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Fußball Reisefreudige Gewalttäter

08.04.2005 ·  Randale auf dem Fußballplatz gibt es auch im Westen. Doch vor allem der Osten hat ein Gewaltproblem mit Hooligans.

Von Matthias Wolf, Berlin
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Wie soll man den Satz von Madeleine Reimann deuten? Vermutlich schwingen Hoffnung und Routine gleichzeitig mit. "Im Moment ist alles ruhig", sagt die Beamtin der Polizeidirektion Dresden, "wir bereiten uns vor wie immer und rechnen mit allem. Wie immer." Am Freitag erwartet Dynamo Dresden den TSV 1860 München. Spätestens seit den Vorfällen vor Wochenfrist ist das ebenso kein normales Spiel der Zweiten Bundesliga wie Energie Cottbus gegen Eintracht Trier, das zeitgleich stattfindet. Denn in allen drei Flutlicht-Partien - allesamt mit Ost-Beteiligung - kam es zu Ausschreitungen.

Die schlimmsten ereigneten sich in Aue, wo der Cottbuser Trainer Petrik Sander ein Knalltrauma erlitt. Direkt neben seinem Kopf war ein Feuerwerkskörper, Fabrikat "Horror-Knall", explodiert. Ferner wurden an diesem schwarzen Freitag während des Spiels zwischen Rot-Weiß Essen und Dresden Profis mit Gegenständen beworfen und Rauchbomben gezündet. Es kam zu zwanzig Festnahmen. In Aachen zettelten Erfurter Fans Schlägereien an, ein Polizist wurde verletzt. Obendrein kündigten Cottbuser Rowdys an, im Verbund mit Hooligans anderer Vereine am 15. April in Erfurt randalieren zu wollen. Jetzt wird der Zugang zum Stadion an die Vorlage des Ausweises gebunden. Die zweite Liga, vor allem der Fußball-Osten, hat ein Problem.

Vor allem der Fußball-Osten hat ein Gewaltproblem

Bei Alfred Sengle, dem Sicherheitsbeauftragten des Deutschen Fußball-Bundes, löst diese Feststellung jedoch Unbehagen aus. Krawalle gebe es auch im Westen, sagt er, "allerdings ist ein Faktum, daß die Ost-Traditionsvereine oft ein sehr problembelastetes Umfeld haben". Vor allem Aufsteiger Dresden ist mehrfach auffällig geworden. In Sachsen schrecken auch bisher verhängte 149 Stadionverbote nicht ab. In Dresden gebe es "einige Kriminelle, die dem Klub gezielt schaden wollen", sagt Hans-Georg Moldenhauer, Ost-Vertreter im DFB-Präsidium. Die Polizistin Madeleine Reimann hingegen spricht von "erlebnisorientierten Jugendlichen, die einen Schluck zuviel getrunken" hätten.

Betrachtet man die schweren Ausschreitungen von Dresdnern in Karlsruhe und gegen Cottbus, ist das eine euphemistische Darstellung. Sie erklärt aber auch die Reaktion von Iris Tappendorf, der Leiterin der Ermittlungsgruppe (EG) Hooligan der Berliner Polizei, die 1000 gewaltbereite Fans gelistet hat. "Wir gehen mit aller Härte gegen unsere Hooligans vor", sagt sie - und verweigert die Auskunft, wie das anderswo gehandhabt werde: "Es steht mir nicht zu, die Polizeiarbeit in anderen Ländern zu kritisieren." Doch ist bekannt, daß Berliner Fußball-Gewalttäter gerne verreisen - auch und vor allem südöstlich, wo es sich leichter toben läßt. "Die Szene reagiert auf harte polizeiliche Maßnahmen und versucht, sich diesen zu entziehen", ist Tappendorf überzeugt, daß die Krawallmacher nur eine Sprache verstehen: die der Gegengewalt.

Eine neue Generation von Hooligans

Mittlerweile bestätigt dies sogar der renommierte Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz, der sich einst als Fanforscher für die weiche Welle ausgesprochen hatte. "Es gibt Leute, die es nicht anders begreifen", sagt er nun, es gebe "eine neue Generation" gewaltbereiter Fans. So brannten in Aue minutenlang Fahnen, doch Ordner und Polizei "stehen nur da und schauen zu - wie im Theater", kritisierte Dieter Krein, der Cottbuser Präsident, und fordert ebenso ein härteres Vorgehen wie sein Auer Amtskollege Uwe Leonhardt, der künftig gerne Wasserwerfer im Stadion hätte.

Der Berliner EG Hooligan gehören 22 Beamte an. In den meisten Städten im Osten aber stehen wenige szenekundige Beamte "einer großen Hooliganszene gegenüber, die historisch gewachsen ist", so Tappendorf. "Es gab ja auch schon zu DDR-Zeiten Randale - nur wurde kaum darüber berichtet." In Berlin jedenfalls gibt es kaum noch nennenswerte Zwischenfälle.

In den unteren Ligen wachsen die Probleme

Im Olympiastadion schon gar nicht, in dem jeder Winkel mit Video beobachtet wird. Wie in fast jeder Bundesliga-Arena. In der zweiten Liga sieht das schon anders aus. So laufen jetzt in dem baufälligen Stadion in Dresden zumindest die ersten Testläufe mit Videoüberwachung an. Das Problem werde größer "von oben nach unten", sagt DFB-Sicherheitschef Sengle. Je tiefer die Liga, desto schwieriger die Beherrschung der Fan-Klientel - weil sämtliche Strukturen, von Ordnungskräften bis Stadion, oft dem Gewaltpotential nicht angemessen seien. Das gilt für viele Ost-Traditionsvereine im Amateurlager. In gewisser Weise, sagt Sengle, entlade sich beim Fußball im Osten durch das Ventil Gewalt der Frust "über die politische Entwicklung in den letzten Jahren". Dem sei mit Repressalien allein nicht beizukommen, glaubt er. Der DFB plane deshalb verstärkt Schulungen mit den Vereinsordnern.

Quelle: F.A.Z., 08.04.2005, Nr. 81 / Seite 31
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