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Fußball Porentief reine Leidenschaft

20.02.2007 ·  Die Fans der Eintracht und der Kickers schwanken zwischen neuer Harmoniesucht und alter Rivalität. Die Frankfurter Anhänger treibt nur ein Gedanken um: Hoffentlich ist dieses Spiel bald vorüber - mit einem Sieg für die eigene Mannschaft.

Von Steffen Gerth
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Deutet man die Einschätzung von Stephan von Ploetz richtig, dann treibt die Fußballfans von Eintracht Frankfurt derzeit nur ein Gedanken um: Hoffentlich ist dieses Spiel bald vorüber - mit einem positiven Ausgang für die eigene Mannschaft. „Wir haben größere Sorgen als das Derby“, sagt von Ploetz und verweist auf die sportliche Lage der Eintracht, die nach der jüngsten Heimniederlage gegen Stuttgart mies ist. Die Angst vor dem Abstieg in die zweite Liga geht um. Am Samstag muss die Eintracht zum Hamburger SV, und von Ploetz hat Angst „vor der nächsten Klatsche“.

Daher ist nicht nur beim Leiter des Frankfurter Fanprojekts nur eine minimale Vorfreude auf das Fußballderby auszumachen, von dem die Region seit Tagen immer lauter redet. Die DFB-Pokalbegegnung am Dienstag (20.30 Uhr) bei den Offenbacher Kickers auf dem Bieberer Berg ist angesichts der unerfreulichen Lage fast ein Störfaktor, denn eine Niederlage gegen den ungeliebten Zweitligaklub würde die bedauernswerte Stimmung im Eintracht-Fanlager weiter verschlechtern. „Und die Hierarchie in der Region wäre durch einen Offenbacher Sieg auf den Kopf gestellt“, sagt von Ploetz, und erinnert sich an das Derby 2003, als dieselbe Angst die Frankfurter Fans derart gelähmt habe, „dass wir vor Aufregung nicht einmal gesungen hatten.“ Heute wie damals hätten vor allem die jungen Anhänger Orientierungsprobleme mit diesem Spiel, denn als wichtige Eintracht-Gegner gelten längst andere Bundesliga-Größen wie Stuttgart oder Bayern. Offenbach erzeuge dagegen nur noch bei den Altvorderen glänzende Augen: „Das Spiel findet einfach zu selten statt“, klagt von Ploetz.

Fanbetreuer kooperieren

Dass das Fanlager grenzenlos fasziniert ist von diesem Derby, lässt sich wenige Tage vorher nicht unbedingt behaupten. Es scheint eher so wie schon 2003, als die vielen Reglementierungen den Anhang auf beiden Seiten regelrecht erdrückt hatte. Wer damals beobachten durfte, wie streng der Eintracht-Block von der Polizei zum Bieberer Berg eskoriert wurde, dem war die Lust auf Fußball vergangen. Von Ploetz teilt Behauptung, dass die Fans für Leidenschaft, große Gefühle und derbyaffine Stimmung sorgen sollen - aber bitte alles porentief rein, hübsch fröhlich. Eine Crux. „Die Fußballsprache ist rau, und Aggression gehört zum Menschsein“, sagt er.

Bernd Giring versichert, dass die Fan-Rivalität zwischen Frankfurt und Offenbach ein stabilisierndes Element sei. Die „Harmoniesucht im Vorfeld“, die er konstatiert, sei aber albern, „denn es ist immer noch ein Derby“. Für den Mitarbeiter des Kickers-Fanprojekts wirkt es daher leicht befremdlich, wenn sich OFC-Präsident Dieter Müller mit einem Eintracht-Schal ablichten lässt. Zuviel Weichspülerei könnte bewirken, dass genau deswegen einigen der Kamm schwillt. Die beiden studierten Pädagogen Giring und von Ploetz kuscheln nicht miteinander, aber sie kooperieren bestens.

Beide sind in ständigem Austausch. Beide müssen der Öffentlichkeit auch erklären, dass es bei so einem Derby freilich deftig zugeht, dass diese Stimmung zur Folklore gehört - an der viele Zuschauer ihren Spaß haben. Das Reden der beiden Fanbeauftragen ist aber auch davon bestimmt, dass diese hohe Emotionalität nicht zwangsläufig in zerstörende Gewalt umschlagen muss - und vor allem mit den jüngsten Fankrawallen in Italien oder Leipzig nichts zu tun hat. „Die Vorkommnisse in Leipzig haben das Derby faktisch null berührt“, sagt Giring und verweist auf die intensive Fanarbeit in Frankfurt und Offenbach, die es in ostdeutschen Vereinen mangels Geld zu selten gebe.

„Extreme Anspannung erwartet“

Dass am Dienstag in Offenbach wahrscheinlich keine Leipziger Verhältnisse regieren werden, könnte auch an den Behörden der Stadt liegen. Denn sowohl Giring als auch von Ploetz äußern sich lobend über die Zusammenarbeit mit der Offenbacher Polizei um Einsatzleiter Jürgen Moog. „Dort wurden nur Leute eingeladen, die wissen, von was sie reden“, sagt Giring. Sein Frankfurter Kollege hat sogar Verständnis für die Ordnungshüter, „denn auf denen lastet ein großer Druck. Aus deren Sicht darf einfach nichts passieren“.

Aber wer kann schon garantieren, dass nichts passiert? Und wäre ein Allerweltsfaustkampf, so wie auf Volksfesten, gleich Grund für allgemeine Hysterie? Giring berichtet, dass er in den Sitzungen mit der Polizei immer gefragt worden sei, ob er genau einschätzen könne, wie sich die Fans verhalten. „Aber wie will ich das genau vorhersagen können?“ Um die Gemüter zu beruhigen, verweist Giring stets auf das Derby vom September 2003, als alle mit dem Schlimmsten rechneten, „aber überhaupt nichts passiert ist“. Den Eintracht-Fans raubte damals vielmehr der Kampf um die wenigen Tickets die Nerven. Daher darf die diesjährige Mildtätigkeit der Kickers, dem Nachbarn freiwillig statt der vorgeschrieben 2650 nun 4000 Tickets zukommen zu lassen, durchaus als wichtige entspannungspolitische Maßnahme gewertet werden.

Regiert trotzdem Freude auf dieses Match? „Kaum“, sagt Giring, „mir ist es wichtiger, dass nichts passiert. Und deswegen werde ich von dem Spiel auch nicht viel mitbekommen.“ Von Ploetz erwartet bei sich extreme Anspannung, die sich erst dann früher lösen wird, „wenn die Eintracht 3:0 führt“. Denn das hieße, die Pokalprüfung sei bestanden - und man könnte sich wieder auf den Abstiegskampf in der Bundesliga konzentrieren.

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