen auch wünschen, daß tausend Leute begeistert schreien und La Ola machen. Aber erst mal verstreicht einige Zeit, ehe etwas aus dem Publikum zurückkommt. Und wenn ein Gedicht schlecht wäre, dann könnte ich ja behaupten: Ich war mental nicht auf dem Papier.

Die Fragen stellte Thomas Klemm.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.07.2005, Nr. 30 / Seite 15
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